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04. Dezember 2009

Siegen verweigert evangelikaler Gemeinde Förderung

Siegener Kommunalpolitiker sehen Calvary Chapel kritisch.

Siegener Kommunalpolitiker sehen Calvary Chapel kritisch.

Siegen (idea) – Für Wirbel sorgt eine Entscheidung des Jugendhilfeausschusses der Stadt Siegen. Das Gremium beschloss am 1. Dezember, die unabhängige evangelikale Gemeinde Calvary Chapel (Golgatha-Kapelle) nicht als Träger der freien Jugendhilfe anzuerkennen.

Damit kann sie keine öffentlichen Gelder für ihre Jugendarbeit erhalten. Der Verein Deutsch-Türkischer Akademiker bekam hingegen die Anerkennung. Der Ausschuss hat 15 stimmberechtigte Mitglieder, davon drei von der CDU, zwei von der SPD, je ein Mitglied von FDP, Bündnis 90/Die Grünen, „Die Linke“ und UWG (Unabhängige Wählergemeinschaft Siegen) sowie sechs Fraktionslose. Der Ausschussvorsitzende Jens Kamieth (CDU) bedauerte die Entscheidung gegenüber idea. Er habe sich für die Anerkennung der Gemeinde ausgesprochen. Abgestimmt wurde in nicht-öffentlicher Sitzung. Die Calvary Chapel erfüllt zwar die formalen Kriterien für eine Anerkennung, doch gibt es unter den Ausschussmitgliedern Bedenken gegen ihre theologische Ausrichtung, etwa im Blick auf die Rolle der Frau in der Gemeinde, die Leitungsstruktur und den Umgang mit Homosexualität.

Kritik: „Sektenähnlicher Charakter“

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Mörbitz begründete seine kritische Haltung im WDR-Fernsehen mit Informationen im Internet: Dort habe sich ein Vertreter der Calvary Chapel sehr kritisch gegenüber Homosexualität gezeigt. Da müsse man fragen, wie die Gemeinde mit Jugendlichen umgehe, „die Homosexualität bei sich entdecken“. Mörbitz sprach von einem „sektenähnlichen Charakter“ der Gemeinde. Ehemalige Mitglieder der Gemeinde wollten nicht über die Gründe ihres Ausstiegs sprechen, weil sie befürchteten, sozial ausgegrenzt zu werden. Kritisch zu der Gemeinde äußerte sich auch der Jugenddiakon des evangelischen Kirchenkreises Siegen, Günther Westerhold. Er stellte es in dem gleichen Fernsehbeitrag als problematisch dar, dass die Gemeinde die Bibel vollständig als Gottes Wort ansehe, das auch heute absolute Gültigkeit habe.

Calvary Chapel: Keine Ausgrenzung

Der zweite Vorsitzende der Calvary Chapel, Alexander Kruse, nahm in einem Gottesdienst am 6. Dezember Stellung zu den Vorwürfen. So sei allein aufgrund des Gebots der Nächstenliebe in der Gemeinde „kein Platz für Hass und Ausgrenzung“. Gleichwohl müsse man Sünde beim Namen nennen, dazu gehörten unter anderem Ehebruch, Lüge, Diebstahl und eben auch Homosexualität. Zu den missionarischen Angeboten im Rahmen der Jugendarbeit betonte Kruse, dass die Teilnahme freiwillig sei. Darauf werde auch immer hingewiesen. Es sei jedoch eine der grundlegendsten Aufgabe der Christen, die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben. Zum Vorwurf, man lege die Bibel zu wörtlich aus, hieß es: „Wir glauben in der Tat, dass die Bibel Gottes inspiriertes Wort ist und damit auch heute noch etwas zu unserem Leben zu sagen hat.“ Auch die Gemeindeleitung unterstelle sich der Autorität von Gottes Wort. Der Jugendpastor der Gemeinde, Tobias Sänger, hatte zuvor in seinem Internetblog den Beschluss des Jugendhilfeausschusses als eine „weltanschauliche Bauchgefühl-Entscheidung“ bezeichnet. Offenbar glaube man nicht dem Ziel der Arbeit, jungen Leuten eine ganzheitliche Hilfe anzubieten. „Man denkt wohl, wir hätten nur religiöse/geistliche Ziele. Als ob man das vom Rest des Lebens trennen könnte."

Evangelische Allianz: Fragwürdige Entscheidung

Die Vorsitzende der Evangelischen Allianz Siegen, Heilsarmee-Majorin Annette Preuß, bezeichnete die Entscheidung des Ausschusses gegenüber idea als „fragwürdig“. „Einer Entscheidung sollten immer Fakten zugrunde liegen und nicht Vermutungen.“ Die Calvary Chapel mache eine sehr gute Jugendarbeit, in der es darum gehe, den jungen Leuten die Möglichkeit eines zielorientierten Lebens zu eröffnen. Da es keine Mitgliedschaft gebe, werde es den Menschen leicht gemacht zu kommen, aber auch zu gehen. Die Zusammenarbeit innerhalb der Evangelischen Allianz sei „sehr gut“. Im letzten Jahr habe man beispielsweise eine ProChrist-Evangelisation mit Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel) gemeinsam organisiert. Dafür habe die Calvary Chapel eine eigene Veranstaltung gestrichen. Die Calvary Chapel entstand in den USA. Die erste Gemeinde wurde 1965 in Kalifornien gegründet. Die 1988 in Siegen entstandene Chapel ist mit rund 1.000 Gottesdienstbesuchern die am besten besuchte Gemeinde in Südwestfalen. Insgesamt gibt es Calvary Chapels in 15 deutschen Städten und Gemeinden.

Wenn Sie diesen Beitrag im Forum kommentieren möchten, dann schicken Sie eine E-Mail mit der Überschrift an: bernhard.limberg@idea.de.

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