05. Oktober 2011

Geht die Botschaft vom Kreuz verloren?

Goslar (idea) – Mit einem Aufruf an die Kirchen, die „Botschaft vom Kreuz“ angesichts wachsender Widerstände neu zur Geltung zu bringen, ist der 4. Ökumenische Bekenntniskongress am 5. Oktober in Goslar (Harz) zu Ende gegangen. An dem dreitägigen Treffen der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften nahmen rund 130 evangelische, römisch-katholische und orthodoxe Repräsentanten aus sieben Ländern teil. Sie richteten zum Abschluss eine 40-seitige Orientierungshilfe unter dem Titel „Das Kreuz Christi – Mitte des Heils“ an ihre Kirchenleitungen.

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Darin heißt es, Vertreter unterschiedlichster Ideologien und Religionen griffen die Botschaft an, dass Jesus Christus für die Sünde der Menschheit gestorben sei. Sogar in den Kirchen werde die Heilsbedeutung des Kreuzes vielfach ausgeblendet und missdeutet: „Das Wort vom Kreuz droht aus dem Gesichtsfeld christlicher Gemeinde zu entschwinden.“ Dabei bilde „die Heilsbotschaft vom Kreuzestod Jesu als Sühnopfer für unsere Sünden“ das Herzstück des Evangeliums. Die Erlösung des Menschen hänge davon ab, ob er diese Botschaft im Glauben annehme oder im Unglauben ablehne. Der Erklärung zufolge hat die Kreuzesbotschaft eine wichtige ökumenische Bedeutung: „Je näher wir dem Kreuz Christi kommen, desto näher kommen wir auch zueinander.“

Präsident Rüß: Die Kirche erodiert von innen

Der Präsident der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), beklagte, dass der Sühnetod Jesu innerkirchlich immer mehr in Frage gestellt werde: „Die Kirche erodiert von innen.“ Als Beispiel nannte er Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden, Nikolaus Schneider (Düsseldorf). Er hatte 2009 als rheinischer Präses gesagt, Gott brauche kein Sühnopfer: „Denn es muss ja nicht sein Zorn durch unschuldiges Leben Leiden besänftigt werden.“ Rüß begrüßte, dass Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch dazu aufgerufen habe, dem Zeitgeist und dem Druck zur Säkularisierung nicht nachzugeben. Doch genau dies geschehe in der evangelischen Kirche. So lasse sie sich durch Feminismus und Gender-Ideologie beeinflussen. Außerdem segne sie homosexuelle Lebensgemeinschaften, und das neue EKD-Pfarrdienstrecht ermögliche Homosexuellen das Zusammenleben im Pfarrhaus. Aber in dem Maße, wie sich die Kirche von Bibel und Bekenntnis entferne und dem Zeitgeist erliege, wachse die Kluft zur römisch-katholischen Kirche. Rüß: „Wäre die evangelische Kirche lutherischer, wäre es für die katholische Kirche leichter, beim Reformationsjubiläum 2017 – auf welche Weise auch immer – dabei zu sein.“ Der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften gehe es um eine „trinitarische, christologische Bekenntnisökumene“. Sie hebe sich ab von einer Ökumene, die sich mehr an Themen politischer Weltverantwortung orientiere und vom Druck der Säkularisierung beeindrucken lasse.

Kardinal: Wahrhafte Ökumene geschieht unter dem Kreuz

Schriftliche Grüße an die Teilnehmer übermittelte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch (Vatikanstadt). Nach seinen Worten ist der Glaube an die erlösende Kraft des Kreuzes auch innerhalb der Kirchen umstritten. Viele Christen hätten „ein Kreuz mit dem Kreuz Jesu“. Deshalb sei es vordringlich, das Evangelium des Kreuzes als tiefsten Erweis der Liebe Gottes neu zum Leuchten zu bringen und als Hoffnung für die ganze Ökumene zu bezeugen. Koch: „Wahrhafte Ökumene geschieht unter dem Kreuz und damit im Zeichen der Versöhnung, die das größte Geschenk darstellt, das vom Kreuz her auf uns zukommt.“ Grußworte schickten unter anderen auch der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich (München), und der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. Friedrich schrieb: „Christliche Predigt ohne die Predigt von Jesus Christus als Gekreuzigtem ist und bleibt leer.“

Warum viele mit dem Kreuz nichts anfangen können

In einem Hauptvortrag ging der Dozent für Systematische Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona, Pfarrer Werner Neuer (Bettingen bei Basel), auf die Frage ein, warum der Sühnetod Jesu heute für viele unverständlich bleibe. Ein wesentlicher Grund dafür sei das geschwundene Bewusstsein des Menschen, dass er Sünder sei und Vergebung seiner Schuld benötige. Als Folge dieser Entwicklung stünden die Bürger der massenhaften Tötung ungeborener Kinder weithin gleichgültig gegenüber. Auch ein aggressiver Atheismus, der Zerrbilder der Botschaft vom Kreuz zeichne, erschwere vielen den Zugang. So werde Gott als sadistisch und rachsüchtig dargestellt, weil er seinen Sohn am Kreuz sterben lasse. Neuer zufolge ist der Kreuzestod Jesu jedoch vielmehr Ausdruck der „unermesslichen Liebe Gottes zum Menschen“. Allerdings könne und dürfe das „Ärgernis des Kreuzes“ nicht beseitigt werden: „Es muss uns schmerzen, dass dieses unermessliche Opfer nötig wurde, um uns zu retten.“ Die Botschaft vom Sühnetod Jesu müsse in einer Weise vermittelt werden, dass sie auch für Menschen ohne christliche Erziehung nachvollziehbar sei. Evangelisten wie Ulrich Parzany (Kassel) zeigten, dass dies möglich sei.

Ablehnung der Judenmission ist Widerspruch gegen Gott

Der nordelbische Altbischof Ulrich Wilckens (Lübeck) kritisierte, dass Landeskirchen bis in ihre Verfassung hinein die Judenmission ablehnten. Damit werde der Eindruck erweckt, dass Gott mit den Juden einen eigenen Heilsweg gehe neben dem in Jesus Christus. Dies sei ein „heilloses Missverständnis“. Gott habe seiner Kirche den Auftrag gegeben, Juden und Heiden das Heil in Christus  zu bezeugen. Deshalb sei eine Ablehnung dieses Auftrag ein Widerspruch gegen Gottes Willen. Allerdings müsse die missionarische Zuwendung zu den Juden mit Feingefühl geschehen. Außerdem sollte diese Aufgabe nicht in erster Linie von Deutschen wahrgenommen werden angesichts der Judenvernichtung im Nationalsozialismus.        

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