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Berlin
17. Juli 2017

Kontroverse um freikirchliches Diakoniewerk Bethel spitzt sich zu

„Wir sind erschüttert“, erklärten Direktorin Barbara Eschen und Vorstandsmitglied Martin Matz in einer Stellungnahme. Foto: DWBO
„Wir sind erschüttert“, erklärten Direktorin Barbara Eschen und Vorstandsmitglied Martin Matz in einer Stellungnahme. Foto: DWBO

Berlin (idea) – Eine Kontroverse um das freikirchliche Diakoniewerk Bethel in Berlin spitzt sich zu. Die Rechercheplattform „correctiv.org“ hatte berichtet, dass der Bethel-Vorstand Karl Behle das Diakoniewerk komplett unter seine Kontrolle gebracht habe. Er soll ein Jahresgehalt von rund 720.000 Euro beziehen. Zudem hatte er sich Pensionsansprüche in Höhe von 5,6 Millionen Euro auszahlen lassen, als das Werk 2011 von einem Verein in eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt wurde. Dabei war Bethel in das Eigentum von zwei Stiftungen überführt worden, hinter denen Behle als Stifter steht. Zu dem Diakoniewerk gehören 13 Krankenhäuser mit 1.700 Mitarbeitern in ganz Deutschland, die einen Jahresumsatz von mehr als 75 Millionen Euro erwirtschaften. Das Diakoniewerk Bethel ist eng mit dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden) verbunden. Laut „correctiv.org“ kontrolliert aber „Behle sich de facto selber“. Sein Gehalt sei fast das Zehnfache, das Geschäftsführer anderer diakonischer Einrichtungen verdienten.

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Vorgänge nicht vereinbar mit den Grundsätzen der Diakonie

Nun hat sich das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eingeschaltet, in dem Bethel Mitglied ist. „Wir sind erschüttert“, erklärten Direktorin Barbara Eschen und Vorstandsmitglied Martin Matz (beide Berlin) in einer Stellungnahme. Da weder Behle noch das Diakoniewerk sich bisher öffentlich geäußert hätten, müsse man davon ausgehen, dass die Vorwürfe stimmten. „Die aufgedeckten Vorgänge wären in keiner Weise vereinbar mit den Grundsätzen der Arbeit in der Diakonie“, heißt es in einer der Evangelischen Nachrichtenagentur idea vorliegenden Erklärung. Darin erheben die beiden Unterzeichner vier Forderungen, „deren Umsetzung wir für einen Verbleib im Diakonischen Werk erwarten“. Sollte der Bethel-Vorstand nicht bis zum 31. Juli erklärt haben, die Vorgaben umzusetzen, „gehen wir davon aus, dass das Diakoniewerk Bethel von sich aus auf seine Mitgliedschaft in der Diakonie verzichten wird“.

Forderung: Behle muss aus dem Vorstand ausscheiden

Erstens wird gefordert, dass Behle unverzüglich aus dem Vorstand ausscheidet. Zweitens muss Bethel belegen, „inwieweit die vorzeitige Auszahlung eines Pensionsanspruches und die Übernahme der Anteile am Diakoniewerk durch zwei persönliche Stiftungen rechtmäßig und gemeinnützigunschädlich waren“. Drittens müssen die beiden Stiftungen Mitglied im Diakonischen Werk werden und ihre Organ- und Aufsichtsfunktionen den in der Diakonie geltenden Regelungen anpassen: „Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand, nicht umgekehrt.“ Viertens sollen die Stiftungsräte mit mehreren Vertretern des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und mit mindestens einem Vertreter des Diakonischen Werks besetzt werden. Zum Hintergrund: Erst nach langen Auseinandersetzungen hatte Bethel einen Vertreter der Freikirche in seinen Kontrollgremien akzeptiert.

Wie sich Behle eine Bethel-Villa angeeignet haben soll

In einem zweiten Beitrag hatte „correctiv.org“ berichtet, dass Behle sich auch eine Villa aus dem Besitz Bethels angeeignet haben soll. Das Diakoniewerk hatte das Objekt 1988 für umgerechnet rund 700.000 Euro gekauft. In dem dreistöckigen Haus habe sich Behle nicht nur ein lebenslanges Wohnrecht zusichern lassen, sondern es auch 2008 als Vorstandsvorsitzender für 510.000 Euro an eine Bethel-Tochterfirma verkauft. Von ihr soll er es zwei Jahre später für 530.000 Euro für sich privat zurückgekauft haben. Nach „correctiv.org“-Angaben sei die Villa 2010 bis zu 1,5 Millionen Euro wert gewesen.

Verhalten ist „schlicht unanständig“

Eschen und Matz sind der Überzeugung, dass das vermutete Gehalt von Behle, die Umstände des Grundstücksgeschäfts und die Übertragung der Anteile am Diakoniewerk auf von ihm bestimmte Stiftungen „rufschädigend für die Diakonie“ wären. Auch diesseits rechtlicher Bewertungen wäre ein solches Verhalten „schlicht unanständig“: „Derart gravierende Verstöße gegen gute Unternehmensführung gibt es unter dem Dach der Diakonie üblicherweise nicht.“

Freikirche sieht Vorgänge „mit großer Sorge“

Während eine Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea beim Diakoniewerk Bethel unbeantwortet blieb, sieht der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden die Machtkonzentration und Intransparenz bei Bethel „mit großer Sorge und Unverständnis“. Sollte die Höhe von Behles Gehalt stimmen, „wäre dies aus unserer Sicht inakzeptabel“, schreibt Pressesprecher Michael Gruber (Wustermark/Brandenburg).

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