Kritik an Verunglimpfung von Theologieprofessor Otto Michel

Der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) und frühere Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses, Rolf Hille. Foto: PR
Tübingen (idea) – Gegen eine Verunglimpfung des Tübinger Theologieprofessors Otto Michel (1903-1993) wendet sich der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) und frühere Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses, Rolf Hille (Heilbronn).
Gegenüber idea wies er die Behauptung der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) zurück, Michels Beitrag zur Versöhnung zwischen Christen und Juden beruhe auf einem „Lügensockel“. Michel lehrte von 1940 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1972 an der Universität Tübingen. Durch seine Kommentare zum Römer- und Hebräerbrief erwarb er weltweite Anerkennung als Neutestamentler und Judaist. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete er als einer der ersten deutschen Theologen den Dialog zwischen Kirche und Judentum ein. Seine Bemühungen, nach den theologischen Irrwegen in der Nazi-Zeit das Verhältnis neu zu gestalten, führten 1957 zur Gründung des Institutum Judaicum als eines Zentrums für jüdisch-christliche Gespräche. Doch nun sei sein guter Ruf ruiniert, schrieb die „Zeit“. Sie begründet ihre Ansicht damit, dass der „Judenfreund“ Michel seine „braune Herkunft“ verschwiegen und sich stattdessen zum Widerstandskämpfer stilisiert habe. In seiner Autobiographie „Anpassung oder Widerstand“ erwähne er nicht seine Mitgliedschaft in der NSDAP und in der SA zwischen 1930 und 1936, sondern nur seine Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche ab 1933. Außerdem habe Michel eine hölzerne Standscheibe einer Thorarolle aus einer von den Nazis 1939 zerstörten Synagoge in Polen besessen. Da Michel nie über die Herkunft dieses Gegenstandes gesprochen habe, habe er wohl ein „Geheimnis“ hüten wollen. Sonst hätte Michel nach den Erben forschen und versuchen müssen, die Scheibe zurückzugeben, zumal er als Experte wusste, „dass solche jüdischen Relikte meist von ermordeten Juden stammten“, so die „Zeit“. Zwar sei Michel „kein großer Nazi“ gewesen, aber es sei zu fragen, „ob man Mitglied der SA gewesen sein konnte, ohne Antisemit zu sein“.
Hille: „Mehr Mut wäre wünschenswert gewesen“
Nach Hilles Überzeugung war Michel überhaupt kein Nazi. Weder schriftliche Zeugnisse noch irgendwelche Reden gäben Anlass zu dieser Vermutung. Allerdings habe es der Theologe nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt einzugestehen, dass er sich von den Nazis anfänglich zur Mitgliedschaft verführen ließ. „Hier wäre mehr Mut wünschenswert gewesen“, sagte Hille. Die Mitgliedschaft in der Bekennenden Kirche sei eine logische Konsequenz aus Michels theologischem Denken, wonach es kein Christentum ohne seine jüdischen Wurzeln geben könne. Spekulationen darüber, wie die Standscheibe in Michels Besitz gelangte und warum er nicht nach ihrem Eigentümer fahndete, lehnte Hille ab. Antisemitische Unterstellungen grenzten an Verleumdung.
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