Bayern
06. September 2013

Polizei holt Kinder aus Glaubensgemeinschaft

Polizei holt Kinder aus Glaubensgemeinschaft
Mitglieder der Gemeinschaft "Zwölf Stämme" bei der Feldarbeit. Foto: PR

Deiningen/Wörnitz/Nördlingen/Wetzlar (idea) – Die Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ in Bayern steht im Verdacht, Kinder zu misshandeln. Deshalb ist es am 5. September in Deiningen bei Nördlingen und Wörnitz bei Ansbach zu Polizeieinsätzen gekommen. Mehr als 100 Beamte sowie Sozialarbeiter hatten 40 Jungen und Mädchen im Alter von eineinhalb bis 17 Jahren aus den Unterkünften der Gemeinschaft geholt und in die Obhut von Jugendämtern gegeben. Die Behörden sahen eine Gefahr für das Kindeswohl. Sie beriefen sich auf Berichte von Aussteigern, wonach Kinder immer wieder „gezüchtigt“ würden, etwa durch wochenlange Isolation. Unter anderem hatten ehemalige Schüler der von der Glaubensgemeinschaft getragenen Privatschule geschildert, dass Eltern und Erzieher Kinder schlügen und Babys durch strenges Binden und Wickeln in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkten. Auch Säuglinge seien misshandelt worden. Laut Polizeiangaben wurden bei der Polizeiaktion Weidenruten sichergestellt. Bis zu einer Gerichtsverhandlung am 13. September sind die Kinder in Pflegefamilien untergebracht, zu denen die Eltern keinen Kontakt haben.

„Das Gericht hat sich kein eigenes Bild gemacht“

Die Glaubensgemeinschaft, die sich als bibeltreu bezeichnet, weist die Vorwürfe in einer Pressemitteilung zurück: „Das Gericht sah es offensichtlich als unerheblich an, sich zuerst ein Bild von den Kindern und ihrem Wohlbefinden zu machen. Der Beschluss kam ohne jegliche Vorwarnung. Die Polizei und das Jugendamt stellten uns vor vollendete Tatsachen. Ein vorheriger Besuch des Richters fand nie statt.“ Eine direkte Beweisführung gegen einzelne Betroffene sei nicht erbracht worden. Die Entscheidung beruhe nur darauf, dass die Eltern der Kinder Teil der Glaubensgemeinschaft der „Zwölf Stämme“ seien. „Werden wir aufgrund unseres Glaubens anders behandelt als jeder andere Staatsbürger?“, heißt es in der Mitteilung.

Dekan: Eine weitgehend abgeschottete Sekte

Nach Angaben des Nördlinger Dekans Gerhard Wolfermann schotten sich die Gruppen in Deiningen und Wörnitz weitgehend von den übrigen Dorfbewohnern ab. Bei Begegnungen bemühten sie sich, einen guten Eindruck zu machen, sagte Wolfermann der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Einblicke in das Innenleben der Gruppen seien schwierig. Auch zu den Kirchen gebe es keine Kontakte. Laut Wolfermann handelt es sich bei den „Zwölf Stämmen“ um eine christliche Sekte mit einem sehr engen Bibelverständnis. Alttestamentliche Weisungen würden gesetzlich verstanden, zu denen auch das Züchtigungsgebot zähle. Bereits im vergangenen Jahr habe die Staatsanwaltschaft Augsburg wegen des Verdachts auf Körperverletzung ermittelt, das Verfahren jedoch mangels konkreter Beweise eingestellt.

150.000 Euro Strafe wegen Schulverweigerung

Vor über zehn Jahren waren die „Zwölf Stämme“ schon einmal in die Schlagzeilen geraten, als sie sich weigerten, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Die offiziellen Lehrstoffe vertrügen sich nicht mit ihrem Glauben, lautete die Begründung. Nach Ansicht der Gemeinschaft vermittelt das staatliche Schulsystem zu wenig christliche Werte. Stattdessen würden die Kinder mit Alkohol, Drogen, Sex und Gewalt konfrontiert. Bußgelder in Höhe von insgesamt rund 150.000 Euro schreckten die Eltern nicht. Sieben Väter wurden in Erzwingungshaft genommen. Im Jahr 2006 wurde der Glaubensgemeinschaft die Einrichtung einer Privatschule erlaubt. Weil sie keine geeignete Lehrkraft benennen konnte, wurde ihr in diesem Juli die Genehmigung entzogen. Die 1975 von dem US-Amerikaner Elbert E. Spriggs gegründete „Zwölf Stämme-Bewegung“ weltweit rund 2.000 Anhänger, vor allem in den USA und in Frankreich. Ihr Name besagt, dass sie sich als Wiederherstellung von Gottes ursprünglichem Volk, den zwölf Stämmen Israels, versteht.

Keine evangelikale Gruppe

In der „heute“-Sendung des ZDF wurden die „Zwölf Stämme“ als „evangelikale Kommune“ bezeichnet. Dagegen protestiert der Geschäftsführer des Christlichen Medienverbundes KEP (Konferenz Evangelikaler Publizisten), Wolfgang Baake (Wetzlar). Nicht alle Gruppen, die der Meinung seien, vor allem nach den Maßstäben der Bibel zu leben, verträten eine evangelikale Theologie. „Wäre das so, müsste man sämtliche Kirchen als evangelikal bezeichnen, denn alle betonen den hohen Stellenwert des Alten und Neuen Testaments“, schrieb Baake an den ZDF-Chefredakteur Peter Frey (Mainz). Evangelikale betrachteten die „Zwölf Stämme“ als gefährliche Sekte. In den USA gebe es sogar Angebote von Evangelikalen, die Aussteigern aus den „Zwölf Stämmen“ Hilfe anbieten. Baake kritisierte die Anmoderation im „heute“-Beitrag als „ganz eindeutigen Versuch, die evangelikale Bewegung durch unhaltbare Verdächtigung zu stigmatisieren“. Lobenswert sei hingegen die Anmoderation „heute-journal“ des ZDF gewesen, in der die Gruppe eine „ultrakonservative Glaubensgemeinschaft“ genannt wurde. „Dieser Einschätzung stimme ich vorbehaltlos zu“, so Baake.

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13 Kommentare

hinweis77vor 335 Tagen

@namlob1: Fragezeichen hat nicht auf meine Frage geantwortet ob er Kinder hat. Nun richte ich die Frage an sie: haben sie Kinder?

namlob1vor 336 Tagen

Ein ehemaliges Mitglied der Sekte Zwölf Stämme erhebt im FOCUS schwere Vorwürfe gegen das bayerische Kultusministerium. Die Zustände in der Sekte hätten schon viel früher bekannt werden können – zumal die Behörden mit einfachsten Tricks vorgeführt wurden.  

Katharinavor 337 Tagen

Wenn es stimmt, daß in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über diese Glaubensgemeinschaft mit dem Titel "Wer spielen will, wird verprügelt" erschien und von über 30 gefilmten Prügeleien gesprochen wird, verstärkt sich mein großes, auf Erfahrungen ruhendes Mißtrauen gegenüber allen Medien! Auch sollte man bitte nicht so leichtfertig diese Menschen als Satanisten bezeichnen!

namlob1vor 344 Tagen

@milan: Sie sollten mal den Artikel der Süddeutschen Zeitung zur Kenntnis nehmen. Danach handelt es sich um gefilmte Prügeleien - insgesamt 50 mal. Die Überschrift lautet: Wer spielen will, wird verprügelt. Bei der Gruppe handelt es sich nicht um Nachfolger des Herrn Jesus Christus, sondern um Satanisten - auch wenn sie sich wohl Christen nennen.

Fragezeichenvor 345 Tagen

Leider geht es bei den Kindern von der Gemeinschaft um mehr als um Prügelstrafe. Kinder bekommen durch derlei Methoden schnell psychische Probleme. Übrigens sind nicht Christen das Problem, auch das Wort Gottes ist nicht das Problem, sondern unqualifizierte Aussagen ihrerseits,  in denen sie jeden in diesem Forum den Glauben und eine Beziehung zu Jesus absprechen, der eine kritische Meinung äußert, die im Gegensatz zu ihrer steht. Lesen sie nochmal die Evangelien, denn dort wird schnell sichtbar, gegen welche Gruppen sich Jesus auflehnte. Es waren unreflektierte Hardliner. Übrigens habe ich schon mehrfach Bücher gesehen, die das Schlagen von Kindern als Eriehungsmaßnahme durchaus akzeptieren, zum Glück lehnen dies die meisten Christen jedoch ab, doch leider finden sich immer wieder vereinzelte Abnehmer dafür.

milanvor 345 Tagen

Der Zeitgeist aus den 68ern ist auch heute sehr stark vertreten. War er damals bei den jüngeren hoch im Kurs, gehören diese heute den welkenden an. Jedoch haben sich Homosexualität, Tue was dir gefällt, Anti-Autorität, Gottlosigkeit und einiges mehr als mehr und mehr "normal" etabliert. Die Macht der Gewohnheit! Nein, ich bin nicht für die Prügelstrafe. Aber ich bin für die Korrektur im biblischen Sinne. Betrachtet man jedoch die Resultate der Erziehung heute, könnte man zu dem Schluss kommen, dass in wenigen Einzelfällen nur noch diese Art Korrektur etwas auszurichten vermag. Mir gefällt im Gegensatz dazu die TV-publizierte Art der "Strengsten Eltern der Welt" in Afrika oder Südamerika. Diese Art der Erziehung ist konsequent, erfolgreich, aber bestimmt nicht unumstritten. Hierzulande würde es allerdings viele Aufschreie der Entrüstung geben. Kriminelle in den USA stehen mitunter ähnliche Härtezeiten zwecks Reduzierung ihres Gefängnisaufenthaltes zur Wahl. Ich kenne keine Bücher, in denen das Schlagen der Kinder erwünscht sein soll. Sie kennen offensichtlich weder das Wort Gottes, noch haben Sie eine persönliche Beziehung zum Schöpfer. Sie verstehen Christen und Christsein nicht. Vielleicht stammen Sie aus der 68er Bewegung. Jedenfalls scheint Ihnen, was christlich ist, nicht zu gefallen. Das kann ich verstehen, sind wir doch keine besseren Menschen, dafür aber besser dran.

Fragezeichenvor 345 Tagen

Interessanterweise sind bei idea immer wieder Kommentare zu finden, die eine Angst von links sehen und jegliches Verhalten, was ihnen nicht passt, einfach auf die 68er schieben. Was bitteschön hat dieser Beitrag mit den 68ern zu tun? Es wird einfach mal wieder ein Schuldiger gesucht. Milan scheint es ja richtig zu finden, wie die Kinder dort erzogen werden und wettert gegen eine gewaltfreie Erziehung der 68er. Hinzu kommt, dass bei einigen Christen Bücher herumgehen, in denen das Schlagen von Kindern gewünscht ist. Außerdem werden Salafisten häufig vom Verfassungsschutz beobachtet. Das übrigens auch Christen Probleme bereiten können, darauf kommt hier niemand.

Christianevor 346 Tagen

@Fragezeichen - ich bin erstaunt, was Sie in den Beitrag von Milan hineininterpretieren. Klar wird hier mit verschiedenem Maßstab gemessen. Und immer werden "christliche Fehlentwicklungen" medial hochgespielt. Auch kommt in dem Bericht doch deutlich zum Ausdruck, dass kein Richter sich ein eigenes Bild gemacht hat, sondern das hier eine pauschale Vorverurteilung stattfand. Aber dafür sind die 68er ja bekannt. Wohin deren Kuschelpädagogik führt, erleben Erzieher und Lehrer jeden Tag. Man lese nur einmal das Buch "Die Generation doof".      

hinweis77vor 347 Tagen

@Fragezeichen: Haben sie Kinder? wenn ja wieviele?

milanvor 347 Tagen

@Fragezeichen: Haben Sie den obigen Artikel gründlich gelesen? Die Aktionen der Behörden wurden ohne jegliche Feststellungen durchgeführt, sondern nur auf bloßem Verdacht hin. Oder finden Sie das normal? Betreffend der Sektierer kann man noch hinzufügen: Besser ein Sektierer als eine Karteileiche in einer abtrünnigen EKD.

Passantvor 347 Tagen

@Fragezeichen: Nein, das heißt es sicherlich nicht. Ich habe auch nur den Text von Milan gelesen und seine/ihre Ausführungen lassen keine Deutung in die von Ihnen da hineingelegte Richtung zu. Der einzige Grund, warum Sie dennoch sowas behaupten würden ist, den Beitrag von Milan zu verunglimpfen, weil Ihnen der Inhalt nicht passt. Dabei fordert Milan zurecht, daß hier in Deutschland endlich MIT EINEM MASS gemessen werden soll. Was man hier mit als "Sekten" deklarierten Gruppen machen darf, sollte man auch mit den von milan genannten Gruppen tun müssen. DANN könnte man die Behörden ernst nehmen. Ach ja, ich ergreife hier für niemanden Partei, sondern versuche nur objektiv zu bleiben, was Sie scheinbar nicht wollen/können...

Fragezeichenvor 347 Tagen

@Milan: Ich bin entsetzt. Heißt das, sie vertreten die Ansicht, dass Kinder geschlagen werden dürfen? Ich bin fassungslos. Zudem geht es hier im Artikel um eine einzelne Gruppe und nicht um Evangelikale allgemein, so dass ein pauschalierter Vergleich wie sie ihn vornehmen, völlig überzogen und pure Polemik ist. Hier geht es um das Wohl der Kinder und nicht um Glaubenskriege. Überlegen sie bitte vorher zweimal was sie schreiben, bevor so ein Unsinn dabei herauskommt.

milanvor 347 Tagen

Ihr schlauen Behörden, nehmt mal ganz schnell die Kinder von Salafisten und Islamisten in Schutzhaft. Nicht zu vergessen die Kinder von rechten und linken Extremisten. Sie werden alle auf die schiefe Bahn katapultiert, um vielleicht später sich und andere in die Luft zu sprengen. Diese Gefahr besteht bei Christen jedoch nicht. Das Grundgesetz basiert laut Präambel auf dem Wort Gottes, welches vorschreibt, Kinder zu korrigieren, damit es anständige Menschen werden. Die heutigen Richter aus der 68-er Zeit haben eben nicht unbedingt eine ordentliche Erziehung erhalten. Dementsprechend sind ihr Fehlurteile.

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