Evangelikaler Kongress
27. Oktober 2012

Wie Christen Armut bekämpfen

Der Direktor der Berliner Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker. Foto: PR
Der Direktor der Berliner Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker. Foto: PR

Schwäbisch Gmünd (idea) – Zu einem neuen Verständnis von Armutsbekämpfung haben Experten bei einem Kongress aufgerufen, der hauptsächlich von evangelikalen Werken getragen wird. Das Treffen in Schwäbisch Gmünd befasst sich mit den Themen Glaube, Armut und Gerechtigkeit. Vor rund 200 Teilnehmern erklärte die Direktorin des Deutschen Instituts für ärztliche Mission, Gisela Schneider (Tübingen), dass sich Armut nicht allein mit mehr Geld beseitigen lasse. Sie sei meist das Ergebnis von Ungerechtigkeit, die ihre Ursache darin habe, dass Menschen anderen ihre Würde wegnehmen. Deshalb gehöre es zu einer wirksamen Armutsbekämpfung, die Würde der als arm angesehenen Personen zu respektieren. Nach christlichem Verständnis seien sie Ebenbilder Gottes und Teil der weltweiten Christenheit. Ihre Erfahrungen sollten am Beginn aller Bemühungen um bessere Lebensbedingungen stehen. Wenn man Kinderheime, landwirtschaftliche Projekte oder Gesundheitsdienste ohne Beteiligung der einheimischen Bevölkerung aufbaue, würden Bürger zu Almosenempfängern degradiert und keine dauerhaften Verbesserungen erzielt, sagte Frau Schneider. Sie erwartet von den christlichen Gemeinden in Deutschland, Initiativen afrikanischer oder lateinamerikanischer Kirchen zu unterstützen.

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Auf Christen in Afrika hören

Als Beispiel nannte sie die Situation im Osten der Demokratischen Republik Kongo, wo Militärs, Rebellen und Milizen um die Vorherrschaft kämpften, um Zugriff auf seltene Rohstoffe zu bekommen. Von besonderem Interesse sei das Mineral Koltan, das für das Funktionieren von Mobiltelefonen unabdingbar sei. In dieser Region habe ein einheimischer christlicher Arzt zunächst ein Krankenhaus errichtet, um den Opfern des Bürgerkriegs zu helfen. In den letzten Jahren habe er sich zu einem Anwalt für seine Mitbürger entwickelt, der in Afrika und in den Industriestaaten für einen kontrollierten Abbau der Rohstoffe werbe. Damit er erfolgreich sei, brauche er die Unterstützung von Christen in aller Welt. Eine Möglichkeit sei, sich einer Postkartenaktion der Micha-Initiative der Deutschen Evangelischen Allianz anzuschließen und die Abgeordneten des Europaparlaments aufzufordern, sich für mehr Transparenz im Rohstoffhandel einzusetzen. Schneider zufolge haben Christen nicht die Zusage, dass sie alle ungerechten Verhältnisse beseitigen können. Sie sollten aber die Bitte im Vaterunser ernst nehmen, dass Gottes Wille nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde geschehe. Gott habe ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit versprochen, und dies könne ansatzweise bereits in dieser Welt sichtbar gemacht werden.

Gemeinden sollen Sachverstand von Behörden nutzen

Der Direktor der Berliner Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker (Berlin), vertrat die Ansicht, dass christliche Gemeinden beim Engagement gegen soziale Nöte oft zu wenig den Sachverstand staatlicher Einrichtungen nutzten. Sie stellten Forderungen an den Staat, anstatt zusammen mit den Behörden nach Lösungen zu suchen. Dabei seien Verwaltungen häufig wesentlich flexibler als Kirchengemeinden, die Filker als „gelegentlich schwerfällig und träge“ bezeichnete. Eine christliche Vorgehensweise sei, „ein Problem anzupacken, Erfahrungen zu sammeln und dann auch die Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen“. Als Beispiel nannte er den „Kältebus“ der Berliner Stadtmission, der in den Wintermonaten die Schlafplätze von Obdachlosen anfährt und diese in Notunterkünfte einlädt. Während sich andere Organisationen darauf beschränkten, anpassungswilligen Nichtsesshaften zu helfen, um möglichst viele Sozialleistungen zu kassieren, kümmerten sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des „Kältebusses“ auch um solche Personen, die Hilfsangeboten grundsätzlich mit Misstrauen begegneten. Eine Erfolgsgarantie gebe es für diesen Dienst nicht, aber er zeige, dass Christen um Gottes Willen bereit seien, zu den Menschen am Rande der Gesellschaft zu gehen, so Filker.

„Mit ganzem Herzen halbe Sachen machen“

Ein anderes Beispiel sei die Notwendigkeit gewesen, 150 Asylbewerber unterzubringen und deren Kindern Schulunterricht anzubieten. Da die Schulen in der Umgebung der Übergangsquartiere wegen des bereits großen Migrantenanteils keine weiteren Kinder aufnehmen wollten, habe die Stadtmission begonnen, Unterricht zu erteilen. Weil sie dadurch eine illegale Schule betrieben habe, habe ihr die Schulverwaltung zunächst mit einer Anzeige gedroht, berichtete Filker. Sein Fazit: „Die Welt ist so komplex, dass sie mit einfachen Lösungen nicht verbessert werden kann. Es reicht, wenn Christen mit ganzem Herzen halbe Sachen machen.“ Veranstalter der Tagung vom 26. bis 28. Oktober sind das Christliche Gästezentrum „Schönblick“, das Kinderhilfswerk Compassion, die Micha-Initiative der Deutschen Evangelischen Allianz, die Gemeindebewegung Willow Creek, das Marburger Bildungs- und Studienzentrum sowie rund 20 Kooperationspartner, darunter die Evangelische Nachrichtenagentur idea.

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