Samstag • 23. Juni

25.02.2013

„Pastorin ist mein Traumberuf!“

Die Konfirmanden waren völlig verstört. Am vergangenen Wochenende hatten ein paar von den Jungs abends gegrillt. Einer hatte Spiritus auf die Kohle geschüttet, es hatte eine Riesenverpuffung gegeben, und auf einmal brannte Patrick lichterloh. Nun lag er mit schlimmsten Verbrennungen in einer Kasseler Spezialklinik im künstlichen Koma. Es würden sicher mehrere Hauttransplantationen nötig sein, Narben zurückbleiben im Gesicht, an den Armen, Schultern. So hatten es die Ärzte den Eltern gesagt. Die Mutter hatte verzweifelt geweint, als ich mit ihr sprach: „Es war wie in einem Horrorfilm: Vor meinen Augen löste sich die Haut vom Gesicht meines Sohnes ab. Ich habe Angst, dass ich ihn nicht wiedererkenne, wenn die Verbände abgenommen werden.“ Ich sagte zu den Konfis: „Kommt, wir gehen in die Kirche und beten für Patrick.“ Ich zündete die große Osterkerze an, und einer nach dem anderen traten die 13 Jugendlichen in den Altarraum, zündeten ein Teelicht an der Kerze an und sprachen bewegende Gebete. „Herr, bitte lass Patrick wieder gesund werden und hilf ihm, dass er uns vergeben kann“, betete einer, der beim Grillen dabei gewesen war. Es war die ergreifendste Konfirmandenstunde meines Lebens.

Das Beten hat geholfen

Sechs Wochen später, am Ende des Sonntagsgottesdienstes. Der Schlagzeuger stößt mich an, flüstert: „Da hinten sitzt Patrick.“ Ich traue meinen Augen nicht. Nach dem Gottesdienst scharen sich die Konfirmanden um ihn, können es nicht fassen: Er hat keine einzige Narbe im Gesicht, sieht fast aus wie immer, nur die Haare sind stoppelkurz. Die Mädchen brechen in Tränen aus, umarmen ihn. „Es hieß doch, du musst Monate im Krankenhaus verbringen, operiert werden,“ sage ich. „Ja“, erwidert er. „Der Arzt hat gesagt, es ist ein Wunder, alles ist superschnell verheilt, ich habe keine Narben, auch nicht an Armen und Schultern, nur an der rechten Hand ist noch was, da muss ich vorläufig einen Handschuh tragen. Das Beten hat geholfen.“ Unter anderem wegen solcher Momente liebe ich meinen Beruf. Direkt am Puls Gottes sein, und dafür auch noch bezahlt werden! Ist das nicht irre? O.k., ich werde nur halb bezahlt. Denn meine Gemeinde in Northeim-Langenholtensen, in der ich seit 2000 arbeite, ist mit ihren 1.300 Mitgliedern nach Defini­tion meiner Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers eine „halbe“ Pfarrstelle. Für eine volle Stelle müssten es 2.500 sein.

Es kostet Herzblut

Pastorin ist mein Traumberuf. Ich habe einiges andere ausprobiert, an der Berufsschule unterrichtet, in der Arztpraxis meines Mannes an der Anmeldung gearbeitet, als Familientherapeutin Gespräche geführt, immer wieder mit dem Journalismus geliebäugelt, Zeitungsartikel und Bücher geschrieben. Es gab Zeiten, da dachte ich: Dieser Beruf als Pastorin laugt dich zu sehr aus, er frisst dich mit Haut und Haar, kostet so viel Herzblut, mach lieber etwas weniger Aufregendes. Ja, es kostet Herzblut, aber wie langweilig ist ein Job, für den man nicht brennt. Und kaum etwas ist so vielseitig wie der Pastorenberuf. Da geht es von der Krabbelgruppe zum Geburtstagsbesuch bei einer 80-Jährigen, von der Beerdigung zum Konfirmandenunterricht, vom Krankenhausbesuch zur Vorbereitung der Kinderbibelwoche und dann zur Kirchenvorstandssitzung. Zwischendurch müssen Artikel für die „Nortsicht“ – unseren überregionalen Gemeindebrief – geschrieben, unsere Internetseite aktualisiert, die Sonntagspredigt vorbereitet werden. Nie macht man von morgens bis abends das Gleiche, und es gibt zudem viele Möglichkeiten, neue Ideen auszuprobieren. Und manchmal hat man das Gefühl, du wirst in eine Bewegung mit hineingenommen, die wird vom Heiligen Geist vorangetrieben.

Sie wollten unbedingt die Ewigkeit

Ich sitze mit Mitarbeitenden zusammen, wir planen unser alljährliches Seminar zu Glaubensfragen. Sie wollen unbedingt das Thema Ewigkeit. Das hätte ich selber im Traum nicht ausgesucht. Aber die Mehrheit spricht sich eindeutig dafür aus. 40 Leute melden sich an. Meine Sekretärin und ich sind erstaunt: So viele Teilnehmer zu diesem Thema? Und davon etliche, die bisher noch gar nicht groß in der Gemeinde aufgetaucht sind. Das Seminar läuft gut. Am letzten Abend sagen einige Teilnehmer: „Das hat jetzt so viel losgetreten, aber wir haben das Gefühl, uns fehlen noch total die Grundlagen, können wir da irgendwie weitermachen?“ Also schieben wir einen Grundkurs des Glaubens hinterher, 6 Abende zu zentralen Glaubensthemen, mit 17 Leuten. Und am Ende ein bewegender Abschlussgottesdienst, in dem sie sich erneut oder zum ersten Mal zu Gott bekennen. Aber damit war es nicht getan. „Jetzt haben wir so viel gehört, wie wichtig die Bibel ist“, hieß es. „Aber wie soll man die denn verstehen, z. B. die Geschichte von Jona, da guckt mich ja schon mein 4-jähriger Sohn ungläubig an, wenn ich die vorlese.“ –„Ja, oder dass Jesus auf dem Wasser geht, das kann doch nicht wörtlich gemeint sein“, sagt ein anderer, „also wir würden jetzt gern einen Kurs machen, wie man die Bibel lesen kann.“

„Hier ist ja komplettes Heidenland“

Dazu muss man wissen, Südniedersachsen ist ein ziemlich entchristlichtes Gebiet. Man kann an biblischem Wissen so gut wie nichts voraussetzen. „Hier ist ja komplettes Heidenland“, stellte ein junger Kollege fest, der neu in unseren Kirchenkreis kam. Aber das ist nicht nur ein Mangel, sondern auch eine Riesenchance. In meiner Gemeinde sind in den letzten Jahren etliche Menschen Christen geworden. Ein Stamm aus traditionellen regelmäßigen Gottesdienstbesuchern war, als ich dort anfing, so gut wie nicht vorhanden. Unsere heutige Gottesdienstgemeinde und mein Mitarbeiterteam bestehen deshalb fast nur aus Neuchristen. Der Glaube ist für sie inspirierend und unverbraucht. Viele Probleme langjähriger Christen in alten Traditionsgemeinden haben sie nicht, weil sie sie schlicht nicht kennen. Sie entdecken die Bibel ganz unbefangen, sind über manches begeistert, über manches erstaunt oder sogar schockiert. „Wie, da steht Schwule dürfen nicht zusammen sein? Na ja, das Buch ist 2.000 Jahre alt, da kann ja manches gar nicht mehr für heute passen.“ – „Hm“, sage ich, „die Bibel ist Gottes Wort, also man sollte vielleicht doch darüber nachdenken, wie das gemeint sein könnte.“ Na gut, zum Bibelverständnis machen wir ja jetzt das von ihnen verlangte Seminar. Das ist gerade diese Woche angelaufen.

Ich komme mir manchmal vor wie ein Landwirt

Manchmal komme ich mir vor wie der Landwirt in dem Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, das Jesus erzählt. Er sät das Saatgut aus, und einiges fällt auf harten Boden, einiges auf steinigen, einiges unter Dornen, und nur auf dem guten Boden geht die Saat dauerhaft auf. 54 Kinder waren in den Sommerferien 2012 bei unserer alljährlichen Kinderbibelwoche. Saat auf Hoffnung. In den vergangenen Herbstferien machten wir ein Musicalprojekt über Petrus, mit 48 Jugendlichen. Und wir beten, dass das, was Petrus mit Jesus erlebt, den Jugendlichen ein Spiegel wird für ihr eigenes Leben.

Gottesdienste ohne Pastorin

Inzwischen gibt es eine ganze Menge Leute, die mitsäen. Es ist nicht schwer, Mitarbeitende für zeitlich begrenzte überschaubare Projekte wie eine Kinderbibelwoche oder ein Musical zu begeistern. Schwieriger ist es mit dem Kirchenvorstand: Sechs Jahre Amtszeit – das ist lange. Und auch richtig viel Arbeit. Ich sage meinen Mitarbeitenden immer: „Wenn ihr nicht mindestens so viel wiederbekommt, wie ihr investiert, dann solltet ihr die Aufgabe nicht machen.“ Im besten Fall bekommen sie mehr zurück: Stärkung im Glauben, Begeisterung, neues Wissen und Erweiterung des Horizonts, Spaß daran, wie sich Ideen entwickeln, Zusammenarbeit mit netten Menschen. Viele Aktionen laufen inzwischen fast komplett ohne mich. Mein Kindergottesdienstteam organisiert alles alleine, auch die Fortbildungen, zu denen sie fahren, und braucht mich fast nie. Der monatliche Altennachmittag ist mit einem sechsköpfigen Mitarbeiterinnenteam bestens ausgestattet und trifft sich einmal pro Jahr mit mir, um das Programm zu erstellen. Hauskreis, Lobpreisabend, Jugendtreff, Männerband, Musikteam: funktioniert alles ohne mich. Seit einiger Zeit gibt es sogar einen regelmäßigen Gottesdienst ohne Pastorin. Denn wegen meiner halben Pfarrstelle bin ich nur jeden zweiten Sonntag dran. Nach acht Jahren Gemeindeaufbau war auf einmal das geistliche Bedürfnis entstanden: In unserer Kirche soll jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert werden. Also, sagten die Mitarbeitenden, halten wir den eben selber, wenn unsere Pastorin nicht Dienst hat. Und so entwickelten wir das Projekt „Andachtaktiv“, ein von Mitarbeitenden gestalteter Gottesdienst, im Wechsel mit dem „normalen“ Hauptgottesdienst.

Arbeit, die Früchte trägt

In welchem anderen Job hat man so viel Dynamik und Gestaltungsspielraum? Lernt immer neue faszinierende Leute kennen? Und hat zudem noch die Gewissheit, dass der eigene Einsatz dauerhaft wirkungsvoll ist. Denn der Samen, der aufs gute Land fällt, der trägt ja hundertfach Frucht. Und gleicht damit die Bilanz der schlechten Bodensorten um ein Vielfaches aus.(Die Autorin, Luitgardis Parasie, ist Pastorin der evangelischen Kirchengemeinde von Langenholtensen bei Northeim (Südniedersachsen).)

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