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Kommentar
20. November 2017

Der Kampf um idea

idea und die EKD – Eine spannungsvolle Geschichte. Ein Kommentar von idea-Leiter Helmut Matthies

Am 15. November hat die Synode der EKD entschieden, als einzigem Medienwerk der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) den jährlichen Zuschuss von 132.000 Euro im nächsten Jahr auf 90.000 und 2019 auf 60.000 Euro zu kürzen. Ab 2020 wird er ganz gestrichen. idea ist vorher weder vom Präsidium der Synode noch vom Kirchenamt der EKD vorgewarnt worden. Es gab keine Angebote zu einem Gespräch. Ansonsten wurde bei der kirchlichen Publizistik nicht gespart. Warum auch? Nie nahm die EKD so viele Kirchensteuern ein wie 2016: 5.450 Millionen Euro. Dass die EKD-Synode mit ihrer Entscheidung gegen idea nicht „die“ EKD repräsentiert, zeigte sich schon drei Tage später, als die Synode der geistlich lebendigsten mitteldeutschen Kirche, der sächsischen, darauf reagierte und entschied, idea einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 15.000 Euro zu gewähren.

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Warum gibt es überhaupt idea?

idea wurde 1970 ohne jeden kirchlichen Zuschuss gegründet. Ursprünglich standen die vier Buchstaben idea für Informationsdienst der Evangelischen Allianz. Führende Vertreter dieses Dachverbandes der Evangelikalen haben unter Leitung des Direktors des Evangeliums-Rundfunks, Pastor Horst Marquardt, idea gegründet, weil in der kirchlichen Publizistik Themen, die Pietisten bzw. Evangelikalen oder generell theologisch Konservativen wichtig sind, nicht vorkamen. Als sich nach Gesprächen mit damaligen (!) Vertretern der kirchlichen Publizistik ergab, dass sich daran auch nichts ändern würde, hat man – weil es eben keine Alternative gab – eine eigene Agentur gegründet. In den ersten Jahren wurde idea kirchlich völlig ignoriert. Als das nicht mehr möglich war, hat man idea bekämpft. Als man merkte, dass dies das Gegenteil bewirkte, bot die EKD schon Ende 1978 idea eine sehr hohe regelmäßige Subvention an. Aber aufgrund der daran geknüpften erheblichen Bedingungen lehnte sie der idea-Vorstand ab, da sonst die Eigenständigkeit verloren gegangen wäre.

Wie kam es zum Zuschuss der EKD für idea?

idea verfolgte seinen Weg weiter – unabhängig wie zuvor. Ab 1979 wurde ideaSpektrum herausgegeben, das sich zum auflagenstärksten überregionalen evangelischen Wochenmagazin entwickelte und sich mit fast 100.000 Lesern und dem größten christlichen Stellenmarkt bald finanziell trug. Doch wie bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) und dem Evangelischen Pressedienst (epd) auch, ist heute ein die Medien versorgender Pressedienst leider nicht ohne finanzielle Hilfe machbar. Hierfür wie für alle seine Internetaktivitäten erbittet idea Spenden bzw. Zuschüsse. Für die jetzt gekürzte und ab 2020 gestrichene relativ bescheidene Subvention der EKD hat ab 1980 eine kleine, aber mutige evangelikale Minderheit im „Kirchenparlament“ um Prof. Erika Kimmich, Dekan Kurt Hennig, Prof. Axel von Campenhausen und an der Spitze Dekan Rolf Scheffbuch gesorgt. Mit großer damaliger Zustimmung der Synode erhält idea sie seit 1982. Die Begründung Scheffbuchs: Die EKD brauche sowohl den epd als auch idea, „weil der eine etwas bringt, was der andere nicht veröffentlicht“. Dass idea viel über die EKD und ihre 20 Mitgliedskirchen veröffentlicht, ist immer wieder anerkannt worden. So heißt es im Haushaltsplan der EKD 2012 (ähnlich 2016): idea ist mit seinen „Produkten (u. a. idea-Pressedienst, idea-Spektrum, idea-Bild, idea-Dokumentation) anerkannter Bestandteil der evangelischen Publizistik. idea gelingt es, mit seiner Arbeit eine theologisch wie politisch konservativ bzw. evangelikal geprägte Klientel innerhalb des Protestantismus zu bedienen, die zugleich zu den besonders kirchentreuen Mitgliedern zählt. Damit erfüllt idea ... eine wichtige Brückenfunktion innerhalb der evangelischen Kirche.“ An anderer Stelle wurde hervorgehoben, dass idea sparsam und verantwortungsvoll mit dem ihm anvertrauten Geld umgeht.

Wenn es Probleme gab, wurden sie gelöst

Wenn es in all den Jahren mal Probleme gab, sind sie gelöst worden. So 1987, als versucht wurde, idea die Verbreitung seiner Nachrichten auf elektronischem Wege zu verbieten. Erfolgreich vermittelte der damalige Präsident des Kirchenamtes der EKD, Otto von Campenhausen. Sein Nachfolger – Valentin Schmidt (SPD) – ist schon vor seinem Amtsantritt 1997 stets bemüht gewesen, idea einzubinden. Hermann Barth, der Schmidt von 2006 bis 2010 folgte, ist regelmäßiger Autor in idea gewesen. Auch zum jetzigen Geschäftsführer des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (zu dem der epd gehört), Jörg Bollmann, besteht ein gutes, faires Verhältnis.

Seit seiner Gründung hat idea kritische Beiträge über Vorgänge in Kirchen veröffentlicht – meist weil es sonst niemand tat. Und wie verhielten sich die EKD-Ratsvorsitzenden? Fast alle besuchten bisher die idea-Zentrale in Wetzlar, andere luden zum Gespräch ein oder riefen zwischendurch an, wenn es kontrovers zuging. Ihnen allen war wichtig, nicht nur zum epd einen guten Kontakt zu haben, sondern auch zum wesentlich kleineren idea. Der jetzige EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, ist stets freundlich, gewährt idea Interviews – aber er suchte nicht das Gespräch, bevor es jetzt zur Streichung des EKD-Zuschusses nach immerhin 37 Jahren kam.

In der EKD-Synode fehlt eine schlagkräftige Opposition

Das Verhältnis der EKD zu idea änderte sich mit der seit 2015 amtierenden Synode. Ihr Ende 2016 einstimmig (!) gefasster Beschluss gegen Judenmission offenbarte, dass es nur noch wenige theologisch konservative Synodale gibt. Es mangelt derart an Opposition – wie ich es in den 40 Jahren, in denen ich die EKD journalistisch beobachte, nie erlebt habe. Das betrifft auch die Leitung der EKD: Ende Juni setzte sich der Rat mit offensichtlich nur einer Ausnahme schon vor der Abstimmung im Bundestag öffentlich für die „Ehe für alle“ ein, die von der evangelikalen Bewegung ebenso abgelehnt wird wie von der katholischen Kirche.

FAZ: Das Unbehagen über die kirchliche Einseitigkeit wächst

Eine Einseitigkeit wurde ebenso von der Kammer der EKD für Öffentliche Verantwortung festgestellt. Deren Vorsitzender, Prof. Reiner Anselm, äußerte bei der Vorstellung eines neuen Kirchenpapiers im August, das Meinungsspektrum der evangelischen Kirche sei kleiner geworden. Die EKD müsse anerkennen, dass Christen in politischen Fragen unterschiedlicher Meinung sein können. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb dazu: „Der Vorgang zeigt, dass das Unbehagen über die politische Einseitigkeit kirchlicher Äußerungen inzwischen über konservative Kräfte sowie den Kreis liberaler Theologen hinausreicht und auch im EKD-Rat geteilt wird.“

Wer kritisiert, darf kein Geld erhalten?

Die Befürworter der Streichung des Zuschusses von idea erklären, man müsse doch verstehen, dass man keine Kirchensteuer für eine Nachrichtenagentur geben kann, die immer wieder mal die EKD kritisiert. Das ist völlig richtig. Aber wenn sich die EKD als Volkskirche (mit einer mehrheitlich linksorientierten Leitung) versteht, dann muss sie sich auch gefallen lassen, dass Andersorientierte sich wehren. Will sie das nicht, wird sie nicht weiter als Volks(!)kirche wahrgenommen und sollte dann auf Kirchensteuern und die Mitwirkung konservativerer Mitglieder konsequenterweise verzichten. Beides geht jedenfalls nicht: politisch und theologisch einseitige Erklärungen zu veröffentlichen und gleichzeitig von allen Linientreue zu erwarten. Insofern ist die Entscheidung in Sachen idea eine Richtungsentscheidung, denn die anderen evangelikalen Medien, denen man jetzt durch die Streichung des Zuschusses für idea die Möglichkeit der Subventionierung geben will, verstehen sich nicht kirchenpolitisch wie idea.

Was könnten die Gründe für die Streichung sein?

Eine Begründung für die Streichung wurde nicht genannt. So ist man auf Vermutungen angewiesen. Im letzten Jahr wurde idea auf der Synode von einer hessen-nassauischen Pröpstin kritisiert wegen einer angeblich islamfeindlichen Berichterstattung. Deshalb möge der idea-Zuschuss überprüft werden. Nun: idea ist nicht islamfeindlich. Aber eine Religion, die das Zentrum des christlichen Glaubens (dass Jesus auferstanden ist) leugnet und Millionen Christen diskriminiert bzw. verfolgt, muss man kritisieren dürfen. Eine weitere Vermutung ergibt sich aus einer Bemerkung der sächsischen Kirchenzeitung „Der Sonntag“, die schrieb, „manche Kirchenobere“ seien über die Berichterstattung vor der Bundestagswahl „verärgert“. Und wie sah sie aus? Zu keiner Wahl zuvor hat idea ein so breites Spektrum an Interviews und Beiträgen präsentiert wie in diesem Jahr. So hatten wir mit allen Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien ein Interview: CDU/CSU, SPD, Grünen und der sozialistischen Linken. Von der FDP gab es einen Beitrag ihres Kirchenexperten, Stefan Ruppert, und bei der AfD eine Vorstellung eines ihrer Bundestagskandidaten, Martin Hohmann. Wo kann hier ein Grund für Verärgerung bestehen? Weil man überhaupt die AfD erwähnt hat?

idea geht seinen Weg unbeirrt weiter

idea geht jedenfalls seinen Weg unbeirrt weiter, gebunden an neutestamentliche Maßstäbe, zusammengefasst in der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz. Dabei wollen wir – unabhängig davon, ob wir Zuschüsse erhalten oder nicht – weiterhin einen dreifachen Brückenschlag praktizieren:
1. über die deutsche wie die internationale evangelikale Bewegung ebenso informieren wie
2. über die EKD (und zunehmend auch die katholische Kirche) sowie die Freikirchen und
3. über die, die theologisch anders denken als die Evangelikalen, damit möglichst viele Seiten voneinander wissen.
Bei diesem Vorhaben sind wir für jede Unterstützung dankbar.

(Der Autor, Helmut Matthies, ist seit Anfang 1978 Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.)

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