Kontroverse
19. Juni 2012

Soziales Pflichtjahr für alle?

Sollte es ein verpflichtendes „Soziales Jahr“ für alle Jugendlichen geben? Foto: BMFSFJ/Bertram Hoekstra
Sollte es ein verpflichtendes „Soziales Jahr“ für alle Jugendlichen geben? Foto: BMFSFJ/Bertram Hoekstra

Berlin (idea) – Sollte es nach der Aussetzung der Wehrpflicht und dem damit verbundenen Wegfall des Zivildienstes ein verpflichtendes „Soziales Jahr“ für alle Jugendlichen geben? Dieser Frage ist das evangelische Nachrichtenmagazin ideaSpektrum mit einem Pro & Kontra nachgegangen. Der evangelische Theologieprofessor Richard Schröder (Berlin) plädiert für ein solches Pflichtjahr für alle 18- bis 25-Jährigen. Das sei vor allem im Interesse der Jugendlichen selbst: „Was sich über Handy, Disco und die Clique Gleichaltriger erschließt, ist nicht die ganze Wirklichkeit. Wer Alte unterstützt oder Kindern hilft, wer Natur bewahrt oder Kulturgüter pflegt, gewinnt an Einfühlungsvermögen und Engagement.“ Für eine Pflicht sei er deshalb, weil „gerade diejenigen, die dergleichen nicht freiwillig wahrnehmen, es am nötigsten haben“. Extremistische Haltungen gediehen besonders in beschränkten und isolierten Milieus. Das beste Gegenmittel sei ein frischer Wind, eine neue Umgebung und neue Erfahrungen. Außerdem gebe es ohne Pflichten keine Rechte. Das zeige sich im Alltäglichen: „Wenn ich das Recht auf Vorfahrt habe, haben die anderen die Pflicht, sie mir zu gewähren.“ Mit einem verpflichtenden sozialen Jahr könne man anknüpfen an die guten Erfahrungen mit dem Zivildienst. „Ich habe noch niemanden über ihn klagen gehört – aber viele sagen: Das hat mein Leben geprägt“, so Schröder. Er gehört der „Löwenberger Initiative“ an, die sich für ein verpflichtendes soziales Jahr einsetzt. Informationen zur "Löwenberger Initiative" finden Sie hier.

Stockmeier: Freiheit und Dienst gehören zusammen

Anderer Ansicht ist der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Johannes Stockmeier (Berlin). Er lehnt ein soziales Pflichtjahr aus drei Gründen ab. Aus evangelischer Sicht gehörten Freiheit und Dienst zusammen: „Hierin liegt aus der Sicht evangelischen Glaubens das zentrale theologische Motiv für jeden freiwilligen Dienst.“ Stockmeier hat auch Zweifel an der Umsetzbarkeit. Denn dem Grundgesetz zufolge dürfe „niemand zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden“. Auch würden die Kosten eines solchen Pflichtjahres vernachlässigt, so der Diakonie-Präsident. Aktuell gebe es mit über 100.000 Nachfragenden für einen Freiwilligendienst eine höhere Zahl von Bewerbern als aus finanziellen Gründen realisierbar sei. Stockmeier: „Wie sollten 600.000 bis 800.000 Menschen im sozialen Pflichtjahr finanziert werden? Und über das Finanzielle hinaus: Wo sollten die Menschen in solch großer Zahl unterkommen? Und was ist mit jenen, die für einen solchen Dienst – aus unterschiedlichen Gründen – ungeeignet sind?“ Stockmeier plädiert dafür, die Debatte um ein soziales Pflichtjahr „ein für alle Mal auf die Seite zu legen“. Das Interesse am Freiwilligen Sozialen Jahr und am Bundesfreiwilligendienst sei ein starkes Signal für einen Freiwilligendienst, „der sich sozial in die Pflicht nehmen lässt“.

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1 Kommentare

milanvor 2 Jahren und 159 Tagen

Ist das jetzt ein interevangelisches (lutherisches) Diskussionspodium nach dem Stil „Homosexualität ja, weil es die Führungsriege so will“? Oder „regieren kommt vor dienen“? Zweifellos gibt es Für und Wider. Wehrdienst und Ersatzdienst sind beides Dienste, die der Allgemeinheit dienen oder sollten. Das entspräche ihrem Sinn. Mit der Abschaffung des einen wurde auch der andere scheinbar überflüssig. Es bleibt dabei aber der soziale Aspekt des Dienstes an der Allgemeinheit auf der Strecke. Selbst, wenn nicht alle Dienstleistende diesen Aspekt in sich aufgenommen haben, ist es ein wesentlicher Bestandteil jeder sozialen Struktur. Was im Kleinen die Familie ist, geht bei Sippe/Clan über Dorfgemeinde, Kirchengemeinschaft, Stadt, Land, Volksgruppe, Staat, Staatengemeinschaft u.ä. mehr weiter. In industrialisierten Ländern ist die Sippe weitgehend reduziert oder gar ausgeschaltet. Angeblich soziale Kräfte sind dabei die Familienstrukturen zu „erweitern“, besser gesagt zu zerstören. Danach bleibt ein Engagement für die Allgemeinheit das letzte Bindeglied des Individuums mit der Gesellschaft in dem es nicht bzw. weniger um die finanziellen Aspekte des Lebens geht oder um Karriere. Viele junge Menschen haben Probleme in ihren Elternhäusern, ohne dass sie diese unbedingt als solche erkennen. Man könnte also ein soziales Pflichtjahr als erweiterte Orientierungsstufe, als Eingliederungsstufe vorab dem Berufsleben sehen. Das würde als Zusatzeffekt bewirken, dass es weniger Ausbildungsabbrecher einerseits und frustrierte Arbeitgeber anderseits gäbe. Ein kaum geformter oder wenig positiv geformter Charakter kann unter solchen Bedingungen noch leichter beeinflusst werden, als unter dem Druck kommerzieller Hintergründe. Ein Arbeitszeugnis des Sozialen Dienstes gäbe einem zukünftigen Arbeitgeber die Möglichkeit eines charakterlichen Einblicks vor der Ausbildung. Soziale Berufe bedürfen wachsenden Zulaufs. Für ein zeitlich begrenztes Engagement junger Menschen, besteht ein solches Interesse bei vielen jungen Leuten, ohne jedoch zu wissen, ob es ihnen überhaupt liegt. Es gibt die Möglichkeit in Berufsgebiete hinein zu schnuppern, ohne gleich einen Ausbildungsvertrag abschließen zu müssen. Die Diakonie hingegen setzt vielschichtig auf Kräfte, die zeitlich unbegrenzt kostenlos oder preisgünstig sind. Ware Mensch wie unter sozialistischer Diktatur. Das trifft freilich nicht auf alle zu. Die Freiwilligkeit, wie sie die Diakonie predigt, scheint der Freiwilligkeit so mancher Evangelischen Kirche zu entsprechen, hier ein bißchen, da ein bißchen. Ein bisschen Sex außerhalb der Ehe, ein bisschen schwul, ein bisschen Glauben, ein bisschen Welt. Es ist ja alles freiwillig. Ich glaube so, du glaubst so, die Bibel ist ja ohnehin ein altes Buch. Dabei könnte ein Teil der sozialen Dienste genutzt werden, den Menschen das älteste Sozialgesetzbuch der Welt näher zu bringen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es die Muslime. – Von nun an ging’s bergab!

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