Demografie
09. April 2013

Deutschland altert und schrumpft – was tun?

Deutschland altert und schrumpft – was tun?
Foto: pixelio f3ranz mairinger

Wetzlar (idea) – Die Deutschen werden immer älter und immer weniger. Seit 1972 weisen die Statistiken mehr Sterbefälle als Geburten aus. Nach Japan hat Deutschland die zweitälteste Bevölkerung der Welt. Prognosen zufolge wird die Einwohnerzahl bis 2060 um 12 bis 17 Millionen sinken. Was bedeutet das für die Zukunft? Darüber haben zwei Experten auf Einladung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) ein Streitgespräch geführt: der Bevölkerungswissenschaftler Prof. Herwig Birg und der Soziologieprofessor Karl Ulrich Mayer (beide Berlin). Laut Mayer birgt der demographische Wandel Risiken – etwa bei den Rentenzahlungen – aber auch Chancen. Er beschleunige Veränderungen, die ohnehin auf der Tagesordnung stünden: „Ältere werden seltener frühverrentet und können länger arbeiten, Frauen können künftig Beruf und Familie besser verbinden, und auch für Migranten gibt es bessere Chancen.“ Birg widerspricht: „Mit dieser Logik könnte man auch das Flächenbombardement im Zweiten Weltkrieg als große Chance für den Wiederaufbau bezeichnen.“ Er sieht fünf demografische „Plagen“: Dazu gehöre der Generationenkonflikt zwischen der steigenden Zahl der alten und der schrumpfenden Zahl junger Menschen sowie einen Verteilungskonflikt zwischen Kinderlosen und Eltern: „25 Prozent der Frauen sind zeitlebens kinderlos.“ Daneben gebe es einen Konflikt zwischen sich entleerenden Regionen – vor allem in den neuen Bundesländern – und Ballungsgebieten, die vom Zuzug junger Menschen profitierten. Birg erwartet ferner einen Konflikt zwischen Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund: „Durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten werden Migranten in immer mehr Städten bei den unter 40-Jährigen die Mehrheit haben und die rechtlichen und kulturellen Standards unseres Landes beeinflussen.“ Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise werde sich aufgrund der demografischen Entwicklung verschärfen.

Löst mehr Zuwanderung das Problem?

Dass die Finanzkrise Ergebnis einer demografischen Krise sei, höre er zum ersten Mal, entgegnet Mayer. Aus seiner Sicht sind die genannten Probleme lösbar. So zeigten alle Umfragen, dass der Konflikt zwischen Älteren und Jüngeren gering sei. Außerdem sei die Zwei-Kind-Familie über die Jahrzehnte hinweg relativ konstant. Jede neue Generation bestehe also aus familiär orientierten Menschen. Die Entleerung ländlicher Gebiete sei weniger auf Geburtenmangel, sondern vor allem auf den Zusammenbruch der dortigen Industrie zurückzuführen. Außerdem habe Deutschland erkannt, dass mehr getan werden müsse, um Migranten zu integrieren. Laut Mayer kamen 2011 netto etwa 240.000 Zuwanderer: „Da wäre sicher noch mehr möglich.“ Er ist überzeugt: „Mehr Zuwanderung kann unsere Probleme mindern.“

Geburtenrückgang: Politik soll „endlich“ handeln

Nach Ansicht Birgs kann das Alterungsproblem nicht durch Zuwanderung gelöst werden: „Dafür brauchten wir nach Berechnungen der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 190 Millionen Einwanderer netto.“ Die Politik müsse „endlich“ die Ursachen für den Bevölkerungs- und Geburtenrückgang sehen und dafür sorgen, dass der Abwärtstrend aufhöre. Wenn die Geburtenzahl schrumpfe, sei auch die nächste Elterngeneration kleiner, was wiederum zu weniger Geburten führe. Birg: „Diese Schrumpfungsautomatik setzt sich im 21. Jahrhundert fort.“ Mit welchen Maßnahmen kann man erreichen, dass die Geburtenrate wieder steigt? Birg plädiert unter anderem für eine gerechtere Anerkennung von Erziehungszeiten in der Renten- und Pflegeversicherung. Außerdem sollten bei der Vergabe von Arbeitsplätzen bei gleicher Qualifikation Eltern gegenüber Kinderlosen vorgezogen werden. Denkbar sei auch ein Familienwahlrecht, bei dem Eltern eine Stimme für ihre noch nicht wahlberechtigten Kinder abgeben können. Dafür gebe es allerdings derzeit im Bundestag nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit.

Entscheidend für Ja zu Kindern ist Optimismus

Mayer macht einen anderen Vorschlag: „Wir könnten das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ersetzen, das bei der Besteuerung die Zahl der Kinder stärker berücksichtigt.“ Das befürwortet auch Birg. Nach Mayers Worten ist es entscheidend, „wie optimistisch Menschen in die Zukunft schauen – nur dann werden Familien gegründet und Kinder geboren“. Das könne die Politik unterstützen, aber nur in einem geringen Maße steuern. Es gehe jetzt vor allem darum, dass sich die Gesellschaft an die Bevölkerungsentwicklung anpassen müsse, zum Beispiel durch ein höheres Rentenalter. Dem Soziologen zufolge kann die Bundesregierung durch kluge Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik viel dazu beitragen, „dass auch eine schrumpfende und alternde Gesellschaft lebenswert bleibt“.

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1 Kommentare

75173vor 1 Jahr und 101 Tagen

Seid fruchtbar und mehret euch!  Jeder sei ein Luther, und auch DAS THEMA wär in BUTTER!  

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