Donnerstag, 24.04.2014

17. Dezember 2012

US-Schulmassaker

Wird die Tragödie zum geistlichen Weckruf?

Wird die Tragödie zum geistlichen Weckruf?
Pastor Clive Calver gehörte zu den vier Pastoren, die unmittelbar nach dem Amoklauf Eltern und Angehörigen als Seelsorger beistanden. Foto: PR

Newtown (idea) – Wird das Schulmassaker von Newtown (US-Bundesstaat Connecticut) zum geistlichen Weckruf? Das hofft der frühere Generalsekretär der Britischen Evangelischen Allianz, Clive Calver, der in Newtown wohnt und seit acht Jahren als Hauptpastor die Walnut-Hill-Gemeinde im nahegelegenen Bethel leitet. Der 63-Jährige gehörte mit seiner Frau Ruth zu den vier Pastoren, die unmittelbar nach dem Amoklauf vom 14. Dezember den Eltern der 20 getöteten Kinder und den Angehörigen der sechs erschossenen Lehrerinnen und Angestellten als Seelsorger beistanden. Binnen kürzester Zeit seien etwa 500 Menschen zusammengekommen, um „zu beten, zu weinen und Gott anzurufen“, berichtet Calver. „Unser Gebet ist, dass dieses Böse, dieser unfassbare Schrecken zum geistlichen Wendepunkt wird.“ Neu-England, zu dem Connecticut mit rund 3,5 Millionen Einwohnern gehört, sei eine weithin von Gottlosigkeit geprägte Region. Schätzungsweise drei Prozent der Bevölkerung seien evangelikale Christen. Calver: „Die Menschen hier brauchen Jesus, und es ist unsere Aufgabe, sie mit ihm in Verbindung bringen.“ Seine Gemeinde mobilisiere Seelsorger, die den Trauernden beistehen. In Connecticut ist die römisch-katholische Kirche mit knapp 1,4 Millionen Mitgliedern die größte Religionsgemeinschaft, gefolgt von der theologisch liberalen „Vereinigten Kirche Christi“ (125.000) und der anglikanischen Episkopalkirche (74.000). Die jüdischen Gemeinden haben 108.000 Mitglieder. Calver war von 1983 bis 1997 Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Großbritannien; danach stand er bis 2004 dem internationalen Hilfswerk World Relief vor.

Lehrerin: Kinder, betet!

Das Massaker in der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown (27.000 Einwohner) zählt zu den blutigsten Amokläufen in der jüngsten US-Geschichte. Die Motive des Täters sind noch unklar. Zuerst hatte der 20-jährige Adam Lanza seine 52-jährige Mutter Nancy, eine Waffennärrin, getötet und Gewehre sowie Pistolen an sich gebracht. Dann verschaffte er sich mit Gewalt Zugang zu der Grundschule und erschoss zwölf Mädchen sowie acht Jungen im Alter zwischen sechs und sieben Jahren. Außerdem tötete er sechs Lehrkräfte, darunter Rektorin Dawn Hochsprung, bevor er sich selbst richtete. Nachdem die Schüsse in den Gebäuden zu hören waren, verschanzten sich Lehrerinnen mit ihren Schulklassen zum Teil in Toiletten oder begehbaren Musikschränken. Sie versuchten, die Kinder zu beruhigen und forderten sie auf, leise zu beten.

Obama tröstet mit der Bibel

In den USA und weltweit löste die Bluttat Entsetzen aus. Der sichtlich mitgenommene US-Präsident Barack Obama konnte bei seiner Fernsehansprache kaum die Tränen zurückhalten. „Unsere Herzen sind zerbrochen“, sagte er. Er fühle als Vater mit den Eltern, Großeltern und Geschwistern der getöteten Kinder und Erwachsenen. Ferner versicherte der Präsident die Hinterbliebenen der Fürbitte und zitierte aus Psalm 147,3: „Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“ Bei einer Gebetsversammlung am 16. Dezember in Newtown erinnerte er die Hinterbliebenen an das Jesuswort „Lasset die Kindlein zu mir kommen, und hindert sie nicht daran, denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“

Vater betet auch für die Familie des Todesschützen

Einige Eltern getöteter Kinder brachten neben Trauer auch Mitgefühl zum Ausdruck. „Es ist eine schreckliche Tragödie, und ich möchte, dass alle wissen, dass wir in unseren Herzen und Gebeten bei ihnen sind. Das gilt auch für die Familie des Schützen“, erklärte Robbie Parker, Vater der sechsjährigen Emily. Newtown hat eine römisch-katholische Pfarrei und sechs protestantische Kirchen. In unmittelbarer Nähe der Sandy-Hook-Schule befindet sich die rund 600 Mitglieder zählende Evangelisch-methodistische Gemeinde. Laut Pastor Mel Kawakami stellt sie ihre Räume als Rückzugs- und Seelsorgezentrum sowie Gebetsstätte zur Verfügung.

Auch Gottes Herz ist zerbrochen

US-Kirchenrepräsentanten reagierten auf das Massaker mit Schock, Mitgefühl und Trauer. Unteren anderen spendeten der Evangelist Billy Graham (Montreat/Nord Carolina) und der Bestsellerautor Pastor Max Lucado (San Antonio/Texas), Trost und riefen zum Gebet auf. Die Präsidentin des Nationalen Kirchenrats (NCC), Kathryn Lohre (New York), erklärte, auch Theologen und Seelsorger könnten für Tragödien wie das Schulmassaker keine Erklärung finden: „Aber wir suchen Trost in unserem Glauben, dass unser Gott ein Gott der Liebe ist. Sein Herz ist heute ebenfalls zerbrochen.“

Ruf nach strengeren Waffengesetzen

Gleichzeitig erinnerte sie daran, dass der NCC bereits im Jahr 2010 Kirche und Staat zu stärkerem Einsatz für Waffenkontrolle aufgerufen haben. Man rufe auch zum Dialog von Befürworten und Gegnern in Kirchengemeinden auf. Der NCC umfasst 37 evangelische, anglikanische und orthodoxe Kirchen. Ohne die Waffengesetze ausdrücklich zu nennen, appellierte Obama an alle Verantwortlichen, entschlossen zu handeln, um Kinder vor Amokläufen zu schützen. Das Land habe zu viele solcher Tragödien erlebt. 1999 töteten zwei Schüler der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie sich selbst umbrachten. 2007 gab es einen Amoklauf an der Hochschule Virginia Tech (32 Tote), 2008 an der Northern Illinois University bei Chicago (6), und am 2. April dieses Jahres erschoss ein ehemaliger Student sieben Personen an der christlichen Oikos-Universität in Oakland (Kalifornien).

USA: Die meisten Schusswaffen pro Einwohner

In den USA kommen auf 100 Einwohner fast 89 Schusswaffen; das Land steht mit dieser Rate weltweit an erster Stelle. Zum Vergleich: Deutschland liegt mit etwa 30 Waffen pro 100 Einwohner auf Platz 15. Doch bei den Tötungsdelikten mit Schusswaffen liegt Honduras mit 68,4 pro 100.000 Einwohner an der Spitze; die Vereinigten Staaten kommen mit 2,9 auf Platz 30. Deutschland steht an 87. Stelle mit 0,2 gleichauf mit Spanien und der Ukraine sowie hinter der Schweiz (0,5), Italien (0,4) und Frankreich (0,23). Trotz strengerer Waffengesetze hat es auch in Deutschland Amokläufe an Schulen gegeben, so in Erfurt am 26. April 2002 mit 17 Toten und in Winnenden bei Stuttgart am 11. März 2009 mit 16 Opfern.

2 Leserkommentare
milan | 20.12.2012 um 23:45 Uhr

Da hilft nur Veränderung der Herzen.

Golf-Variant | 18.12.2012 um 09:21 Uhr

Es bleibt zu hoffen, dass durch den schrecklichen Amoklauf Menschen anfangen, nach dem Sinn des Lebens und nach Gott zu fragen. Aber auch sollte Obama ein schärferes Waffengesetz mit Androhung empfindlicher Strafen erlassen. Das heißt, für scharfe Waffen den großen Waffenschein und für Schreckschusswaffen den kleinen - so wie bei uns in Deutschland. Aber das wird wohl dort in Amerika nicht machbar sein.

Bitte melden Sie sich an oder registrieren Sie sich neu, um Artikel zu kommentieren.
idea.de in sozialen Netzwerken
Twitter

Facebook
Mein idea
Aktuelle Nachrichten und Reportagen!



ideaHeute
  • 23. April: SPRING - Bibelübersetzungen - Südsudan
  • 22. April: Syrien - Volker Kauder zum Islam - Osterkonferenz Gunzenhausen
  • 17. April: Wort zu Karfreitag
  • 16. April: Manfred Stolpe - Kuba - Militärseelsorge
  • 15. April: Nigeria - Gnade Gottes - Mediennutzung

Anzeige

Anzeige