Mittwoch • 21. Februar
Studie
07. Februar 2018

Fast jede fünfte Familie mit drei Kindern ist armutsgefährdet

Besonders Kinder mit vielen Geschwistern sind armutsgefährdet. Foto: picture-alliance/ZB
Besonders Kinder mit vielen Geschwistern sind armutsgefährdet. Foto: picture-alliance/ZB

Gütersloh (idea) – Das Armutsrisiko von Familien mit Kindern ist größer als bisher gedacht. Besonders drastisch ist die Situation für Alleinerziehende. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 7. Februar veröffentlichte Studie, die von Forschern der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) erarbeitet wurde. „Mit jedem zusätzlichen Kind wird die finanzielle Lage von Familien schwieriger“, erklärte der Vorstand der Stiftung, Jörg Dräger. Nach der Studie sind 13 Prozent der Paare mit einem Kind armutsgefährdet. Bei denen mit zwei Kindern sind es 16 Prozent und bei denen mit drei Kindern 18 Prozent. Nach früheren Berechnungen lagen die Werte knapp drei Prozent niedriger. Bei den Alleinerziehenden haben mehr als zwei Drittel ein Armutsrisiko (68 Prozent). Bei früheren Untersuchungen waren es 46 Prozent. Die Berechnungen der Ruhr-Universität Bochum ermöglichen laut der Stiftung „einen realistischeren Blick auf die Einkommenssituation von Familien“. Zuvor seien bei der Anwendung der sogenannten OECD-Skala die Einkommen armer Haushalte systematisch über- und jene reicher Haushalte unterschätzt worden. Die jetzige Studie zeigt ferner, dass Kinderlose im Durchschnitt finanziell besser gestellt sind als Paare mit Kindern oder Alleinerziehende. Zudem sei die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und armen Familien im Zeitraum zwischen 1992 und 2015 weiter auseinandergegangen. Seit den 90er Jahren hätten nur jene Familien ihre Einkommenssituation verbessern können, die ihren Erwerbsumfang ausweiten konnten – in der Regel durch eine vermehrte Erwerbstätigkeit der Frau. Entscheidend hierfür sei der Ausbau der Kindertagesbetreuung. Kindergelderhöhungen hingegen hätten die Einkommenssituation von Familien mit Kindern nicht nachhaltig verbessert. Stiftungsvorstand Dräger: „Von Armut sind vor allem die Familien betroffen, die ihre Erwerbstätigkeit aufgrund besonders großer Betreuungsverantwortung nicht steigern konnten.“ Nach seinen Worten sollte deshalb ein größeres Gewicht auf die Armutsbekämpfung gelegt werden. Vor allem Alleinerziehende brauchten stärkere Unterstützung. Außerdem gelte es, die staatliche Existenzsicherung für Kinder neu aufzustellen.

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Diakonie: Das Auseinandergehen der Einkommensschere ist ein Skandal

Der Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, Maria Loheide (Berlin), erklärte zu der Studie: „Es ist ein Skandal, dass die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und armen Familien in Deutschland in den letzten 25 Jahren immer weiter aufgegangen ist.“ Man unterstütze den Appell der Studie, die bisherigen Instrumente der Familienpolitik neu zu denken. Die Diakonie fordere einen Grundbetrag pro Kind. Loheide: „Wer daneben noch Wohngeld oder weitere ergänzende Hilfen, zum Beispiel für Schulmaterial, Mobilität oder Freizeit und Kultur braucht, soll diese bekommen – einfach, unbürokratisch und in Höhe der tatsächlichen Kosten.“ Dazu müsse die Politik ihr Versprechen einlösen, die Rahmenbedingungen für familienfreundliche Erwerbstätigkeit zu verbessern.

Familien mit vielen Kindern müssen frei vom Armutsrisiko leben können

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland sieht sich durch die Ergebnisse der Studie in seinen Forderungen bestätigt, Mehrkindfamilien stärker zu unterstützen. Wissenschaft und Politik müssten die Resultate anerkennen und ihr Handeln danach ausrichten, erklärte Bundesgeschäftsführer Florian Brich (Mönchengladbach) auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sein Verband setze sich seit langem dafür ein, kinderreiche Familien steuerlich stärker zu entlasten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern sowie ein Bildungs- und Teilhabepaket und BAföG für Familien ab drei Kindern zu bewilligen. Brich: „Familien mit vielen Kindern müssen ihren Lebensunterhalt frei vom Armutsrisiko bestreiten können.“ Nach Angaben des Verbandes haben in Deutschland 1,2 Millionen Familien drei oder mehr Kinder. Das sind zwölf Prozent aller Familien.

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