Nachwuchsmangel
20. Februar 2013

Die evangelische Kirche ist selbst schuld

Der Vorsitzende des Hannoverschen Pfarrvereins, Pastor Andreas Dreyer. Foto: Privat
Der Vorsitzende des Hannoverschen Pfarrvereins, Pastor Andreas Dreyer. Foto: Privat

Schifferstadt/Landesbergen (idea) – Die evangelische Kirche braucht Pfarrernachwuchs, weil viele Geistliche in Kürze in den Ruhestand treten. Doch es fällt ihr schwer, junge Leute zu gewinnen. Daran ist sie selbst schuld, weil sich die Studien- und Arbeitsbedingungen stetig verschlechtert haben. Das schreibt der Vorsitzende des Hannoverschen Pfarrvereins, Pastor Andreas Dreyer (Landesbergen bei Nienburg), im Deutschen Pfarrerblatt (Schifferstadt/Pfalz). Der Pfarrverein vertritt rund 1.500 Pastorinnen und Pastoren aus den Landeskirchen Hannover und Schaumburg-Lippe. Das Pfarrerblatt wird herausgegeben vom Verband der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland. Darin sind etwa 20.000 Geistliche organisiert.

Desinteresse am Theologiestudium

Wie es in dem Artikel heißt, habe das Fach Evangelische Theologie mit den Studienziel Pfarramt in den letzten 25 Jahren so viele Studierende eingebüßt wie kein anderes Studienfach. Während die Zahl aller Studierenden seit 1982 von etwa 1,2 Millionen auf über 2,5 Millionen gestiegen sei, sei sie in der evangelischen Theologie von etwa 12.000 auf 2.300 gesunken. Früher seien etwa ein Prozent aller Studierenden Theologen gewesen; heute sei es ein Promille. In den Ranglisten der beliebtesten Studienfächer tauche Theologie nicht mehr auf. Das Desinteresse am Studium sei weithin deckungsgleich mit dem Anstreben oder Ablehnen des Pfarrberufs, so Dreyer. Er führt dafür eine Reihe von Ursachen an. So habe es vor 30 Jahren einen starken Bewerberansturm aufgrund der Sympathie der evangelischen Kirche für die Friedens- und Umweltbewegung gegeben. Da die Kirche damals die große Zahl potentieller Geistlicher nicht anstellen konnte, habe sie etwa das Theologiestudium verlängert und Wartelisten eingeführt, aber auch neue Stellen geschaffen. Zahlreiche Bewerber seien abgewiesen worden. Die Außenwirkung sei „verheerend“ gewesen und die Zahl der Studienanfänger Mitte der neunziger Jahre stark eingebrochen.

Pfarrhäuser wurden zum Problem

Gleichzeitig hätten einige Landeskirchen die Pastorenbezüge gegenüber der staatlichen Beamtenbesoldung abgesenkt und teilweise Sonderzuwendungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld gestrichen. Zu einem großen Problem sei die Pflicht geworden, im Pfarrhaus wohnen müssen. Zum einen seien die Mieten angehoben worden, zum anderen hätten Geistliche während ihres aktiven Dienstes kein eigenes, selbst genutztes Wohneigentum zur Altersvorsorge erwerben können. Zudem sei der Komfort der Dienstwohnungen immer weiter hinter die neuen Wohnstandards zurückgefallen, wie Energiegutachten belegten. Aus dem einstigen Berufsprivileg eines geräumigen, zentral gelegenen und günstigen Pfarrhauses sei binnen weniger Jahren eine schwere Bürde geworden. Ferner seien die Pfarrhäuser für Alleinstehende und für kinderlose Pfarrerehepaare viel zu groß und unpassend geworden.

Traditionelle Werte in liberalisierter Gesellschaft

Zudem habe sich in den neunziger Jahren eine „zunehmende Diskrepanz zwischen liberalisierter Gesellschaft und konservativer Kirche“ eingestellt. Man habe von der Pfarrerschaft „die Bewahrung traditioneller Werte in Lebensführungsfragen rigide eingefordert“. So würden bei der Partnerwahl immer noch Vorgaben bezüglich der Konfessionszugehörigkeit gemacht. Erst auf äußeren Druck hin habe ein Sinneswandel eingesetzt: So verzichte man heute in vielen Fällen auf die Regelversetzung bei Scheidung und toleriere gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch im Pfarrhaus. Aber die Regelungen hinkten der Gesamtentwicklung hinterher.

„Die Gemeindepfarrstellen sind sicher!“

Im Blick auf das Theologiestudium stelle sich zunehmend die Frage nach der „Bildungsrendite“. Aufgrund der langen Studienzeiten von sechs bis sieben Jahren und einer späteren vielfach reduzierten kirchlichen Anstellung hätten Theologen zum Teil ein geringeres Lebenseinkommen als Facharbeiter zu erwarten. Als Folge fragten sich Abiturienten zunehmend, warum sie ein Fach wie Theologie studieren sollten. Ferner hätten die Kirchen „falsche Sicherheitsversprechen“ gegeben. Bis weit in die neunziger Jahre hätten die Dienstherren beteuert: „Die Gemeindepfarrstellen sind sicher!“ Im Vertrauen darauf seien Berufsanfänger bereit gewesen, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen und bei reduziertem Anfangsgehalt Pfarrstellen auch an strukturschwachen Dienstorten zu übernehmen. Doch inzwischen seien die Zusagen etwa durch Stellenstreichungen aufgehoben. Obwohl die Kirchensteuereinnahmen seit zwei Jahren stärker sprudelten und die Arbeit von Gemeindepastoren als unverzichtbar angesehen werde, würden ihre Stellen abgebaut, während „Funktions-Pfarrstellen“ neu errichtet würden.

Hochglanzbroschüren bringen wenig

Dreyers Fazit: „Es wird ein schwieriges Unterfangen, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. Mit Hochglanzbroschüren und hehren Worten wird wenig auszurichten sein.“ Dreyer rät den Kirchenleitungen, an einigen Eckdaten „bekenntnishaft“ und verbindlich festzuhalten. Dazu zählt er: „Das Gemeindepfarramt bleibt zentrales kirchliches Amt und wird nicht zur austauschbaren Dienstleistung. Pfarrbezirke bleiben überschaubar, weil pastorales Wirken vor allem Beziehungsarbeit ist. Kirche bleibt in der Fläche präsent und honoriert die Bereitschaft, dort pfarramtlich zu wirken. Das öffentliche Dienstrecht (Beamtenstatus) wird beibehalten. Die Pfarrhäuser werden zeitgemäß modernisiert.“

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7 Kommentare

Großevor 1 Jahr und 242 Tagen

"Man habe von der Pfarrerschaft die Bewahrung traditioneller Werte in Lebensfragen rigide eingefordert. ... Erst nach äußerem Druck habe ein Sinneswandel eingesetzt."...   Wohin denn - wenn man fragen darf? Eine Vikarin, die einen Hindu zum Mann hat, darf in Berlin ihr Vikariat weiter machen; zwei Männer bzw. Frauen als Pastoren"Ehepaar" im Pfarrhaus; Leugnung von zentralsten biblischen Aussagen (Kreuz, Auferstehung) durch lutherische "Theologen" ohne dienstrechtliche Auswirkungen usw., usw. Gott sei Dank gibt es noch Theologen-Nachwuchs in der Landeskirche, die die Bibel als ihr Fundament betrachten und sich nicht "durch äußeren Druck" Aussagen beliebig machen lassen, die in der Bibel und Bekenntnisschriften niedergelegt sind. Und Gott sei Dank gibt es Pfarrer, die mit dem Herzen und als Berufene ihren Dienst tun, auch wenn die äußeren Umstände schwieriger werden. Wir machen uns als Christen beliebig und austauschbar, wenn wir meinen, wir müssten dem Zeitgeist hinterher hecheln. Nur Menschen mit Profil hinterlassen Spuren. (Peter Hahne)  

jesusfirstvor 1 Jahr und 244 Tagen

Wo Vorteile wie Reputation, gute Gehälter, gesellschaftlicher Einfluss etc. wegfallen, bestünde die Chance, dass sich die Zahl derer, die einen geistlichen Dienst anstreben, auf solche Kandidaten reduziert, denen es wirklich um Jesus Christus als Herrn und Heiland, um die Rettung verlorener Menschen und um die Liebe zu Gottes unfehlbarem Wort geht. Nur zu dumm, dass die, die in den Landeskirchen zur Zeit das Sagen haben, genau mit diesen Themen selbst nicht allzuviel anfangen können und deshalb solche bibeltreuen Pfarrer ja gar nicht so gerne wollen. Etwas schlicht und simpel gesagt: Unfromme, liberale Geister wollen unter schwierigeren Rahmenbedingungen immer seltener Pfarrer werden und fromme, bibeltreue Leute will die liberale Kirchenleitung nicht so gerne als Pfarrer.  

Jojovor 1 Jahr und 245 Tagen

Man könnte ja auch sagen, da wo Gottes Segen fehlt geht es bergab. Ist ja kein Geheimnis, dass schon mancher Theologiestudent während des Studiums entweder ganz seinen Glauben verloren hat oder eine oberflächliche, hinterfragende Position dem Worte Gottes gegenüber langsam einnimmt. Bei den ernsteren Glaubensgemeinschaften kann man nämlich Gegensätzliches beobachten. Dort ist das Theologiestudium weiterhin gefragt, auch ist eher ein allgemeiner Wachstum in der Gemeinde zu beobachten.

milanvor 1 Jahr und 246 Tagen

Wer sollte denn Pfarrer in einer Kirche werden wollen, die sich vom Wort Gottes in weiten Teilen abgewendet hat?

UlrichMottevor 1 Jahr und 246 Tagen

Bei wahrlich miserablen Gehältern für ihre vollakademisch ausgebildeten Pastoren (darunter promovierte) verfügt die konservative Evangelisch-Lutherische Freikirche über völlig ausreichenden Nachwuchs für ihr Pfarrstellen und das, obwohl sie dazu im Gegensatz zur EKD nur Männer beruft.

Schmallvor 1 Jahr und 246 Tagen

Da helfen sehr simple Vorschläge: 1. Statt Uni-Studium würde ich den Beruf des Pfarrers auch mit FH-Abschluss zulassen und zwar uneingeschränkt. Ich kenne Leute, die haben an einer FH Theologie gelernt und dazu noch eine sehr gute praktische Ausbildung für die Gemeinde erhalten. Da kann die Universität nur schwer mithalten, auch nicht beim nachgeschalteten Vikariat. Hierdurch erhöht man auch die Bildungsrendite, denn z.B. an der Evangelischen Hochschule Tabor muss man für einen Bachelor o.A. nur 3 Jahre büffeln und kommt dann direkt in den Beruf. Die ersten beiden Jahre erhält man noch eine kleine berufliche Begleitung.

Leovor 1 Jahr und 246 Tagen

Pastor Andreas, der Vorsitzende des Pfarrvereins, macht seinen Job wirklich gut. Jedes Jahr wird diese angebliche Horrormeldung über die einschlägigen Medien geschickt. Ich selber lese diese mindestens schon das fünfte Jahr. Also nix Neues. Ganz im Gegensatz zu Herrn Andreas, der ja so etwas wie ein Pfarrer-Lobbyist ist, sehe ich auch kein Problem darin. Ganz im Gegenteil. Denn zwar wird vielerorts in unserer Landeskirche davon gesprochen, dass aus der „Betreuungskirche“ eine „Beteiligungskirche“ werden muss, vielfach bleibt jedoch die Begabungen des „ganz normalen“ Gemeindeglieds unentdeckt und ungenutzt. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Oder will „man“ das vielleicht sogar, weil Pfarrer und Pfarrerinnen Angst um ihren „Job“ haben müssen? Angesichts zunehmender Individualisierung und damit verbundener Vereinsamung geht es heute vor allem darum, die Möglichkeiten und Ressourcen der Gemeinde als Raum der Seelsorge deutlicher wahrzunehmen und zu nutzen. Kein Seelsorger ist als Ansprechpartner für alle Probleme geeignet. So ist der sogenannte Laie häufig „Fachmann“ für die in der Seelsorge angesprochenen Lebensbereiche. Übrigens plädierte der EKD Zukunftskongress in Wittenberg ganz in meinem Sinn „.... der Begriff Laie soll ab sofort nicht mehr benutzt werden ...“. Meiner Ansicht nach das wichtigste Argument für mehr seelsorgerliches Engagement von Ehrenamtlichen ist aber, dass Seelsorge meist beiläufig geschieht durch zufällige Begegnungen im Alltag.   Durch die in den vergangenen Jahren intensiv betriebene Professionalisierung droht diese Form der Seelsorge leider immer mehr verloren zu gehen. Vielleicht normalisiert sich durch die Finanzkrise so einiges eh von selbst. Prädikanten und Prädikantinnen sind mehr als bloße „Lückenfüller“ und „Aushilfen“. Durch die Berufung von Ehrenamtlichen in des Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung nimmt die Kirche diesen missionarischen- und seelsorgerlichen Dienst wahr und gibt diesem Ansehen und Wertschätzung. In der Präambel des ByPrädG heißt es: „Die Kirche beruft befähigte Gemeindeglieder zum geordneten Dienst der öffentlichen Verkündigung. Die Berufenen haben damit teil am Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, das der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche anvertraut ist. Die Kirche bezeugt damit das, Vertrauen, dass Gott im Dienst der Berufenen Glauben weckend und stärkend wirksam ist“. So verstanden nehmen Prädikanten und Prädikantinnen eine „Schwellenfunktion“ zwischen Welt und Kirche wahr. Mag gut sein, dass das bayrisches Prädikanten-Gesetz weiter als so manche konkrete evangelische Gemeinde und der Pfarrverein als Ganzes ist.

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