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Niedrige Besucherzahlen
09. Juli 2017

Wird das Reformationsjubiläum „die Pleite des Jahres“?

Zur zentralen viermonatigen „Weltausstellung Reformation“ in der Lutherstadt Wittenberg seien nach knapp vier Wochen nur 40.000 gekommen. Screenshot: Youtube/r2017
Zur zentralen viermonatigen „Weltausstellung Reformation“ in der Lutherstadt Wittenberg seien nach knapp vier Wochen nur 40.000 gekommen. Screenshot: Youtube/r2017

Berlin (idea) – Das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ droht zur „Pleite des Jahres“ zu werden. Diese Befürchtung wird in einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geäußert. Die großangelegten Feiern fänden viel weniger Resonanz als von den Kirchen erwartet. Die Besucherzahlen fast aller kirchlichen Großveranstaltungen seien weit hinter den Voraussagen zurückgeblieben. Zur zentralen viermonatigen „Weltausstellung Reformation“ in der Lutherstadt Wittenberg – sie ist auf eine halbe Million Besucher ausgelegt – seien nach knapp vier Wochen nur 40.000 gekommen. Den Deutschen Evangelischen Kirchentag Ende Mai in Berlin hätten nur 106.000 statt der 140.000 kalkulierten Dauergäste besucht. Der Schlussgottesdienst in Wittenberg zählte nach Angaben der Veranstalter 120.000 Teilnehmer. Geplant war das Treffen für 200.000. Am meisten haben Voraussage und Wirklichkeit, so der Bericht, bei den „Kirchentagen auf dem Weg“ Ende Mai im mitteldeutschen Kerngebiet der Reformation auseinandergeklafft. So seien in Leipzig nur 7.500 zahlende Besucher dabei gewesen, obwohl mit 50.000 Teilnehmern gerechnet worden war.

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Wie hoch wird das Defizit?

Der Verein „Reformationsjubiläum 2017“ will aber noch nicht von einem Misserfolg sprechen. „Wir sollten nicht nur auf die nackten Zahlen schauen“, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider der Zeitung. „Der Diskurs, den wir führen, ist ein Wert an sich.“ Bei vergleichbaren Großereignissen wie der defizitären Weltausstellung 2000 in Hannover sei „der große Schub erst am Ende gekommen“. Ohnehin habe man bei der Planung der Kapazitäten „einen gewissen Puffer eingerechnet“. Laut Schneider rechnet man nicht „mit einem übermäßig hohen Defizit“. Wer dafür aufkomme, werde bis Jahresende mit der EKD und den Landeskirchen zu klären sein. Zusätzliches staatliches Geld werde nicht gebraucht.

Theologieprofessor Graf: Die Kirche hat ihre Anziehungskraft überschätzt

Der Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf (München) ist der Meinung, dass die Kirche ihre Anziehungskraft im Jubiläumsjahr überschätzt hat. „Die sprudelnden Kirchensteuern bilden nicht ab, wie stark die tatsächliche Bindung an die Kirchen abnimmt“, äußerte er gegenüber der Sonntagszeitung. „Das sagt etwas über die Schwäche des kirchlichen Protestantismus in Deutschland aus.“ Graf kann auch nicht erkennen, „was die Kirche mit dem Reformationsjubiläum eigentlich will“. Das Luther-Programm zeuge von einem umfassenden Harmoniebedürfnis, das jede Polarisierung vermeide und damit auch wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehe.

Einziger Renner im Jubiläumsjahr ist bisher der Playmobil-Luther

Dem Bericht zufolge stößt auch das staatliche Jubiläumsprogramm auf wenig Resonanz. Die Ausstellung „Der Luthereffekt“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin habe bisher nur rund 30.000 Besucher gezählt. Besser sehe es auf der Wartburg aus, wo die Schau den nüchtern-klaren Titel „Luther und die Deutschen“ trage. Zwei Monate nach Beginn sei dort die 100.000. Besucherin begrüßt worden. Vier Monate läuft die Ausstellung noch. Allerdings kommen auch in gewöhnlichen Jahren rund 350.000 Gäste pro Jahr auf die Burg, wo Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Einziger Renner im Jubuläumsjahr ist bisher die 7,5 Zentimeter große Lutherfigur der Spielzeugmarke Playmobil. Von ihr wurden bisher über eine Million Exemplare verkauft.

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