Werben  |  Bestellen  |  Login  |  Kontakt  |  Impressum
22.02.2012

Passionszeit: Fasten ist beliebt

Die meisten Deutschen halten den befristeten Verzicht für sinnvoll. Foto: PR

Berlin/Hannover/Frankfurt am Main (idea) – Fasten ist „in“: 53 Prozent der Deutschen halten es für „sehr sinnvoll“ oder zumindest „sinnvoll“, mehrere Wochen lang auf ein Genussmittel oder ein Konsumgut zu verzichten.

26 Prozent sehen dies als weniger sinnvoll an, und 19 Prozent lehnen es ab. Die übrigen haben keine Meinung. Das geht aus einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts Forsa (Berlin) im Auftrag der Gesundheitskasse DAK hervor. Jeder dritte der mehr als 1.000 Befragten (34 Prozent) hat bereits mehrfach gefastet; 17 Prozent haben dies zumindest einmal getan. Drei Prozent haben zwar noch nicht gefastet, wollen es aber unbedingt einmal tun, und zehn Prozent können es sich vorstellen. Für mehr als ein Drittel (36 Prozent) kommt es nicht in Frage. Bei den Fastenden ist der Verzicht auf Alkohol (67 Prozent) am weitesten verbreitet, gefolgt von Süßigkeiten (60 Prozent), Fleisch (41 Prozent) und Tabak (35 Prozent). 34 Prozent verzichten am liebsten auf Fernsehen, 31 Prozent auf das Handy, 22 Prozent auf Computer und Internet sowie 13 Prozent auf das Auto.

Luther: Fasten kann nicht vor der Hölle bewahren

Für Christen hat die siebenwöchige Fastenzeit von Aschermittwoch (22. Februar) bis Ostersonntag (8. April) eine geistliche Bedeutung. Sie erinnert an das Leiden Jesu vor seinem Tod am Kreuz und der Auferstehung. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), macht darauf aufmerksam, dass die evangelische Kirche keine festen Fastenregeln kennt. Der Reformator Martin Luther (1483-1546) habe mit der Vorstellung aufgeräumt, dass Enthaltsamkeit als ein „gutes Werk“ vor der Hölle bewahren könne. Doch habe auch Luther gefastet -  nämlich als Selbstbesinnung vor Gott und der Umkehr von falschen Wegen. Buße sei sehr wichtig in der heutigen Zeit, in der viele Menschen unter Ausgebranntsein und Überforderung leiden, schreibt Schneider in einer am 22. Februar von der Pressestelle der EKD in Hannover verbreiteten Mitteilung. Deshalb sei es gut, die Fastenzeit zu nutzen, um den gewohnten Lebenslauf zu unterbrechen. Der Leitgedanke sei: „Ich darf neu anfangen. Neu anfangen mit mir und mit anderen. Neu anfangen auch mit dem Glauben an Gott.“ In diesem Jahr lautet das Motto der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ der evangelischen Kirche „Gut genug! Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Damit werbe man dafür, so Schneider, sich nicht selbst zu überfordern. In den vergangenen Jahren haben sich an der Aktion jeweils rund zwei Millionen Bürger beteiligt.

Beten und fasten

Neben „7 Wochen ohne“ unter Leitung des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main gibt es noch andere evangelische Fastenaktionen. Dazu zählt die Initiative „40 Tage beten und fasten für unser Land“. Anhand von Gebetskärtchen bringen die Teilnehmer jeden Tag bestimmte gesellschaftliche Anliegen vor Gott, zum Beispiel aus Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft. Den Abschluss bildet eine Nationale Gebetskonferenz am 9. April in Kassel. Träger der Aktion sind der „Runde Tisch Gebet“ der Koalition für Evangelisation und etwa 70 christliche Werke und Verbände. Der Verein „Andere Zeiten“ (Hamburg) veranstaltet die Aktion „7 Wochen anders leben“. Nach ihren Angaben bietet Fasten die Chance, sich selbst zu überraschen: „Fällt es mir leicht, sieben Wochen auf Schokolade zu verzichten? Was entdecke ich, wenn ich täglich einen Psalm lese?“ „7 Wochen mit“ heißt die Aktion der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Dabei soll an jedem Tag der Passionszeit in mindestens einer Gemeinde ein Gottesdienst oder eine Andacht gefeiert werden.

Fasten als religiöse Übung?

Ob gezieltes Fasten in der Passionszeit überhaupt sinnvoll ist – darüber gehen die Meinungen im Protestantismus auseinander. So lehnt Gemeindereferent Friedhelm Keune (Wehrdohl/Sauerland) – Mitglied in verschiedenen Leitungskreisen der Freien Brüdergemeinden in Deutschland - Fasten als religiöse Übung ab - vor allem nach dem Fasching. „Ich möchte mich nicht in den Kreis derer einreihen, die es in der Karnevalszeit über alle Grenzen hinweg so treiben, dass es Gott ein Gräuel ist, und dies anschließend durch eine fragwürdige Fastenübung wiedergutmachen wollen“, schreibt er in einem Kommentar für die Evangelische Nachrichtenagentur idea. Den Willen Gottes könne man nicht durch Fasten beeinflussen.

Ein Christ braucht Fasten

Anders sieht es der Vorsitzende der (charismatischen) Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der evangelischen Kirche, Pastor Henning Dobers (Hannoversch Münden). Für ihn ist Fasten „eine heilsame Unterbrechung gewohnter Lebensvollzüge, um im Gauben intensiver zu leben, um Geist und Sinne zu schärfen“. Zwar brauche Gott nicht das Fasten der Menschen, aber der Mensch brauche diese geistliche Übung. Es nehme Christen hinein in den Leidesweg Jesu. Fastenzeiten gäben dem geistlichen Leben einen Rhythmus; sie seien „eine Oase in der Diktatur des globalen Schneller-Höher-Weiter“.

Auf Fleisch verzichten?

Aber worauf soll der Mensch verzichten? Sollte es Fleisch sein, wie es im Katholizismus Brauch ist? Auch darüber gehen die Meinungen auseinander. „Wer ehrlich über die Welternährung nachdenkt, muss zwangsläufig auf Fleisch verzichten“, schreibt der Berliner Internist Lothar Erbenich in einem idea-Beitrag. Er gehört dem Beirat des Deutschen Vereins für Gesundheitspflege an, der von der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten getragen wird. Nach seiner Ansicht ist der Fleischverbrauch wegen des hohen Getreideeinsatzes in der Tiermast „ökologischer und wirtschaftlicher Wahnsinn“. Fleisch stamme heute fast nur noch aus „tierquälerischer Massenproduktion“. Außerdem lebten Vegetarier länger und gesünder als Fleischesser. Erbenich verweist auf das Wort des Apostels Paulus: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist?“ (1. Korinther 6,19).

Der Mensch darf Tiere töten und essen

Hingegen ist der EKD-Ratsbeauftragte für agrarsoziale Fragen, Clemens Discherl (Waldenburg-Hohebuch bei Schwäbisch Hall), überzeugt, dass aus biblischer Sicht der Mensch Tiere töten und essen darf. Discherl erinnert an das Gleichnis Jesu vom Verlorenen Sohn, dessen Vater zur Feier ein gemästetes Kalb schlachten lässt: „Deshalb bin ich sicher, dass sich den Menschen Herz an einem knusprigen Sonntagsbraten erfreuen darf - genauso wie an einem schönen Glas Wein.“ Freilich sollte alles mit Maßen genossen werden: „Durch zu hohen Fleischkonsum schädigen wir nicht nur unseren Körper, sondern letztlich die ganze Welt.“ Discherl kritisiert eine hoch technisierte und tierfeindliche Agrarindustrie, die von einer „billig, billig“-Mentalität befeuert werde. Es gehe aber nicht um gänzlichen Verzicht, sondern um bewussteren Fleischgenuss in Sinne von „Weniger ist mehr“.

Wenn Sie diesen Beitrag im Forum kommentieren möchten, dann schicken Sie eine E-Mail mit der Überschrift an: bernhard.limberg@idea.de.

 
© 2012 idea e.V. - Evangelische Nachrichtenagentur