Freitag • 24. November
Abdel-Samad
07. November 2017

Die evangelische Kirche hat DITIB hofiert

Der aus Ägypten stammende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad bei einer Diskussionsrunde im Medienzentrum der Passauer Neuen Presse in Passau. Screenshot: Youtube/Passauer Neue Presse
Der aus Ägypten stammende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad bei einer Diskussionsrunde im Medienzentrum der Passauer Neuen Presse in Passau. Screenshot: Youtube/Passauer Neue Presse

Passau (idea) – Der aus Ägypten stammende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad (München) hat den Umgang der evangelischen Kirche mit muslimischen Verbänden kritisiert. Er äußerte sich am 6. November bei einer Diskussionsrunde im Medienzentrum der Passauer Neuen Presse in Passau. DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) sei der verlängerte Arm der Türkei in Deutschland. Auch die evangelische Kirche habe den Verband hofiert und ihm Türen geöffnet. Er könne beispielsweise nicht verstehen, warum zu einem Gedenkgottesdienst nach dem islamistischen Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 ein Imam eingeladen worden sei, der in einer vom Verfassungsschutz beobachteten Moschee predige. Da mache man sich mitschuldig. Der organisierte Islam wolle nicht, dass sich Muslime in die deutsche Gesellschaft integrierten.

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Bedford-Strohm: Die Kirche stellt DITIB kritische Fragen

Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), widersprach. Man stelle DITIB sehr wohl kritische Fragen. Er selbst wolle, so Bedford-Strohm, einen menschenrechtsverbundenen Islam unterstützen. „Drei oder vier Millionen Muslime“ lebten in Deutschland. Man wolle diejenigen ermutigen, die Ja sagten zu Demokratie und Menschenrechten. Abdel-Samad entgegnete, dass es in Deutschland fünf Millionen Muslime gebe, von denen die allerwenigsten in Verbänden organisiert seien. Die Kirchen hingegen konzentrierten sich auf den organisierten Islam, der meistens politisch sei. Er sprach sich gleichzeitig für einen interreligiösen Dialog aus. Er werde manchmal allerdings naiv und oberflächlich geführt. Dialog habe nicht die Aufgabe, dass man sich gegenseitig auf die Schulter klopfe, sondern bedeute Ehrlichkeit. Dazu gehöre für ihn auch, sagte Abdel-Samad an Bedford-Strohm gerichtet, dass man in Jerusalem sein Kreuz nicht abnehmen dürfe. Der Landesbischof hatte wie sein Reisebegleiter, der Vorsitzende der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (München), im Oktober 2016 auf dem Tempelberg in Jerusalem bei einem Besuch sein Kreuz abgelegt. Der deutsch-ägyptische Politologe Abdel-Samad zählt nach Angaben seines Verlags „Droemer Knaur“ (München) zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Historiker Wolffsohn: Politik können die politischen Parteien besser als die Kirchen

Die Runde diskutierte ferner über den Zusammenhang zwischen einer „Politisierung von Kirchen“ und ihrem Wachstum. Abdel-Samad vertrat die These, dass eine Kirche umso leerer werde, je politischer sie sei. Zulauf habe das Christentum vor allem in Ländern wie China, in denen die Kirche gar nicht politisch sein könne. Der Wunsch nach Spiritualität treibe die Bürger dort in die Gotteshäuser. Ähnlich äußerte sich der Historiker Prof. Michael Wolffsohn: „Politik können die politischen Parteien besser als die Kirchen.“ Das Christentum wie auch das Judentum wüchsen dort, wo sie die Menschen in ihren existenziellen Fragen erreichten. Ihm zufolge sind immer mehr Geistliche auch Parteimitglieder. Das sei keine gute Kombination. Wolffsohn: „Wenn ich zu einem Geistlichen gehe, möchte ich Seelsorge.“

Bedford-Strohm: Radikale Christusliebe bedeute auch radikale Liebe zur Welt

Bedford-Strohm bestätigte, dass er mit 17 Jahren in die SPD eingetreten sei, seine Mitgliedschaft aber ruhen lasse. Er werbe dafür, dass sich Christen in politischen Parteien engagierten. Radikale Christusliebe bedeute auch radikale Liebe zur Welt. Eine Politisierung in dem Sinne, dass eine Kirche Parteiprogrammen einen „Heiligenschein“ verpasse, lehne er ab. Ihm sei aber „völlig schleierhaft“, wie man Politik komplett außen vor lassen könne. Er habe beispielsweise Christen in Tansania besucht, die unter Dürren infolge des Klimawandels litten. Dabei hätten sie einen minimalen CO2-Ausstoß und somit am wenigsten dazu beigetragen: „Wie soll man da nicht politisch sein?“ Der vierte Diskussionsteilnehmer in der Runde, Kardinal Gerhard Ludwig Müller – bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan –, bezeichnete die Ehe als unauflösbar. Ausgangspunkt für die Haltung seien nicht Aussagen des Papstes, sondern ausschließlich die Worte Jesu Christi. Müller war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre.

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