24. Dezember 2012
Weihnachten 2012
Ein Platz bleibt frei für Verfolgte

Bethlehem/Jerusalem (idea) – Millionen Christen können nicht in Ruhe Weihnachten feiern. Sie leben in Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern oder in ständiger Angst vor Anschlägen und Verfolgung. Nach Schätzungen werden rund 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens bedrängt. In diesem Jahr fallen die Weihnachtsfeiern zum Beispiel in Syrien, dem Libanon, Ägypten und Nigeria bescheiden aus. Selbst in Bethlehem, dem Geburtsort Jesu, verteilen im Angesicht des touristischen Andrangs einheimische arabische Christen Nahrungsmittelpakete an bedürftige Nachbarn. Eine US-amerikanische Organisation ruft Christen auf, einen Platz am gedeckten Weihnachtstisch freizuhalten – als Symbol für die um ihres Glaubens willen Verfolgten.
Auch Maria und Josef mussten fliehen
Der Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib A. Younan (Jerusalem), ruft in seiner Weihnachtsbotschaft die 143 Mitgliedskirchen auf, im Einsatz für alle Ausgegrenzten, Vertriebenen und Verfolgten nicht nachzulassen. Er erinnert daran, dass auch Maria und Josef mit dem Jesuskind vor König Herodes fliehen mussten. Der Palästinenser Younan: „Wir können die Heilige Familie heute in den Flüchtlingsfamilien wieder erkennen.“ Knapp 44 Millionen Menschen seien heute auf der Flucht.
Evangelisation bei Bethlehem
In der Nähe von Bethlehem kamen in der Woche vor Weihnachten mehr als 1.000 Palästinenser aus dem Westjordanland auf einem Hirtenfeld zusammen. Dabei predigte der arabische Evangelist Victor Hashweh. Nach Angaben des Informationsdienstes Assist bekundeten 200 Besucher, dass sie Christen geworden seien. Unterdessen helfen Christen in den palästinensischen Gebieten ihren bedürftigen Nachbarn mit Lebensmitteln aus.
Syrien: Zwischen den Fronten des Bürgerkriegs
In Syrien findet sich die christliche Minderheit zwischen den Fronten der Aufständischen und des Regimes von Staatschef Baschar al-Assad. Der 20 Monate währende Bürgerkrieg hat mindestens 40.000 Menschenleben gekostet; die Zahl der Flüchtlinge wird auf 700.000 geschätzt. Von den 21 Millionen Einwohnern sind 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen; davon sind jeweils drei Prozent Katholiken und Orthodoxe plus kleine Gruppen von Protestanten. Die übrige Bevölkerung besteht aus Nichtreligiösen oder Anhängern anderer Religionen.
Iran: Christen hinter Gittern
Im Iran müssen mehrere frühere Muslime wegen ihres Übertritts zum Christentum um ihr Leben fürchten. So wurde der 32-jährige Saeed Abedini im Juli verhaftet. Er war mit 20 Jahren während einer Ausbildung zum Selbstmordattentäter zum christlichen Glauben gekommen und hatte 2002 eine US-Amerikanerin geheiratet. Sie wanderten 2005 in die USA aus, kehrten aber oft in seine Heimat zurück, um christliche Untergrundgemeinden in 30 iranischen Städten zu betreuen. In der Haft wird er laut Presseberichten geschlagen. Die US-amerikanische Christliche Verteidigungs-Koalition (Washington) ruft Christen auf, zum Gedenken an Abedini und andere Verfolgte einen Platz am Weihnachtstisch freizulassen. Im Gefängnis misshandelt wird auch Pastor Behnam Irani, der seit Juni 2011 hinter Gittern sitzt. Die iranische Justiz fordert die Todesstrafe wegen „Abfalls vom Islam“ und „Verbreitung nicht-islamischer Lehre“. Zu sechs Jahren Haft wegen „Aktionen gegen die Staatssicherheit, Kontaktaufnahme zu ausländischen Organisationen und religiöser Propaganda“ ist Pastor Farshid Fathi verurteilt, den die Evangelische Nachrichtenagentur idea und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte als „Gefangenen des Monats Oktober“ benannt hatten. Von den 74,2 Millionen Einwohnern Irans sind 99 Prozent Muslime. Die Zahl der Konvertiten zum christlichen Glauben wird auf 250.000 geschätzt. Ferner gibt es bis zu 150.000 meist orthodoxe armenische und assyrische Christen.
Nigeria: Furcht vor Boko Haram
In Angst vor Anschlägen islamischer Extremisten verleben die Christen im westafrikanischen Nigeria Weihnachten. Seit Jahren verübt dort die radikal-islamische Terrororganisation Boko Haram („Alles Westliche ist Sünde“) besonders an hohen christlichen Feiertagen Anschläge auf Kirchen. Im vorigen Jahr starben an Weihnachten in einer Kirche in Madalla 35 Menschen. Boko Haram will einen islamischen Gottesstaat errichten. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) sind der Terrorgruppe seit 2009 mehr als 3.000 Menschen zum Opfer gefallen. Nigeria hat etwa 165 Millionen Einwohner. Über die Hälfte bekennt sich zum Islam. Der Anteil der Christen wird auf 40 bis 48 Prozent geschätzt.