Hat die Kirche in Hamburg ihre Seele verkauft?
Hamburg (idea) – Verkauft die Kirche ihre Seele, wenn sie ein Gotteshaus für weltliche Veranstaltungen zur Verfügung stellt? Über diese Frage ist in Hamburg eine heftige Bürgerdebatte entbrannt.
Der Anlass: Am 2. Dezember veranstaltete die Wochenzeitung „Die Zeit“ zum dritten Mal ihr „Deutsches Wirtschaftsforum“ in der Hauptkirche St. Michaelis (Michel). Dort sprachen unter anderem Altkanzler Helmut Schmidt, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Scharfe Kritik an der „Entweihung“ der Hauptkirche übte Dirk Reimers, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Nationalstiftung. Er hält die Wahl des Veranstaltungsorts für einen „Skandal“: Der Michel sei keine entwidmete Kulturkirche, sondern ein „Ort des Gottesdienstes und eine Zuflucht für Seelen in Bedrängnis“, schrieb er im Internet. Die „Zeit“ habe die „Heiligkeit“ dieses Raums mit Unterstützung der Stadt Hamburg, der HSH Nordbank und anderer Unternehmen als „coole location“ gekauft. Zwar brauche die Nordelbische Kirche Geld, aber sie sollte „nicht ihre Seele verkaufen und den Versuchungen einer geballten Macht von Kommerz, Politik und Medien erliegen“, so Reimers. Er zitiert die Worte Jesu bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel in Jerusalem: „Macht nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!“ (Johannes 2,15).
Hauptpastor: Für Evangelische gibt es keine „heiligen Räume“
Auch Helmut Schmidt – Herausgeber der „Zeit“ – bekannte, dass er Unbehagen bei der Wahl des Konferenzortes verspüre. Der Hauptpastor am „Michel“, Alexander Röder, verteidigte hingegen die Veranstaltung. Man nehme die Sorgen und Befürchtungen ernst, vertraue aber darauf, dass Ökonomen und Politiker besonders in der Kirche das Wohl der Menschen und nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg im Blick hätten. Hauptpastor Johann Hinrich Claussen von St. Nikolai verwies darauf, dass es nach evangelischer Auffassung gar keine „heiligen Räume“ gebe. Kirchen seien Nutzbauten, freilich in erster Linie für Gottesdienste. Der Glaube verwirkliche sich aber auch in der Begegnung mit Kunst und Kultur sowie im Gespräch über christliche Glaubens- und Moralvorstellungen. Claussen beobachtet einen „Konservatismus der Fernstehenden“. Gerade Menschen, die wenig mit der Kirche zu tun haben, reagierten auf profane Nutzungen von Kirchen verletzt. „Dies sollte man achten“, so Claussen.
Rüß: Geistliches ist wichtiger als Geld
Für den Hamburger Pastor Ulrich Rüß - Vorsitzender der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in der Nordelbischen Kirche – ist es ebenfalls bemerkenswert, dass Laien auf eine „Entweihung“ von Kirchen offensichtlich sensibler reagieren als Theologen. Zu Recht stemmten sie sich gegen eine Profanisierung des Heiligen, so Rüß gegenüber idea. Themen von hohem ethischen Rang könnten überall behandelt werden: „Das Gotteshaus dagegen sollte vorzugsweise dem Gottesdienst, der stillen Einkehr, dem Gebet und der Begegnung mit Gott vorbehalten bleiben.“ Mehr als Geld brauche die Kirche angesichts einer zunehmenden Verweltlichung eine bleibende Sensibilität für geistliche Räume und Glaubenspraxis. Rüß: „Der Preis für Säkularisierung und Profanisierung ist zu hoch.“
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