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22.05.2009

Deutschland braucht einen Wertekanon

Stephan Holthaus: Christen sollen sich bei Wertediskussion einmischen.

Marburg (idea) – Deutschland braucht einen Wertekanon. Christen sollen sich deshalb nicht in ihre Gemeindehäuser zurückziehen und auf die Wiederkunft Jesu warten, sondern sich bei der Wertediskussion offensiv einmischen. Das forderte Stephan Holthaus, Dekan der Freien Theologischen Hochschule Gießen, beim 6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge, am 22. Mai in Marburg.

Christen sollten daran erinnern, dass die abendländische Kultur, die soziale Marktwirtschaft und das Grundgesetz christliche Wurzeln hätten, so Holthaus. Die Gesellschaft sei heute geprägt von Vielfalt und Relativismus. Vorherrschend sei postmodernes Denken. Dieses habe nicht nur das Ende von Religion und Ideologien, sondern auch von Aufklärung und Vernunft erklärt. Die Postmoderne sei eine völlig neue Weltanschauung, die sich gegen allgemeingültige und absolute Erklärungsmuster wende.

Postmoderne ist nur scheinbar tolerant
Die Postmoderne sei gestartet, um Monopolansprüche in Frage zu stellen. Inzwischen sei sie selbst zur totalitären Ideologie verkommen und nur scheinbar tolerant. Wer ihr widerspreche, werde abgestraft. Nach Auffassung von postmodernen Denkern gebe es eine Vielzahl von gleichberechtigt nebeneinander stehenden Lebensphilosophien. Es bestehe dabei die Gefahr, dass der gesellschaftliche Konsens verloren gehe. So beklage Altbundeskanzler Helmut Schmidt, dass es in Deutschland ebenso viele Moralsysteme wie Bürger gebe: 82 Millionen. Als problematisch bezeichnete Holthaus auch die neue Religiosität. Sie bediene sich verschiedener, sich zum Teil widersprechender Überzeugungen und setze sie neu zusammen. Es gebe Christen, die an Reinkarnation glauben und Atheisten, die bei Krankheit auf heilende Steine vertrauten. Andere Menschen trieben zu gregorianischer Musik Yoga oder wollten in einer Kirche heiraten, ohne Christen zu sein. Folge dieser Entwicklung sei eine instabile Identität. Dies würde auch von führenden Vertretern der Postmoderne zugegeben.

Sehnsucht nach Sinn und Orientierung ein Megatrend
Auf der einen Seite gebe es bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft, andererseits die Unfähigkeit, langfristige Bindungen einzugehen. Die Suche nach einer neuen Identität sei für viele zur Lebensmaxime geworden. Von Prominenten höre man häufiger, sie hätten sich „völlig neu erfunden“. Die Angst, etwas zu verpassen und das Ausprobieren immer neuer Lebensstile machten unruhig und orientierungslos. Die Postmoderne habe Anker und Kompass gestohlen und den Sinnhorizont ausgelöscht. Menschen, die nicht mehr an Gott glaubten, machten Geld und Besitz, Erfolg, Leistung, Popularität, gutes Aussehen, Markenkleidung, sexuelle Attraktivität oder Bildung zu einem Ersatz. Dennoch sei die Sehnsucht nach Sinn und Orientierung ein Megatrend unserer Zeit. Die wahre Bestimmung des Menschen liege in der Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. In Gott erkenne der Mensch seine Würde, seine Ebenbildlichkeit und seine Sinnhaftigkeit. Holthaus: „Wer Gott gefunden hat, hat sich selbst gefunden.“

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