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Russlanddeutscher Theologe
26. September 2017

„Nicht die Aussiedler haben die AfD groß gemacht“

Der russlanddeutsche Theologe Heinrich Derksen. Foto: Simon David Zimpfer
Der russlanddeutsche Theologe Heinrich Derksen. Foto: Simon David Zimpfer

Bornheim (idea) – Der russlanddeutsche Theologe Heinrich Derksen (Bornheim bei Bonn) hat sich dagegen gewandt, maßgeblich Aussiedler für den Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl verantwortlich zu machen, wie dies teilweise in den Medien geschehe. Die Partei hatte 12,6 Prozent der Zweitstimmen erhalten und ist damit drittstärkste Kraft im Bundestag. „Bundesweit sind es nicht die Aussiedler, die die AfD groß gemacht haben“, sagte Derksen – Leiter des Bibelseminars Bonn – auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. So sei die AfD in Regionen besonders stark, in denen vergleichsweise wenige Russlanddeutsche lebten, etwa in den östlichen Bundesländern. Der größte Teil dieser Bevölkerungsgruppe habe nach wie vor die CDU gewählt, aber auch andere Parteien. Derksen räumte zugleich ein, dass die AfD an manchen Orten mit hohem Aussiedleranteil überdurchschnittliche Ergebnisse verbuchte. So erreichte sie in Lahr (Baden-Württemberg) 18,7 Prozent der Zweitstimmen – mehr als die SPD (18,0 Prozent) – und in Espelkamp (Nordrhein-Westfalen) 16,7 Prozent.

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Derksen: Die CDU hat sich viel zu wenig um die Russlanddeutschen bemüht

Derksen übte in diesem Zusammenhang Kritik an der CDU: „Sie hat sich viel zu wenig um die Russlanddeutschen bemüht.“ Unter Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) und dem damaligen Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung, Horst Waffenschmidt (1933–2002), habe sich die Union weit stärker für diese Wähler eingesetzt. Derksen zufolge haben manche Aussiedler mit ihrer Entscheidung für die AfD auch ihren Protest gegen die „Ehe für alle“ und die Flüchtlingswelle zum Ausdruck gebracht. Für sie seien die traditionelle Familie und der Schutz ungeborener Kinder von besonderer Bedeutung. „Diese Werte werden jetzt von der AfD bedient“, so Derksen. Nach seiner Einschätzung ist das politische Engagement der Russlanddeutschen nicht sehr ausgeprägt. Das hänge auch mit ihrer Herkunft – in Russland lebten sie nicht in einer Demokratie – und Mentalität zusammen. Sie strebten deshalb in der Regel nicht nach politischen Ämtern, sondern wollten gefragt werden. Wenn dies geschehe, seien sie auch bereit, sich zu engagieren, etwa bei der Hilfe für Flüchtlinge.

Russlanddeutscher Christ in der AfD-Fraktion

Unter den 94 Abgeordneten der AfD-Fraktion befindet sich ein russlanddeutscher Christ: Waldemar Herdt (Bohmte bei Osnabrück). Der 54-jährige Bauunternehmer stammt aus Kasachstan und lebt seit 1993 in Deutschland. Er gehört zu einer pfingstkirchlichen Gemeinde in Osnabrück. In Deutschland gibt es inzwischen über 1.000 freikirchlich geprägte russlanddeutsche Gemeinden mit rund 300.000 Gottesdienstbesuchern. Ein Großteil befindet sich in der Region Ostwestfalen-Lippe. Das Bibelseminar Bonn wurde 1993 von Russlanddeutschen als Ausbildungsstätte in baptistisch-mennonitischer Glaubenstradition gegründet. Im Vollstudium sind 130 Studenten eingeschrieben.

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