13. Januar 2018

Debatte um Werbeverbot für Abtreibung

Welche Haltung ist christlich?

Der Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), Jörg Bollmann. Archivbild: idea/kairospress
Der Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), Jörg Bollmann. Archivbild: idea/kairospress

Schwäbisch Gmünd (idea) – Was zeichnet eine christliche Haltung aus? Darüber ist am 12. Januar auf dem 5. Christlichen Medienkongress in Schwäbisch Gmünd diskutiert worden. Anlass war der Kommentar der Evangelischen Nachrichtenagentur idea über einen Beitrag der Chefredakteurin des evangelischen Monatsmagazins „chrismon“ (Frankfurt am Main), Ursula Ott. Sie hatte die Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibung (§219a) gefordert. Wer über Abtreibung „informiere“, dürfe nicht länger „drangsaliert“ werden: „SPD, FDP, Grüne, Linke – wir zählen auf euch. Und falls es Neuwahlen geben sollte – wir merken uns, wer etwas getan hat für uns Frauen und wer nicht.“ Die ungeborenen Kinder, die bei einer Abtreibung sterben, erwähnte Ott nicht. Das hatte idea in einem Kommentar kritisiert. chrismon wende sich nach eigenen Angaben an Menschen, die sich für „christliche Themen und Werte“ interessieren, so idea: „Christliche Werte sind demzufolge Egoismus und Ignoranz gegenüber den Schwächsten.“ Einen so „unsäglichen Kommentar“ wie den von Ott hätte es „in einem katholischen Medienhaus niemals gegeben – und wenn, wäre es ihr letzter in dieser Funktion gewesen“. chrismon erscheint im Hansischen Druck- und Verlagshaus, das eine 100-prozentige Tochter des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP).

Bollmann: Ott setzt sich dafür ein, dass sich Frauen im Notfall informieren können

GEP-Direktor Jörg Bollmann (Frankfurt am Main) fragte, ob es eine unchristliche Haltung sei, wenn Ott sich für die Abschaffung von 219a ausspreche, „weil sie sich sorgt um das Lebens- und Selbstbestimmungsrecht der Frauen in diesem Land. Weil sie sich dafür einsetzt, dass Frauen im Notfall in gute ärztliche Hände, Betreuung und Beratung kommen und die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, wer ihnen vor Ort helfen kann. Ist das unchristlich? Oder im Gegenteil christlich?“

Liebevoll um den rechten Glauben streiten

Die Definition, was christlich ist, oblag Bollmann zufolge vor der Reformation bei der katholischen Kirche mit dem Papst an der Spitze und in Deutschland nach der Reformation dem jeweiligen Glauben der Landesfürsten. Wenn er den idea-Kommentar richtig verstanden habe, solle die Definition heute der jeweiligen Amtskirche vorbehalten sein. Christen dürften aber ihren Glauben „in stetigen Vergewisserungsprozessen und im stetigen Gebet mit Gott entwickeln“. Er rief dazu auf, engagiert, aber liebevoll um den rechten Glauben zu streiten: „Liebevoll heißt, dass wir uns in gegenseitiger Achtung ernst nehmen in unseren unterschiedlichen Auffassungen, wie wir Gott nahe sein können.“ Man sei in der evangelischen Publizistik verpflichtet zu einer unabhängigen Berichterstattung über das kirchliche Leben und die christliche Lebenswirklichkeit sowie zu einer kritischen Begleitung kirchlicher Vorgänge. Es sei ihre Aufgabe, um den rechten christlichen Weg zu streiten: „Aber bitte in Anerkennung der Freiheitsgrade, die der evangelischen Publizistik im Besonderen durch die Definition im publizistischen Gesamtkonzept und der Presse im Allgemeinen durch die grundgesetzlichen Bestimmungen eingeräumt werden.“

Kritik an Peter Hahne: Was sagt der Journalist zu chrismon?

Bollmann kritisierte ferner den Journalisten und Bestsellerautor Peter Hahne (Berlin), der sich im November in idea für die Meinungs- und Pressefreiheit eingesetzt hatte. Anlass für Hahne war die Entscheidung der EKD-Synode, den Zuschuss von idea erst zu kürzen und dann zu streichen. Bollmann: „Was sagt er, wenn es um die Forderung nach Entlassung der chrismon-Chefredakteurin geht? Ist das kein Anschlag auf die Meinungsfreiheit? Ist die dann zu Ende, wenn – wer auch immer – den Stempel ,unchristlich’ auf eine veröffentlichte Meinung platziert?“

Helmut Matthies: Bei einer Abtreibung wird ein Kind getötet

idea-Vorstandsmitglied Helmut Matthies (Siegen) – er war bis Ende 2017 idea-Leiter – erwiderte in einem Podiumsgespräch, was christlich sei, entscheide nicht in erster Linie die Kirche, sondern Christus selbst. Bei jeder Abtreibung werde ein Kind getötet. Deswegen könne es auch niemals christlich sein, sich für die Abschaffung des Werbeverbots einzusetzen, betonte Matthies. Bereits in Jeremia 1,5 stehe: „Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest.“ Allein 2016 seien offiziellen Angaben zufolge knapp 99.000 ungeborene Kinder getötet worden. Ott widerspreche mit ihrem Kommentar dem Papier „Gott ist ein Freund des Lebens“ (1989) von der EKD und der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, so Matthies. Der Christliche Medienkongress findet noch bis 13. Januar im Christlichen Gästezentrum Württemberg – dem Schönblick – statt. Das Treffen wird gemeinsam von kirchlichen und evangelikalen Organisationen veranstaltet. Träger sind unter anderen die EKD, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), Bibel TV, ERF Medien, die Stiftung Christliche Medien, die Stiftung Marburger Medien, der Christliche Medienverbund KEP und die Evangelische Nachrichtenagentur idea.