02. März 2012

Wie Putin die orthodoxe Kirche nutzt

Wie Putin die orthodoxe Kirche nutzt

Moskau/Küsnacht (idea) – Bei der russischen Präsidentschaftswahl am 4. März spielt die Russisch-Orthodoxe Kirche eine bedeutende Rolle. Patriarch Kyrill unterstützt den haushohen Favoriten, Ministerpräsident Wladimir Putin. Der 59-Jährige tritt zum dritten Mal für das höchste Staatsamt an und wäre bereit, bis 2024 zu amtieren, wie er in einem am 2. März veröffentlichten Interview mit ausländischen Medien sagte.

Putin absolvierte bereits vom Jahr 2000 bis 2008 zwei Amtszeiten als Staatspräsident; seither war er Ministerpräsident, und wegen dieser Unterbrechung kann er zum dritten Mal für das höchste Staatsamt kandidieren. Außerdem wurde die Amtsperiode von vier auf sechs Jahre verlängert. Bei der Wahl treten vier weitere zugelassene Kandidaten an, doch keinem werden realistische Siegchancen eingeräumt. Die Opposition, die zu Tausenden gegen Putin protestiert, würde es schon als Erfolg werten, wenn ein zweiter Wahlgang nötig wäre.

Staatskirche seit der Zarenzeit

Der kirchliche Russlandexperte Gerd Stricker (Küsnacht/Schweiz) führt die Unterstützung der Russisch-Orthodoxen Kirche für Putin darauf zurück, dass sie ihren seit der Zarenzeit bestehenden Status als Staatskirche erhalten wolle. Wie Stricker in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea schreibt, sei sie selbst während der kommunistischen Verfolgung im Kern Staatskirche geblieben: „Ihre Bischöfe hatten den Sowjetherrschern von Stalin bis zu Michail Gorbatschow Lobeshymnen darzubringen; dem Westen mussten sie Religionsfreiheit in der Sowjetunion vorgaukeln.“

Größte gesellschaftliche Organisation

Putin habe in seinem Machtstreben auf den großrussischen Nationalismus der Zarenzeit wie auch auf die orthodoxe Volkskirche zurückgegriffen. Es gehe ihm allerdings nicht so sehr um Religion als um Politik. Er habe das gewaltige orthodoxe Wählerpotential mit geschätzten 100 Millionen Menschen erkannt. „Mit immer neuen Geschenken“ habe er die Kirchenführung für sich gewonnen. So habe die Kirche Zehntausende einst verstaatlichte Kirchen und Klöster zurückerhalten. Mit rund 15.000 Gemeinden sei sie die größte gesellschaftliche Organisation im Land. Sie genieße vor anderen Religionsgemeinschaften erhebliche Privilegien.

„Großrussischer Patriotismus mit orthodoxem Kern“

Putin verfolgt laut Stricker eine Staatsideologie nach dem Muster „Großrussischer Patriotismus mit orthodoxem Kern“. Geschickt habe er sie mit dem Zarenreich verknüpft und dessen Symbole übernommen - wie die Flagge und den doppelköpfigen Adler sowie prunkvolle staatliche Rituale in Anwesenheit des orthodoxen Patriarchen. Stricker: „Unter Putin wurde es schick, orthodox zu sein.“ So sei die Russisch-Orthodoxe Kirche wieder zur Staatskirche geworden. Eine grundsätzliche Kritik an der Staatsführung gehe von ihr nicht aus. Die totalitären Tendenzen des Systems sehe die Kirche dem Staat nach: Russland brauche eben eine „harte Hand“. Von den 142 Millionen Bürgern Russlands sind zwar streng genommen nur 35 Millionen orthodoxe Kirchenmitglieder; gleichwohl bezeichnen sich rund 100 Millionen Einwohner als orthodox, weil sei die Volkszugehörigkeit mit der Konfession gleichsetzen. Ferner leben in Russland etwa 500.000 Katholiken, 250.000 Lutheraner, 150.000 Baptisten, 150.000 Charismatiker, 120.000 Pfingstler und 70.000 Adventisten.

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