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Theologie
07. Juni 2018

Streitgespräch: Wie historisch zuverlässig ist das Neue Testament?

v.l.: Die Theologieprofessoren Udo Schnelle und Armin Baum. Foto: Philipp von Ditfurth
v.l.: Die Theologieprofessoren Udo Schnelle und Armin Baum. Foto: Philipp von Ditfurth

Wetzlar (idea) – Wie historisch zuverlässig sind die Aussagen im Neuen Testament? Dazu haben die Theologieprofessoren Udo Schnelle (bis 2017 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Armin Baum (Freie Theologische Hochschule in Gießen) ein Streitgespräch auf Einladung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) geführt. Laut Schnelle sind die Evangelien nicht allein danach zu lesen, ob historisch etwas stimmt oder nicht. So beanspruche das Johannesevangelium keine historische Augenzeugenschaft, sondern eine theologische. Der 65-Jährige ist Vertreter einer historisch-kritischen Theologie. Seine „Einleitung in das Neue Testament“ wurde mehr als 30.000 Mal verkauft und gilt als Standardwerk. Schnelle zufolge sind in den Evangelien der historische Jesus und der „Christus des Glaubens“ miteinander verwoben. Eine Aussage, die Jesus zugeschrieben werde, sei nicht wertvoller als eine Aussage, die durch spätere Gemeindebildung entstanden sei. Anspruch der neutestamentlichen Schriften sei es, ein Geschehen authentisch darzustellen. Der Begriff „historisch“ sei jedoch erst in der Neuzeit entstanden. Im Vergleich mit den Schriften anderer Religionen – etwa dem Islam – seien die Evangelien und die Paulus-Briefe jedoch historisch „unendlich zuverlässiger“. In keiner anderen Religion gebe es „qualitativ und quantitativ so hochwertige Zeugnisse“.

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Theologieprofessor Baum: Neues Testament hat den Anspruch, historisch zu sein

Schnelles Äußerungen stießen auf den Widerspruch des evangelikalen Theologieprofessors Armin Baum (52). Er veröffentlichte Anfang 2018 eine „Einleitung in das Neue Testament – Evangelien und Apostelgeschichte“. Nach Baums Worten erheben die neutestamentlichen Berichte den Anspruch, historisch zu sein. So verweise der Evangelist Johannes auf Augenzeugen, die seinen Bericht belegten. Dagegen sei die Auffassung problematisch, dass Jesus nachösterlich Worte in den Mund gelegt werden. Damit werde die Grenze zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion überschritten. Die Evangelien würden „nicht erst nachträglich mit Hilfe eines Osterglaubens mit göttlichem Glanz überstrahlt“. Andernfalls müsse man von einer Fälschung reden. Dies stehe jedoch im Widerspruch zum Anspruch der Heiligen Schrift, wahrhaftiges Wort Gottes zu sein.

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