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04. November 2017

Bildung: Was Politiker von den Reformatoren lernen können

Die frühere Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht. Foto: idea/kairospress
Die frühere Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht. Foto: idea/kairospress

Chemnitz (idea) – Angesichts der zunehmenden Verrohung von Sprache und Sitten in der Gesellschaft könnte die heutige Politik viel von den Reformatoren lernen. Diese Ansicht vertrat die frühere Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christine Lieberknecht (Weimar), am 4. November beim 19. Tag der Begegnung in Chemnitz. Martin Luther (1483-1546) und seine Mitstreiter hätten damals eine regelrechte Bildungsoffensive gestartet. Sie hätten versucht, die Menschen durch Bildung zu „entrohen“ – und zwar auf allen Gebieten. Dazu gehörten neben dem Lesen und Schreiben auch Musik und Malerei. Das werde auch heute wieder benötigt angesichts von „Schund und Dummheiten“, die sich in sozialen Netzwerken fänden. Sie seien ein Produkt mangelnder Bildung, so Lieberknecht.

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Linksextremisten ebenso bekämpfen wie Rechtsextremisten

Die Politikerin bekannte, mit ihrem Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, dem Linken-Politiker Bodo Ramelow, persönlich kein Problem zu haben: „Wir sind die beiden, die am häufigsten bei den Morgenandachten im Landtag anwesend sind. Und wer morgens miteinander betet, geht auch tagsüber anders miteinander um.“ Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ramelow den Kommunisten in seiner Partei oft zu viel Raum gebe: „Sie wollten immer zentralisieren und wollten immer enteignen. Da hat sich nichts geändert.“ In ihren Augen gelte es Linksextremisten mit allen politischen Mitteln ebenso zu bekämpfen wie Rechtsextremisten.

Berthold: Heute könnten die Kirchen keine Runden Tische mehr moderieren

Der Vorsitzende des sächsischen Gemeinschaftsverbandes, Prof. Johannes Berthold (Moritzburg), vertrat die Ansicht, dass es angesichts verbreiteter Ängste und Unsicherheiten innerhalb der Gesellschaft erneut Runde Tische brauche, an denen darüber gesprochen werden könnte. „Aber wer sollte diese Tische heute moderieren?“ 1989 seien es die Kirchen gewesen, weil sie als unvorbelastet und neutral galten. Berthold: „Heute werden sie es nicht mehr können, weil sie sich selbst zu sehr in die Gemengelage der Meinungen hineinbegeben haben.“ Christen sollten allerdings einen Unterschied machen, indem sie in ihrem jeweiligen Umfeld Zukunftshoffnung ausstrahlten. Kirchengemeinden ermutigte er, Profil zu zeigen: „Eine Kirche, die sich anpasst, wird belanglos.“

Wohlstand nicht nur nach der Wirtschaftskraft definieren

Ferner plädierte Berthold dafür, Wohlstand nicht allein nach der Wirtschaftskraft und der Höhe der Einkommen zu definieren, sondern beispielsweise nach persönlicher Zufriedenheit, gelungenen Beziehungen oder der Anzahl der Kinder. „Hier erleben wir die größte Erosion.“ Während der Reformator Martin Luther (1483–1546) noch gesagt habe, in jedem Kind könne man Gott auf frischer Tat ertappen, bekomme jede Frau in Deutschland heute nur noch 1,3 Kinder. Berthold bezeichnete es als „töricht“, dass Deutschland versuche, die eigene demografische Lücke, die durch den Geburtenrückgang entstanden sein, mit Fachkräften aus anderen Ländern zu füllen: „Ich empfinde das als eine Form des Kolonialismus, denn sie werden dort nötiger gebraucht.“

Wechsel an der Spitze des Arbeitskreises Politik

Einen Wechsel gab es an der Spitze des Arbeitskreises Kommunalpolitik innerhalb des sächsischen Gemeinschaftsverbandes, der den Tag der Begegnung verantwortet. Dessen langjähriger Leiter, der frühere Bürgermeister von Glauchau, Helmut Trommer, wurde nach 15 Jahren im Amt verabschiedet. Auf ihn folgt der Gemeinschaftspastor Thomas Fischer (Glauchau). Der Tag der Begegnung stand unter dem Motto „Luther und unsere Verantwortung vor Gott und den Menschen“.

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