15. März 2012

Die Welt jagt einen Massenmörder

San Diego/Gulu (idea) – Joseph Kony ist einer der am meisten gesuchten Kriegsverbrecher. Als Anführer der Lord’s Resistance Army („Widerstandsarmee des Herrn“, LRA) in Uganda wird er für den Mord an 30.000 Menschen, die Entführung von rund 66.000 Kindern und die Vertreibung von über zwei Millionen Flüchtlingen verantwortlich gemacht. Seit 1987 zieht seine Rebellenarmee aus versklavten Kindersoldaten plündernd und mordend durch das Land. Konys Miliz setzt sich für einen christlich-theokratischen Staat Uganda ein, der auf Basis der Bibel und der Zehn Gebote gegründet sein soll. Dass Kony dabei gegen fast alle dieser Gebote verstößt, scheint ihn wenig zu stören.

Seit 2005 wird er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag gesucht - bislang allerdings ohne Erfolg. Es wird vermutet, dass sich Kony derzeit mit einer Kerngruppe in der Zentralafrikanischen Republik versteckt. Jetzt sorgt eine Internetkampagne namens „Kony2012“ für Aufsehen. Ziel der Initiatoren der Organisation „Invisible Children“ (Unsichtbare Kinder) ist die Verhaftung Konys bis Dezember 2012. Doch die Aktion ist umstritten.

Eine Kampagne geht um die Welt

Die am 5. März gestartete Internet-Kampagne hat sich in kürzester Zeit zu einem Phänomen entwickelt. In Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter kommt man nicht mehr an ihr vorbei. Auf dem Videoportal YouTube haben rund 80 Millionen Menschen den Kurzfilm gesehen, mit dem „Invisible Children“ dem Schlächter das Handwerk legen will. Dem Webanalyse-Unternehmen „Visible Measures“ (Sichtbare Maßstäbe) zufolge hat es noch nie eine sich derart schnell verbreitende Social-Video-Kampagne gegeben. Der 30-minütige Film wurde von Jason Russell (San Diego/Kalifornien) produziert und erzählt die Geschichte von Jacob, einem ugandischen Jungen, der auf der Flucht vor den Kindersoldaten der LRA ist. Auf bewegende Art schildert Jacob, wie Konys Truppen seinen Bruder töteten und andere Kinder verstümmelten oder verschleppten. Das Video zeigt die Grausamkeit eines Konflikts, der im Westen unterzugehen drohte. Neben dem Video vermarktet Invisible Children ein Set aus Aufklebern, Ansteckern und Postern, mit denen sich jeder für die Ergreifung Konys stark machen kann. Derzeit ist dieses „Action Kit“, das 30 US-Dollar (23 Euro) kostet, ausverkauft. Neben den Erlösen erhält die Organisation Spenden in Millionenhöhe. Viele Prominente wie die US-Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey und der kanadische Popsänger Justin Bieber beteiligen sich an der Aktion.

Kritik an der Finanzierung

Doch die finanziellen Erlöse werfen kritische Fragen im Internet auf. Der Vorwurf: Invisible Children gebe nur ein Drittel ihrer Spendeneinnahmen für Hilfsprojekte aus, und die Macher bereicherten sich an der Kampagne. Die Organisation reagierte auf die Kritik, indem sie ihren Jahresabschluss im Internet veröffentlichte. Dieser zeigt, dass die meisten der gesammelten Gelder in den USA ausgegeben wurden. Nur ein Drittel erreicht afrikanische Projekte.

Uganda: Ein veraltetes Thema

Eine andere Kritik kommt aus Uganda. Der Bischof der anglikanischen Diözese von Nord-Uganda, Johnson Gakumba, sagte gegenüber der ökumenischen Nachrichtenagentur ENInews (Genf): „Während die Kampagne das Problem jetzt einer großen Öffentlichkeit bekanntmacht, ist es für uns schon veraltet. Das Video hätte 2003 erscheinen müssen.“ Außerdem mangele es dem Film an Informationen über die aktuellen Aktivitäten der LRA. Nur beiläufig werde in dem Videoclip erwähnt, dass Kony und die LRA Uganda bereits 2006 verlassen hätten. Also gäben die im Film verwendeten Aufnahmen aus dem Jahr 2003 nicht die derzeitige Lage wider. Ähnlich sieht es Scheich Musa Khalil, Vertreter der Muslime in der Region: „Wir befürchten, dass die Kampagne alte Wunden aufreißt in einer Situation, in der sich die Menschen gerade erholen.“

Tatsachen werden vereinfacht

Andere Kritiker im Internet werfen den Machern der Kampagne vor, dass sie ein komplexes Thema zu sehr vereinfachen. Der Bürgerkrieg in dem ostafrikanischen Land ist längst vorbei, die LRA weiter gezogen. Invisible Children räumte ein, dass der Film tatsächlich viele Aspekte übersehen habe. Allerdings gehe es vielmehr darum, den seit 26 Jahre andauernden Konflikt in „einem leicht verständlichen Format“ zu erklären.

Kony muss gefasst werden

In einem sind sich alle Beteiligten jedoch einig: Der Massenmörder Kony muss gefasst werden. Die LRA wird von den USA als „terroristische Vereinigung“ eingestuft. Sie wird unter anderem für das Massaker von Makombo in Kongo verantwortlich gemacht, bei dem vor drei Jahren 321 Dorfbewohner getötet worden waren. In Kongo wurden in den vergangenen beiden Jahren mindestens 400 Menschen Opfer der LRA. Bischof Gakumba: „Er ist immer noch da draußen. Die internationale Gemeinschaft muss einen Weg finden Kony festzunehmen.“ Ob die Internetaktion zum Erfolg führt, bleibt indes fraglich.

Eine US-amerikanische Organisation will Joseph Kony mit Hilfe des Internets fassen. Foto: ddpimages

 

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