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Reaktionen auf Wahlergebnis
25. September 2017

Kirchenvertreter äußern sich besorgt

v. l.: Die AfD-Politiker Alexander Gauland, Alice Weidel und Jörg Meuthen. Foto: picture-alliance/Jens Büttner/dpa
v. l.: Die AfD-Politiker Alexander Gauland, Alice Weidel und Jörg Meuthen. Foto: picture-alliance/Jens Büttner/dpa

Berlin (idea) – Der Erfolg der AfD bei der Bundestagwahl am 24. September hat bei Kirchenvertretern besorgte Reaktionen hervorgerufen. Die Partei wurde mit 12,6 Prozent hinter der CDU/CSU (33 Prozent) und der SPD (20,5 Prozent) drittstärkste Kraft. Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), sprach von einem „Weckruf“ für alle, denen das friedliche und solidarische Miteinander in einem weltoffenen Deutschland am Herzen liege. Alle müssten helfen, „dass ausgrenzende und hasserfüllte Stimmen nicht das Leben in unserem Land vergiften“. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg (Münster), bezeichnete den Wahlabend als bitter. Es bleibe aber festzuhalten, dass 87 Prozent der Deutschen nicht die AfD gewählt hätten, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

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Landesbischöfin Junkermann: Menschen fühlen sich nicht genügend mitgenommen

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (Magdeburg), freute sich über die auf 76,2 Prozent gestiegene Wahlbeteiligung (2013: 71,5 Prozent). Zudem zeige das Ergebnis, dass sich die Gesellschaft weiter ausdifferenziere. Das insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern hohe Wahlergebnis der AfD sei eine große Herausforderung: „Ganz offensichtlich fühlt sich ein nicht unerheblicher Teil der Menschen hier nicht genügend wahr- und mitgenommen.“ Es sei für alle Demokraten unerträglich, dass rechtsextreme und -populistische Positionen so große Unterstützung fänden. Die AfD wurde mit 27 Prozent stärkste Kraft in Sachsen. Insgesamt landete sie im Osten Deutschlands auf Platz zwei.

AfD ist für Kirchenpräsident Volker Jung eine „rechtsextreme Partei“

Für den Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung (Darmstadt), ist die AfD eine „rechtsextreme Partei“. Sie vertrete Positionen, die nicht mit einem christlichen Menschenbild zu vereinbaren seien. Das Wahlergebnis sei ein „klares Warnsignal“ für die Gesellschaft.

Landesbischof Meyns: Wir werden uns weiterhin für Flüchtlinge einsetzen

Der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Christoph Meyns (Wolfenbüttel), betonte, dass sich die Kirchen vom Ergebnis nicht irritieren ließen, sondern sich weiterhin nach Kräften für Flüchtlinge einsetzen würden. Er mahnte eine Lösung sozialer Probleme in Deutschland an, etwa den Abbau von Kinder- und Altersarmut sowie die Unterstützung von Alleinerziehenden. Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski (Düsseldorf), äußerte: „Wir brauchen jenseits von Klientelinteressen eine Koalition für ein offenes, soziales und gerechtes Deutschland, in dem Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit mehr zählen als Ausgrenzung und Angstmache.“

Christdemokraten für das Leben: Die Union hat das Vertrauen christlicher Wähler verloren

Die Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“, Mechthild Löhr (Glashütten/Taunus), bezeichnete das niedrige Wahlergebnis von CDU/CSU als „unüberhörbares Signal, dass die Union leider inzwischen das Vertrauen insbesondere wert-konservativer und christlicher Wähler verloren hat“. Es sei bezeichnend, dass CDU/CSU-Kandidaten, die auch klare konservative Kernpunkte verträten hätten, in ihren Wahlkreisen Erfolge erzielten.

EAK der CDU/CSU: Wir müssen bürgerlich-konservative Kräfte zurückgewinnen

Der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU/CSU, der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Rachel, sprach von einer „gefährlichen Zäsur“. Leider habe es aus dem roten und grünen Lager keine Unterstützung für den „verantwortlichen, humanitären Kurs“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel gegeben. Kirchenpolitisch würden die Unionsparteien verlässliche Partner bleiben. Ihre Aufgabe sei es, „die vernünftigen bürgerlich-konservativen Kräfte zurückzugewinnen“.

Freikirchen-Präsident Stiba: Das Ergebnis stimmt mich optimistisch und besorgt

Der Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), Christoph Stiba (Wustermark bei Berlin), blickt optimistisch und zugleich besorgt auf das Ergebnis. Eine Jamaika-Koalition, so sie denn zustande komme, sichere politische Stabilität. Zudem werde es eine starke Opposition im Parlament geben. Das sei gut für die Demokratie. Mit Besorgnis erfülle ihn aber, „dass der Grundton der Auseinandersetzung rauer und verächtlicher geworden ist“. Er vermisse den Respekt vor Andersdenkenden. Da erwarte er von Politikern Vorbildcharakter, sagte er der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „Vielleicht sollten einige sich einmal fragen, ob sie wollten, dass jemand so aggressiv mit ihren Kindern oder Enkeln redet.“ Die AfD habe in ihren Äußerungen immer wieder Grenzen überschritten: „Hier müssen geistige Brandstifter in der parlamentarischen Debatte gegebenenfalls demaskiert werden.“ Christen trügen auch nach der Wahl „die geistliche Verantwortung, für diejenigen zu beten, die sich politisch zum Wohl der Menschen einsetzen. Das will ich tun!“

Evangelikaler Dachverband: Wir bitten um Gebet

Die Deutsche Evangelische Allianz bittet um Gebet für Deutschland, die Abgeordneten und die Verantwortlichen, die die Regierung bilden. Man bete, so schreiben der Vorsitzende des evangelikalen Dachverbandes, Präses Ekkehart Vetter (Mülheim/Ruhr), sein Stellvertreter, Siegfried Winkler (München), und der Generalsekretär, Hartmut Steeb (Stuttgart), dass Grundwerte in den Mittelpunkt gerückt werden, etwa die Würde des Menschen in allen Lebensphasen. Es gebe viele wichtige Fragen, zum Beispiel die nach einer geordneten Einwanderung: „Wir bitten auch darauf zu achten, dass wir nicht zu unseren Gunsten Fachkräfte aus der Zwei-Drittel-Welt anwerben, die dort viel nötiger gebraucht werden zur Entwicklung eigener wirtschaftlicher Stärke.“ Dadurch könnten Fluchtursachen verringert werden.

Präses Diener: Das hält unsere Demokratie aus

Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), Michael Diener (Kassel), schrieb auf seiner Facebook-Seite, er finde es bereichernd und spannend, dass sich das Parteienspektrum vergrößert habe. Das EKD-Ratsmitglied nahm auch zur Aussage des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland (Potsdam) Stellung. Er hatte am Wahlabend geäußert, die AfD werde „Frau Merkel jagen“. Eine Partei, die das spontan direkt nach der ersten Prognose sage, zeige keinen Respekt vor der Demokratie, so Diener: „Und dennoch: Das hält unsere Demokratie aus und wird dazu führen, dass wir als Staatsbürger uns politisch noch stärker engagieren und als Christenmenschen weiterhin treu beten.“

Zentralrat der Juden: Unsere Befürchtungen sind leider wahr geworden

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Würzburg), sagte, dass leider Befürchtungen wahr geworden seien. Eine Partei, die rechtsextremes Gedankengut in ihren Reihen dulde und gegen Minderheiten in unserem Land hetze, sei nun auch im Bundestag vertreten.

Konferenz Bekennender Gemeinschaften: Viele haben die AfD aus Enttäuschung gewählt

Der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), ist überzeugt: „Die Demokratie nimmt keinen Schaden, auch wenn die AfD in den Bundestag zieht.“ Viele hätten die Partei aus Enttäuschung gewählt. Sie seien der Meinung, die anderen Parteien nähmen unter anderem ihre Ängste vor dem Islam und seiner Ausbreitung in Deutschland nicht ernst genug. Das gelte, so Rüß, leider auch für die Kirchen. Dort bekomme eine unbegrenzte Willkommenskultur für Flüchtlinge „quasi Konfessionscharakter“. Das Wahlergebnis sei ein Weckruf für Politik und Kirche, die berechtigten Sorgen der Bürger zu beachten. Rüß: „Andernfalls ist noch mehr Erosion in Politik, Gesellschaft und Kirche zu befürchten.“

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