Ein Christentum ohne Christen

Eine Studie im Auftrag des Hessischen Rundfunks erfragte, wie religiös die Hessen sind. Foto: Pixelio
Frankfurt am Main (idea) – Christen sind in Hessen zu einer Minderheit geworden. Nicht einmal jeder Zweite glaubt an einen „Gott, der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat“. Das geht aus der Studie „Was glauben die Hessen?“ der Katholischen Hochschule Freiburg hervor, die der Hessische Rundfunk in Auftrag gegeben hat.
Auch unter den Kirchenmitgliedern gibt es danach einen erheblichen Anteil an „Nicht-Christen“: Bei den Evangelischen ist es jeder Dritte, bei den Katholiken jeder Fünfte. Nur 24 Prozent aller Hessen lehnen den Glauben an mehrere Götter ab und glauben stattdessen an einen Gott, der sich um jeden Menschen persönlich kümmert und sich in Jesus Christus gezeigt hat. Unter den Katholiken gelten nach dieser Definition 33 Prozent als Christen, unter den Protestanten 27 Prozent und unter den religiös Ungebundenen 10 Prozent. Das Fazit der Studie: „Ein Christentum ohne Christen ist bereits Realität in den hessischen Kirchen.“
80 Prozent wollen dem Leben selber einen Sinn geben
Was glauben die Hessen stattdessen? Die höchste Zustimmung findet der Satz, dass „das Leben nur dann einen Sinn hat, wenn man ihm selber einen Sinn gibt“. Davon sind 80 Prozent überzeugt. 73 Prozent meinen, dass „es hinter oder über unserem normalen Leben ein Geheimnis gibt“. 70 Prozent gehen davon aus, dass „jede Religion einen wahren Kern hat“. Ebenso hoch ist der Anteil derer, die davon überzeugt sind, dass es Wunder gibt. 72 Prozent meinen, „dass die Kirchen auf Fragen, die sie wirklich bewegen, keine Antwort haben“. Für Erstaunen sorgte bei den Mitarbeitern der Studie die Beobachtung, dass ältere Befragte überdurchschnittlich hoch dieser Überzeugung sind. Schlussfolgerung: „Der Satz, je älter desto frömmer, stimmt nicht mehr.“ Andererseits finden es 76 Prozent der Hessen gut, dass es Kirchen gibt. 67 Prozent glauben an die Existenz eines Gottes oder eines höheren Wesens. Ein Leben nach dem Tod erwarten 55 Prozent. Die Vorstellung, dass es ein Endgericht und eine Hölle gibt, lehnen mehr als zwei Drittel ab. Von der Auferstehung überzeugt sind 54 Prozent. Missionarisch gesinnt sind der Studie zufolge ausschließlich Muslime. Über 60 Prozent bekannten, auch andere Menschen von ihrer Religion überzeugen zu wollen. Von den Katholiken wollen dies 17 Prozent tun, von den Protestanten 12 Prozent.
Kirchenpräsident: Das Kreuz Christi stärker zur Sprache bringen
Die Repräsentanten der Kirchen reagierten unterschiedlich auf die Studie. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein (Kassel), sagte idea: „Wenn 76 Prozent der Hessen es gut finden, dass es Kirche gibt, dann hat das entscheidend damit zu tun, dass sie eine lebendige Kirchengemeinde in ihrer Lebenswelt vorfinden.“ Hein zufolge kann die Kirche weiter „selbstbewusst handeln“ und „auf das Wirken des Heiligen Geistes vertrauen“: „Es wäre falsch zu meinen, Kirche könne allein argumentativ die Wahrheit des christlichen Glaubens in der Welt erweisen. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes.“ Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung (Darmstadt) hält es für notwendig, dass die Kirche stärker eine Sprache finden muss, die die Menschen im Alltag abholt: „Wir müssen deutlicher zeigen, für was das Kreuz steht.“ Ähnlich sieht es auch der Pressesprecher der hessen-nassauischen Kirche, Pfarrer Stephan Krebs: „Die Studie zeigt Defizite auf und gibt den Kirchen Hausaufgaben auf.“ Dass nur eine Minderheit der Christen an Jesus Christus glaube, „trifft uns hart“. Ein „Alarmsignal für den Untergang der Kirche“ sei die Studie gleichwohl nicht: „Es ist ein Gewinn, dass heute Menschen kritischer über den Glauben nachdenken und an sich den Anspruch stellen, über ihren Glauben selbst zu entscheiden.“
Pietisten für ein „profiliertes Christsein“
Der Verbandspfarrer des pietistischen Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Herborn und hessen-nassauische Synodale Eberhard Hoppe (Eschenburg/Mittelhessen) zeigte sich dagegen bestürzt. Nach jeder Umfrage habe sich in den letzten Jahren gezeigt, dass der „geistliche Grundwasserspiegel“ weiter gesunken sei. Eine Änderung des Trends sei nur möglich, wenn die Kirche „mehr über Werte und Normen spricht, stärker die Liebe Christi praktiziert und ein profiliertes Christsein in die Gesellschaft einbringt“. Hoppe: „Wir müssen alle aktuellen Themen mit unseren Positionen besetzen.“ Zugleich zeigte er sich skeptisch, dass menschliches Handeln etwas ausrichten könne: „Wir müssen dafür beten, dass Gott uns noch einmal eine Erweckungsbewegung schenkt.“
Sehnsucht nach Spiritualität eine große Chance
Der Inspektor des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Hessen-Nassau, Norbert Held (Neukirchen/Knüll), hält das Ergebnis der Umfrage für eine Herausforderung: „Die Sehnsucht nach Spiritualität ist eine große Chance für die Verkündigung des Evangeliums.“ Das festgestellte „Christentum ohne Christus“ sei auch die Folge einer säkularisierten Kirche und Verkündigung: „Es fordert uns heraus mit dem Evangelium auf die Menschen zuzugehen.“ Die Leiterin des Landesverbandes Hessen-Siegerland im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden), Annette Steup (Wiesbaden), begrüßte die Studie als wichtigen Anknüpfungspunkt für das Thema, mit dem sich ihre Freikirche in diesem Jahr besonders befasse: die Herausforderung, über den Glauben an Gott in verständlichen Worten zu reden.
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