Dienstag • 27. Juni
Bericht
15. März 2017

Du kannst ja wieder lächeln

Über 600.000 Bürger aus Syrien sind seit 2014 nach Deutschland geflüchtet. Auch das christliche Ehepaar Waad und Razek. Ihre Heimatstadt Aleppo wurde im Bürgerkrieg stark zerstört. Die beiden Mediziner wollen in Deutschland als Ärzte arbeiten. Doch dafür müssen sie einige Hürden überwinden. Pastorin Luitgardis Parasie aus Langenholtensen bei Northeim hat sich mit der Familie angefreundet. Für idea berichtet sie über die Alltagsschwierigkeiten.

SMS von meiner syrischen Freundin Waad: „Ich brauche deine Hilfe. Jan konnte heute früh plötzlich nicht mehr laufen. Ich muss in die Kinderklinik nach Göttingen zum Röntgen. Kannst du mich hinfahren?“ Jan ist Waads 15 Monate alter Sohn. Ich fahre zu ihnen. Wohnung in einem Northeimer Altbau, dritter Stock. Enges Treppenhaus ohne Fahrstuhl. Hier schleppt Waad mehrmals am Tag den Kleinen und alle Einkäufe hoch, die 4-jährige Tochter Mary im Schlepptau. Waad öffnet mir, Jan auf dem Arm. Der Schreck steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie stellt das Kind auf den Boden, aber mit dem rechten Bein kann er nicht auftreten, schreit jämmerlich.

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Das Vaterunser auf Deutsch-Arabisch

Waad ist Ärztin, sie weiß, was für schreckliche Diagnosen hinter so einem Symptom stehen können. Ich hole medizinischen Rat ein. „Bis vor zwei Tagen hatte er hohes Fieber? Vielleicht eine Hüft-Arthritis infolge des Virusinfekts. Das geht oft schnell wieder weg. Ich würde bis morgen warten. Wenn es dann nicht besser ist, kann man immer noch in die Kinderklinik“, erfahre ich. Waad beruhigt sich etwas. „Du kannst ja wieder lächeln“, sagt ihre Mutter. Die Eltern wohnen in London. Sie sprechen nur Arabisch und Englisch und sind gerade zu Besuch. „Soll ich mit euch beten?“, frage ich. Gerne. Alle stehen auf und bekreuzigen sich. Ich bete für Jan, und dann sprechen wir das Vaterunser. Ich auf Deutsch, alle anderen auf Arabisch. Was für eine berührende Erfahrung christlicher Gemeinschaft über Sprach- und Konfessionsgrenzen hinweg. Jetzt heißt es warten und hoffen. Die 33-jährige Waad stammt aus Al Hasaka in Nordostsyrien. Sie wurde von ihrer Mutter katholisch erzogen. Mit 17 zog sie zum Medizinstudium nach Aleppo. 2006 schloss sie ihr Studium ab, 2012 die Facharzt­ausbildung zur Gynäkologin. Bereits seit 2010 betrieb sie eine eigene Praxis in einem armen Stadtteil Aleppos. Doch ab Juli 2012 konnte sie ihre Praxis nicht mehr erreichen, weil das Gebiet von regierungsfeindlichen muslimischen Rebellen besetzt war. Ihre Patientinnen mussten sich auf komplizierten Wegen mit ihr in der Klinik verabreden. Auch ihr Mann Razek verlor in seiner onkologischen Praxis immer mehr Patienten: Die einen waren geflohen, für andere wurde der Weg durch das umkämpfte Aleppo zu gefährlich. Das Facharztehepaar litt unter Arbeitsmangel. Aleppo war einst eine wunderschöne weltoffene Stadt. Mit palmengesäumten Boulevards, prächtigen Basaren und Universität. Doch inzwischen sind große Teile zerstört, und das Leben wurde unter dem islamischen Einfluss zunehmend schwieriger. Waad konnte sich nicht mehr frei bewegen. „Mit Kurzarmbluse zur Arbeit: ausgeschlossen. Immer lange weite Kleidung und am besten noch ein Tuch über die Haare.“ Man zeige auch seine Gefühle nicht: „Du musst lachen, selbst wenn du traurig bist, sonst giltst du als arrogant. Ständig wird man beobachtet und kritisiert.“ Seit dem Krieg sei es immer schlimmer geworden. Waad liebt ihre Heimat, sie wollte nicht weg. Sie vermisst ihre Freunde. Razek fehlt die heiße Sonne, das Licht: „Hier in Northeim muss er zur Arbeit gehen, wenn es noch stockfinster ist.“

Eine Bombe schlug in die Kirche ein

Aber an Heiligabend 2013 traf eine Rakete ihr Wohnzimmer und zerstörte es. Ihre Angst und Sorgen wuchsen. Dann kam der April 2014. Sie war mit Mary in Aleppos katholischer Latinkirche, da schlug eine Bombe ein. „Alle Fenster zerbarsten. Ich schrie. Der Pastor sagte, wir sollten uns an den Wänden entlang hinstellen.“ Ihr passierte nichts, aber Schock und Panik blieben. In dieser Nacht sagte sie zu Razek: „Ich will nicht mehr in Aleppo bleiben.“ Ihre Schwester war 2013 übers Meer nach Schweden geflohen, ihre beiden Brüder leben in London. Razek zögerte, denn er wollte seine Eltern nicht allein lassen. Aber die wollten auch weg, und so fuhren sie im Juni 2014 alle mit dem Auto nach Beirut. Die Eltern wagten die gefährliche Reise übers Meer. Waad und Razek ließen ihre Zeugnisse und erforderlichen Unterlagen auf Deutsch übersetzen, denn sie hatten gehört, dass die deutsche Botschaft Ärzten ein Visum ausstellen würde. „Man muss aber erst ein Sparkonto in Deutschland eröffnen und pro Person mindestens 8.000 Euro darauf überweisen, sonst bekommt man das Visum nicht.“

Was, bitte, ist die Haager Apostille?

Das war erst der Anfang eines langen, steinigen Weges. Erst mal heißt es, die Sprache lernen. „Das Perfekt: ge-gangen, ge-sehen. Aber warum ist das ge- manchmal mitten im Wort: Zu-ge-hört?“ Zwei deutsche Familien halfen Waad und Razek in der ersten schwierigen Zeit. Inzwischen sprechen sie gut Deutsch. Das müssen sie auch, denn der erste Schritt für ihr berufliches Weiterkommen ist die ärztliche Sprachprüfung: Da muss man zeigen, dass man einen Patienten auf Deutsch befragen, untersuchen und beraten kann. Derzeit fallen 50 Prozent dabei durch. Wenn diese Hürde genommen ist, kann man eine vorläufige Arbeitserlaubnis als Arzt in einer Praxis oder Klinik bekommen und muss dann in der Regel die Approbation (Zulassung) nachholen. Dafür sind Unmengen Papiere vorzulegen. Etwa die Haager Apostille. Nie gehört? Ausländische Ärzte brauchen diese Beglaubigung einer Beglaubigung ihrer Zeugnisse. Man bekommt sie nur am Ort, wo die Dokumente ausgestellt wurden. Für Flüchtlinge oft ein unmögliches Unterfangen, denn sie können da ja nicht mehr hin.

Razek ist schon weiter, Ende März findet seine Prüfung zur Approbation statt. Er lernt Tag und Nacht dafür. Mit der Approbation ist er einem deutschen Arzt gleichgestellt. Aber seine Facharztausbildung zum Onkologen (Facharzt für Krebskrankheiten) muss er ebenfalls noch mal machen. Das heißt, vom Ankommen in Deutschland bis zum fertigen Facharzt vergehen sechs bis acht Jahre. Ein langer Weg, bei dem Waad noch ganz am Anfang steht. Denn kaum war sie im Januar 2015 in Deutschland angekommen, wurde sie schwanger. „Ich machte mir riesige Sorgen: Wie sollen wir das finanziell schaffen? Ich wollte doch arbeiten.“

Ein uneheliches Kind gilt als Schande

Abtreiben kam für sie nicht infrage. „In Syrien treiben Frauen häufig ab. Es ist zwar illegal, aber viele Ärzte machen es trotzdem und verdienen viel Geld damit. Selbst im 5. oder 6. Monat brechen sie die Schwangerschaft ab.“ „Auch Muslimas?“ „Ja“, sagt Waad, „und wenn man sie fragt: ‚Du weißt doch schon lange, dass du schwanger bist, warum kommst du so spät?’, sagen sie: ‚Der Mann hatte versprochen, mich zu heiraten, aber jetzt hat er mich verlassen.’ Und ein Kind zu bekommen, ohne verheiratet zu sein, ist in Syrien eine große Schande.“ Verhüten sie denn nicht? „Kaum ein syrischer Mann benutzt Kondome. Und die Pille regelmäßig einnehmen, das kriegen viele weniger gebildete Frauen nicht hin. Die einzige Möglichkeit ist die Spirale, dazu hab ich meinen Patientinnen immer geraten.“ Als Kind ging Waad in den Kindergottesdienst. Auch in Northeim besucht sie gerne den Gottesdienst. „In der katholischen Kirche ist es ein bisschen wie in Aleppo. In der evangelischen ist es flexibler, und ich kann meine Kinder mitnehmen.“

„Du musst zur Kirche gehen“

Sie mag das, aber die Kommunion (das Abendmahl) fehlt ihr, deshalb geht sie zwischendurch immer wieder zur Messe. Jeden Abend betet sie. Der Glaube wirkt sich positiv auf sie aus. Wenn sie sehr nervös ist, sagt Razek: „Du musst zur Kirche gehen.“

Inzwischen besucht Jan die Krippe, und Waad bereitet sich auf die ärztliche Sprachprüfung vor. Demnächst wird sie in einer Praxis hospitieren. Was aber Jans Bein betrifft, hat unser Gebet geholfen. Am Abend bekomme ich eine SMS von Waad: „Jan kann wieder laufen (ein bisschen mit einem Drall nach rechts). Gott sei Dank!“

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