01. September 2011

Der Kirche droht ein Fachkräftemangel

Der Kirche droht ein Fachkräftemangel

Chemnitz (idea) – Ein zunehmender Fachkräftemangel macht nicht nur der Wirtschaft zu schaffen, sondern auch den Kirchen. Das wurde beim dritten zentralen Pfarrertag der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens am 1. September in Chemnitz bekannt. Wie es hieß, bestehe ein dringender Bedarf an Pfarrern, Gemeindepädagogen und Kirchenmusikern.

Oberlandeskirchenrat Martin Lerchner (Dresden) bezeichnete die Situation als brisant. Schon jetzt würben sich Landeskirchen gegenseitig Theologieabsolventen ab. In Sachsen steige die Zahl der freien Stellen, gleichzeitig fehle es an Nachwuchs für den geistlichen Dienst. Pfarrer sollten deshalb junge Menschen dazu ermuntern, Theologie zu studieren. Im zurückliegenden Wintersemester waren rund 14.600 Studenten im Fach Evangelische Theologie eingeschrieben, davon haben aber nur etwa 5.000 das Berufsziel Pfarramt. Über 6.000 wollen Religionslehrer werden. In den nächsten Jahren werden in den Landeskirchen zahlreiche Pfarrstellen durch eine Pensionierungswelle frei. Mit einem gravierenden Mangel wird ab 2020 gerechnet. Zurzeit arbeiten rund 20.000 Pfarrer in den 22 Landeskirchen. Die sächsische Kirche beschäftigt 691 Pfarrer (davon 146 Frauen) in 776 Kirchgemeinden mit 774.000 Mitgliedern. Durchschnittlich benötige eine Gemeinde 1.300 Mitglieder, um ein Dreiergespann aus Pfarrer, Gemeindepädagoge und Kirchenmusiker finanzieren zu können, so das Landeskirchenamt. Ziel sei es, eine „Grundversorgung“ aufrecht zu erhalten.

Bischof: Starke Spannungen im Umgang mit Homosexualität

Landesbischof Jochen Bohl (Dresden) berichtete auf dem Pfarrertag, dass es in der Landeskirche im Umgang mit der Homosexualität „starke Spannungen“ gebe. Zahlreiche Stimmen äußerten sich besorgt über eine mögliche Zulassung homosexueller Partnerschaften im Pfarrhaus. Gleichzeitig bestehe „erheblicher Druck“, die derzeit geltende Rechtslage der sächsischen Landeskirche zu ändern. Bisher sind dort homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus nicht zugelassen. Die Kirchenleitung hatte zu der Problematik eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die im Oktober Empfehlungen vorlegen wird. Falls es zu einer Änderung der bisherigen Regelung komme, werde dies „maßvoll und in engen Grenzen“ geschehen, so Bohl. Zugleich rief er zur „Mäßigung“ in der Diskussion auf. Es gebe seit jeher homosexuelle Pfarrer in der Landeskirche. Er sei dankbar für die persönlichen und geistlichen Gaben, die sie in die Kirche einbringen. Man dürfe Homosexuelle nicht durch eine aggressive Sprache „geistlich exkommunizieren“. Bohl bezeichnete das im November 2010 verabschiedete gemeinsame Pfarrdienstrecht der EKD als „notwendigen und erträglichen Kompromiss“. Es überlässt es jeder Landeskirche, über die Zulassung homosexueller Partnerschaften im Pfarrhaus selbst zu entscheiden. Bohl zufolge wird die sächsische Landeskirche keine eigenen Ausführungsbestimmungen zu diesem Paragraphen beschließen.

Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften brachte nicht viel

Der systematische Theologe Prof. Michael Welker (Heidelberg) sprach auf dem Pfarrertag über den „Dialog zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften“. Nach seinen Worten hat das Gespräch zwischen beiden Disziplinen – etwa in Evangelischen und Katholischen Akademien – trotz zahlreicher Veranstaltungen „nicht viel“ gebracht. Ein gelungener Dialog benötige gegenseitige Anregung, die Korrektur von Vorurteilen, Fehlern und Inkonsequenzen sowie „Schüsse vor den Bug“ bei Grenzüberschreitungen. Kritisch setzte sich Welker mit den Weltentstehungstheorien des britischen Astrophysikers Stephen Hawking auseinander, die ohne einen Schöpfergott auskommen. Hawking sei ein großer Physiker, arbeite aber zugleich mit billiger, antireligiöser Polemik. Eine Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und Theologie sei vor allem in Fragen der Anthropologie – der Lehre vom Menschen – nötig. Der Mensch sei mehr als Materie: Er habe auch Seele und Geist. Ein Weltbild, das den Menschen allein durch seine Gene und Prozesse im Gehirn zu erklären versuche, werde der Komplexität des Menschen nicht gerecht. Dagegen erfasse die biblische Anthropologie den Menschen sowohl in seiner Größe als auch in seiner Gefährdung und Sündhaftigkeit. Welker zufolge sollten Theologen sich nicht scheuen, biblische Texte in den Dialog mit den Naturwissenschaften einzubringen.

Ministerpräsident: Entspanntes Verhältnis zwischen Staat und Kirche

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte in einem Grußwort, das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sei im Freistaat Sachsen „sehr entspannt“. Als Beispiel für das gute Miteinander nannte er den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni in Dresden. Sachsen sei – anders als von der einstigen DDR-Führung gewollt – keineswegs eine religionsfreie Zone.

Foto: idea/Kretschel

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