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Kirchenhistoriker
01. März 2017

EKD-Kritik an „Meckerstimmung“ geht „völlig ins Leere“

Der Kirchenhistoriker Prof. Thomas Kaufmann. Foto: Theologische Fakultät, Georg-August Universität Göttingen
Der Kirchenhistoriker Prof. Thomas Kaufmann. Foto: Theologische Fakultät, Georg-August Universität Göttingen

Berlin/Hannover (idea) – Mit scharfer Kritik hat der Kirchenhistoriker Prof. Thomas Kaufmann (Göttingen) auf die Vorwürfe des Theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Thies Gundlach (Hannover), reagiert, die evangelischen Theologen beteiligten sich nicht konstruktiv am Reformationsjubiläum 2017. Gundlach hatte in der aktuellen Ausgabe für die evangelische Monatszeitschrift „zeitzeichen“ (Berlin/März-Ausgabe) geschrieben, dass viele relevante theologische Wissenschaftler bei der Kritik am Reformationsjubiläum an Details stehengeblieben seien. Es herrsche eine Art „grummelige Meckerstimmung“ gegenüber allen Aktivitäten der EKD und ihren Gliedkirchen und eine „besserwisserische Ignoranz“ gegenüber den Anliegen von Bund, Ländern und Zivilgesellschaft, so der Cheftheologe der EKD: „Aus der zuständigen wissenschaftlichen Theologie kommt weithin ein kontinuierlicher Ton der Missbilligung, der die Gestaltung des Reformationsjubiläums 2017 durch Kirchen und Gesellschaft als Verrat an historischer Exaktheit und theologischer Verantwortung erkennen zu müssen meint.“ Es bleibe die Frage, „was los ist in einer Wissenschaft, die ja im Grunde eine einzigartige Gelegenheit hätte, dieses Jubiläum zu nutzen, um einer distanzierten, vielleicht sogar skeptischen Gesellschaft die eigene Relevanz verständlich zu machen“. Gundlach plädierte dafür, dass die Wissenschaftler eine „tragfähige Deutungsperspektive“ beitragen. Ausdrücklich nennt er in seinem Beitrag neben Kaufmann die Theologieprofessoren Friedrich Wilhelm Graf (München) und Ulrich Körtner (Wien), die Kirchenhistorikerin Prof. Dorothea Wendebourg (Berlin), sowie den Historiker Prof. Hartmut Lehmann (Göttingen).

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Grundsatzpapier „Rechtfertigung und Freiheit“ war ein „schlampiger Schnellschuss“

Kaufmann sagte gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, dass der Beitrag Gundlachs „völlig ins Leere“ gehe, weil er die Verantwortung der EKD für das eingetretene Dilemma „total ausblende“. Als Beispiel nannte er das 2014 veröffentlichte Grundsatzpapier „Rechtfertigung und Freiheit“. Es war von einer Kommission des Rates der EKD unter Leitung des Kirchenhistorikers Christoph Markschies (Berlin) erarbeitet worden. Laut dem Reformationshistoriker Kaufmann hat Markschies „außer Allerweltsweisheiten nichts durch Forschung Substantialisiertes zur Reformation zu bieten“. Die Schrift sei ein „schlampiger Schnellschuss“ und in der akademischen Theologie auf weitgehendes Unverständnis gestoßen. Dadurch sei genau das verhindert worden, was Gundlach nun fordere. Ferner kritisierte er die Wahl von Margot Käßmann zur Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum und Gundlachs Mitverantwortung bei der Auswahl der Gremiumsmitglieder im Wissenschaftlichen Beirat der EKD für das Jubiläum. Der Beirat sei „praktisch handlungsunfähig“: „So agiert man, wenn man die akademische Theologie düpieren und kaltstellen will, um sie am Ende anzupöbeln.“ Es sei der Loyalität der akademischen Theologie gegenüber der Kirche zuzurechnen, dass nicht in dem Maße öffentlich gegen Gundlach und die EKD polemisiert werde, wie es der Stimmung entspreche, betonte Kaufmann.

Prof. Körtner: Herrn Gundlach scheint manches entfallen zu sein

Ähnlich äußerte sich Prof. Ulrich Körtner. Er habe bereits 2010 im Vorfeld des Reformationsjubiläums ein Buch mit dem Titel „Reformatorische Theologie im 21. Jahrhundert“ (TVZ Zürich) publiziert. Eine weitere Veröffentlichung – „Das Evangelium der Freiheit. Potentiale der Reformation“ – werde gerade gedruckt. Ferner habe er beim Reformationskongress 2013 in Zürich ein Grundsatzreferat gehalten und auch das Grundsatzpapier „Rechtfertigung und Freiheit“ in einem Artikel in „zeitzeichen“ ausdrücklich gelobt: „Das alles scheint Herrn Gundlach entgangen oder entfallen zu sein.“ Zu EKD-Veranstaltungen im Rahmen der Reformationsfeierlichkeiten und zum Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 24. bis 28. Mai in Berlin und in der Lutherstadt Wittenberg sei er nicht als Referent eingeladen worden, „weshalb sich meine unterstützenden Beiträge, die Herrn Gundlach einfordert, auf die genannten Veröffentlichungen und verschiedene Vorträge beschränken“.

Prof. Wendebourg: Das Wort „Gott“ kommt bei Gundlach nicht vor

Die Kirchenhistorikerin Prof. Dorothea Wendebourg nannte den Beitrag von Gundlach auf idea-Anfrage einen „mehr von Emotionen als von Gedankenarbeit getragenen Artikel“. Sie teile die Einschätzungen Kaufmanns im Bezug auf das Papier „Rechtfertigung und Freiheit“ und die Personalentscheidungen der EKD „ganz und gar“. Ferner scheine Gundlach keine Meinung zu haben, wofür in seinen Augen das Reformationsjubiläum stehe. Das sei „bemerkenswert bei einem Mann, der den Posten des Cheftheologen der EKD innehat“. Er orientiere sich an den Reaktionen aus der Politik und der außerkirchlichen Zivilgesellschaft: „Offensichtlich ist das Interesse, das hier an dem Reformationsjubiläum besteht, der Maßstab für die Bedeutung, die es in Gundlachs Augen hat.“ Wendebourg fragte: „Hat die Kirche nicht ihre eigenen, religiös-theologischen Gründe, das Jubiläum zu feiern? Gründe, die sich nicht in einer – noch dazu schlecht gemachten – Präsentation von Aussagen des 16. Jahrhunderts erschöpfen, wie sie das genannte EKD-Papier bietet?“ Gundlach schreibe, heute sei die Überzeugung verbreitet, dass die „geistige Substanz“ der Reformation die „Ängste der Gegenwart“ begrenzen könne. Diese Ängste müssten, so Wendebourg, „vor Gott“ reflektiert werden: „Aber ein Wort wie ,Gott’ kommt bei Gundlach nicht vor. Es könnte ja das zivilreligiöse Einverständnis sprengen.“

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