22. April 2011

Eine Welt ohne Leid gibt es nicht

Ansbach/Wesel (idea) – Die Auseinandersetzung mit dem Leiden war ein zentrales Thema der Karfreitagspredigten evangelischer Kirchenleiter. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich (München) warnte in Ansbach (Mittelfranken) davor, sich an der Wirklichkeit von Leiden „vorbeizumogeln“. Er bezeichnete Sterbehilfe und Präimplantationsdiagnostik (PID) als Verlockung der Wissenschaft zur Leidensvermeidung.

Bei der PID wird ein künstlich erzeugter Embryo auf genetische Defekte untersucht, ehe er einer Frau eingepflanzt wird. Ergibt die Untersuchung, dass der Embryo möglicherweise genetisch geschädigt ist, wird er vernichtet. Kritiker sprechen deshalb von einer Selektion sogenannten „unwerten Lebens“. PID-Befürworter sind der Ansicht, dass in der Petrischale gesundes Leben ausgewählt wird, um vorhersehbares Leid auszuschließen. Was nach Barmherzigkeit klinge, sei in Wirklichkeit ein tragischer Irrtum, sagte Friedrich, der für ein Verbot der PID eintritt. „Eine Welt ohne Leid gibt es nicht. Wir finden Gott nicht auf dem goldenen Thron des Leidvernichters, sondern am Kreuz.  Wir finden das Glück unseres Lebens nicht in der Illusion, Leiden ließe sich vermeiden. Wir finden es, indem wir uns dem Leid stellen, indem wir nach einer Kraft suchen, die es uns ertragen und annehmen lässt.“ Das Kreuz, an dem Jesus gestorben ist, sei ein Zeichen dafür, dass Leiden zum Leben gehöre. Leidendes Leben sei darum „kein lebensunwertes Leben“. Christen hätten die Aufgabe, menschliches Leiden zu lindern. Aber Leiden dürfe auf keinen Fall eine Begründung dafür sein, „Leben zu beenden oder gar nicht erst zuzulassen“, so Friedrich, der auch Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist.

Präses Schneider: Auch im Leiden ist Gott uns nahe

Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), sagte im Karfreitagsgottesdienst in Wesel (Niederrhein): „Jesu Leiden und Sterben am Kreuz gehört zu Gottes machtvollem Eingreifen in die Menschheitsgeschichte.“ Das Kreuz bedeute freien Zugang der Menschen zu Gott. Gott selbst habe diesen Weg eröffnet, denn er sei Mensch geworden und habe die Begrenztheit menschlicher Existenz bis hin zu seiner Sterblichkeit angenommen. Schneider: „Sterben und Tod, selbst der Tod am Kreuz sind nicht Ausdruck von Gottesferne. Vielmehr gilt: Gerade dort ist Gott ganz nahe.“

Kirchenpräsident Jung: Leiden nicht verdrängen

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung (Darmstadt) sagte in Frankfurt am Main, vom Kreuz gehe Gottes Botschaft von Versöhnung und der Hoffnung auf das Ende unschuldigen Leidens aus. Der Karfreitag richte den Blick auf die dunklen Seiten des Lebens: Schuld, Leiden, Sterben und Tod. Er helfe, diese Themen nicht zu verdrängen. Aus der Auseinandersetzung mit dem Karfreitag könne die Kraft erwachsen, sich an die Seite derer zu stellen, die Leid erfahren: Pflegebedürftige, Sterbende, Opfer von Krieg, Gewalt und Katastrophen.

„Gott ist solidarisch mit allen Leidenden“

Der bischöfliche Stellvertreter im nordelbischen Sprengel Hamburg und Lübeck, Propst Jürgen F. Bollmann, zog beim Lübecker Kreuzweg eine Verbindung zwischen der Todesstunde Jesu und den Todesopfern der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan. Damals wie heute fragten sich Beobachter, wie das Leid, die Dunkelheit und das Beben auszuhalten seien. Es gebe nur eine Erklärung, die der römische Hauptmann am Kreuz ausspreche: „Dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Bollmann: „Der Tod Jesu und der Ausspruch des Hauptmanns zeigen uns, dass Gott selbst Tod, Leid und Zerstörung erlebt und auf sich genommen hat. Darin zeigt sich die Solidarität Gottes mit allen leidenden Menschen dieser Welt.“  

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