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05.02.2013

Wäre Luther heute Lutheraner?

(Schilling): Der Luther-Biograf Martin Brecht war der Auffassung, ein Mann wie Luther könne niemanden zum Freund gehabt haben. Ich sehe das anders: Luther pflegte enge Verbin­dungen mit seinem Wittenberger Kollegen Philipp Me­lanchthon und mit dem Maler Lucas Cranach. Allerdings konnte Luther sehr unwirsch – teilweise sogar brutal – werden – auch gegenüber seinen Freunden. Dann gibt es wiederum persönliche Briefe Luthers, die zeigen, dass es ein großes Geschenk sein konnte, mit ihm befreundet zu sein. Für mich selbst würde ich sagen: Ein Biograf sollte mit der Person, über die er schreibt, nicht befreundet sein.

Luther stand zunächst völlig alleine da

Damals musste man sehr mutig sein, um sich mit dem Papst anzulegen. Mit seinem Kampf stand Luther zunächst völlig alleine da. „Jedermann ließ mich allein verzappeln mit den Papisten“, klagte Luther. Er stellte die Strukturen und Denkweisen seiner Zeit infrage. Dabei war er absolut davon überzeugt, dass er seine Erkenntnis direkt von Gott hatte. An dem, was er als richtig erkannte, hielt er unbeirrt fest.

Warum die Ökumene nicht weiterkommt

Ja, und das ist nach meinem Dafürhalten bis heute der Grund, warum die Ökumene nicht weiterkommen kann. Die römisch-katholische Kirche beharrt darauf, dass nur ein „Zurückkehren“ der Protestanten zur Einheit führen kann. Die evangelischen Kirchen können von ihrem historischen Ursprung her dazu aber nur bereit sein, wenn das Papstamt anders definiert wird als bisher.

Wofür die Katholiken Luther danken sollten

Mit Prognosen sollte man vorsichtig sein. Wie sehr sich Historiker irren können, hat in der jüngsten Geschichte ja die deutsche Wiedervereinigung gezeigt, die kaum jemand für möglich gehalten hatte. Die Zukunft ist immer offen und daher eine Einheit der Kirchen prinzipiell möglich. Im Moment sehe ich in der Ökumene nur wenig Bewegung – aber das kann in der nächsten Generation schon ganz anders sein. Voraussetzung dafür wäre, die Missverständnisse, die sich in 500 Jahren angesammelt haben, aufzuarbeiten, um sie zu überwinden. Allerdings: Einen ökumenischen Einheitsbrei hielte ich auch nicht für wünschenswert.

Luther wollte kein Apfelbäumchen pflanzen

Im Zeichen des Renaissance-Papsttums drohten Religion und Glaube Anfang des 16. Jahrhunderts zur Arabeske der schönen Künste und der Philosophie zu werden. Dem hat Luther die existenzielle Bedeutung des Glaubens entgegengestellt. Die Römische Kirche hat gegen ihn zwar den Bann verhängt. Seine Reformanliegen hat sie jedoch insofern beantwortet, als dass auch sie die Religion im Lauf der Zeit wieder stärker ins Zentrum rückte.

Wo sich die EKD nicht auf Luther berufen kann

Man darf weder auf die positiv verehrenden noch auf die bösartig feindlichen Luther-Mythen hereinfallen. Manche Zeitgenossen sahen das Klo als eng mit dem Teufel verbunden und hielten Luthers Theologie für „Kloaken-Theologie“. Er selbst soll – möglicherweise mit seinem berüchtigten schwarzen Humor – in einer seiner Tischreden darauf angespielt haben. Letztlich ist es aber völlig gleichgültig, ob Luther seine Erkenntnis nun im Turm oder auf dem Lokus hatte. Er hat sich diesen Durchbruch über Jahre intensiven Bibelstudiums und durch sein Leiden an der Leistungsfrömmigkeit erarbeitet – das ist für mich entscheidend.

Macht sich die evangelische Kirche lächerlich?

Sowohl die süßlichen als auch die sehr negativen. Eine berühmte süßliche ist die Aussage: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das hört sich gut an, wurde Luther aber erst im 20. Jahrhundert in den Mund gelegt. Die ärgerlichste, in katholischen Kreisen selbst heute gelegentlich auftauchende Legende behauptet, Luther sei nicht aus Überzeugung ins Kloster gegangen, sondern dorthin geflohen, weil er jemanden ermordet habe. Ähnlich bösartig war das von Erasmus von Rotterdam verbreitete Gerücht, Luther habe Katharina von Bora nur geheiratet, weil er sie geschwängert habe. Der Humanist brachte dann allerdings die Größe auf, sich in einer noblen Geste für seinen Irrtum zu entschuldigen.

Die Lutherdekade dient vor allem dem Tourismus

Das zielt auf die Art und Weise ab, wie die EKD bislang die Lutherdekade inszeniert hat, ohne sich ernsthaft um die historische Realität zu kümmern. Das gilt etwa, wenn die Lutherbotschafterin formuliert, an Luther sei zu feiern, dass es heute Bischöfinnen gebe. Zwar setzt diese Entwicklung Luthers Verständnis vom „Priestertum aller Gläubigen“ voraus. Aber die Ordination von Frauen hatte Luther bei der Reformation ganz sicher nicht vor Augen. Provokativ formuliert: Luther hat die Reformation nicht vollbracht, damit Frau Käßmann mal Bischöfin werde. Solche Ableitungen gegenwärtiger Interessen aus Luthers Reformprogramm halte ich für problematisch. Ähnliches gilt für „Kirche der Freiheit“. Sicher ist dieses Reformprogramm nicht falsch, nur sollte man sich dabei nicht in einer unhistorischen Art auf Luther berufen, der ein ganz anderes Freiheitsverständnis als wir heute hatte. Seinen Freiheitsbegriff aus und in seiner Zeit zu analysieren, mit dem Ziel, unseren heutigen Freiheitsbegriff zu reflektieren und in seinen Möglichkeiten und Grenzen zu bestimmen, das wäre der richtige Umgang mit dem Erbe des Reformators. Indes sehe ich Anhaltspunkte dafür, dass die EKD-Verantwortlichen inzwischen auch sehen, dass sie das Jubiläum in einer gewissen Naivität angegangen sind und dem Jubiläum selbst noch recht hilflos gegenüberstehen.

Luther: Der Teufel ist unter uns

Ganz sicher nicht! Der Wissenschaftliche Beirat für die Lutherdekade hat dazu ein sehr differenziertes Papier geschrieben: Einerseits war Luther alles andere als tolerant, zugleich hatte die Reformation aber von Luther nicht beabsichtigte Folgen. Diese trugen zu unserem heutigen Toleranzverständnis bei. Mit der Entstehung der neuen Konfessionen setzten sich im Laufe der Jahrhunderte Religions- und Meinungsfreiheit durch, ohne dass Luther dies zum Ziel gehabt hätte. Unser Papier hat die EKD sich nicht zu eigen gemacht und nicht veröffentlicht. Stattdessen wurde in der Broschüre „Schatten der Reformation. Der lange Weg zur Toleranz“ ein Toleranzpapier in zigtausend Exemplaren verteilt, das in keiner Weise den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Geschichte der Toleranz und der Rolle der Reformatoren darin gerecht wird. Ähnlich ein Grußwort der Lutherbotschafterin im Emder Ausstellungskatalog zu dem bedeutenden Theologen Menso Alting, über dessen radikal konfessionalistische, ganz und gar intolerante Rolle man sich leicht hätte informieren können. Mit solchen Texten macht man sich unter Sachkennern lächerlich, vor allem aber vergibt man die Chance, die evangelische Position seriös in den öffentlichen Toleranzdiskurs einzubringen. Bislang haben sich die offiziell von der EKD mit der Verbreitung der Lutherbotschaft betrauten Personen an den wissenschaftlichen Ergebnissen der Reformationsforschung denkbar wenig interessiert gezeigt. Ich habe den Eindruck, dass die EKD schon glücklich ist, wenn im Jahr 2017 die Elbwiesen vor Wittenberg mit Tausenden von Menschen bevölkert sind und ein großes „Event“ stattfindet. Für mich wäre ein Reformationsjubiläum aber nur dann erfolgreich, wenn man Luther aus seiner Zeit heraus für unsere Zeit neu interpretiert. Sonst backen wir uns nur den Luther, den wir gerade haben wollen.

Luther hat keine Schuld am Holocaust

Den schon zu Lebzeiten aufgekommenen Begriff „Lutheraner“ lehnte Luther ab. In manchen theologischen und rituellen Positionen könnte er heute womöglich der römisch-katholischen Kirche nahestehen. Allerdings würde er ihr wegen seines Verständnisses des Papstamtes wohl nicht angehören.

Warum konnte sich Luther nicht benehmen?

Ein Stück weit schon. Wir vom Wissenschaftlichen Beirat haben sehr früh davor gewarnt, eine Lutherdekade und „Luther 2017“ zu feiern. Es geht um das Reformationsgedenken, das durch die Konzentration auf die Person Luthers eine mitteldeutsche Engführung erfährt, wo es doch von internationaler, ja globaler Bedeutung ist. Es fehlt an wissenschaftlicher Aufbereitung, theologischer wie historischer, und am Austausch mit Katholiken, Reformierten und den Freikirchen. Im Moment dient die Lutherdekade vor allem dem Tourismus und dem Verkauf von Devotionalien. Es gibt Luther-Brot, Luther-Bonbons und Luther-Bier …

Als der Junggeselle Vater wurde

Das darf auch sein, aber das Nachdenken über die Bedeutung der Reformation sollte dem Biergenuss vorausgehen. Sonst droht die Gefahr, dass das Reformationsjubiläum zu einem inhaltslosen Event und Jahrmarkt wird.

Luther kannte weder Freizeit noch Urlaub

Ich würde vor allem Interesse für die uns heute fremde Welt zu erwecken suchen, in der Luther gearbeitet hat. Das ist das eigentlich Aufregende! Sonst bräuchten wir uns nicht mit Ereignissen befassen, die 500 Jahre zurückliegen. Das besonders Reizvolle ist nicht der uns nahe Luther, sondern der fremde, auch und gerade für die Bestimmung unserer heutigen Glaubenspositionen. Zu den uns fremden Seiten kommen dann noch seine dunklen Seiten, die wir nicht leugnen sollten.

Luther wollte die Menschen retten

Für Luther hatten Glaube und Kirche eine alles überragende Bedeutung. Zwar sollte die Kirche selbst nicht politisch sein. Er erwartete jedoch, dass sich die Politiker für die Kirche einsetzten. Fremd ist uns auch Luthers Glaube, dass der Teufel unter uns tätig ist. Zu den dunklen Seiten gehört vor allem Luthers Haltung gegenüber den Juden, die sich von einem fast brüderlichen Verständnis in den frühen Jahren zu dem grausamen Judenhass der Spätzeit entwickelte. In einer seiner letzten Predigten, als er vom nahenden Tod schon gezeichnet ist, verlangt er von den Landesherren, dass sie die Juden „austreiben“. Ein Territorium oder eine Stadt sollten nur eine Religion haben, sonst käme es zur Katastrophe. Dieses Denken ist für uns natürlich völlig unakzeptabel.

Nein, für das, was die Nazis getan haben, müssen sie schon selbst die Verantwortung übernehmen. Zwischen Luther und dem Holocaust liegen 400 Jahre und eine bedeutende qualitative Veränderung des Antisemitismus. Luther trägt am Holocaust keine Schuld. Gleichwohl müssen Christen bekennen, dass man seine Aussagen missbrauchen konnte.

Diese Frage kommt aus einer anderen Welt. „Benehmen“ stammt aus dem bürgerlichen Bewusstsein des 19. Jahrhunderts. Wenn ich den Begriff für Luther trotzdem benutze, würde ich sagen: Luther wollte sich nicht benehmen – und er konnte es auch nicht. In seinem Selbstverständnis als Prophet war für ihn völlig klar, dass er seine Erkenntnisse direkt von Gott hatte, die er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen musste. Auf ein zartbesaitetes bürgerliches Kulturbewusstsein konnte er dabei keine Rücksicht nehmen. Zu seiner Sprachgewalt gehörten auch Fäkalbegriffe und Schimpfwörter, mit denen er seine Gegner verunglimpfte. Er hat damit weder dem Evangelium noch sich selbst immer einen Gefallen getan.

Den Teufel sah Luther auf zwei Arten gegen sich: entweder mit Gewalt gegen ihn kämpfend oder ihn anschmeichelnd. Für Luther war es daher eine Art Selbstschutz, dass er sich nicht auf Verhandlungen einließ. Zu Toleranz war Luther unfähig. Er wollte sich nicht auf Kompromisse einlassen.

Als ehemaliger Mönch konnte Luther weder mit Geld noch mit Haushaltsdingen umgehen. In Katharina fand er eine in beidem fähige Frau. Gleich zu Beginn der Ehe entsorgte sie den verfaulten Strohsack, auf dem Luther jahrelang geschlafen hatte. Für seine Kinder war Luther ein – für die damalige Zeit – fürsorglicher und liebender Vater …

Luther wurde ein Familienmensch. Seiner Frau schrieb er geradezu einfühlsame Briefe. Wenn er auf Reisen war und seine Frau sich um ihn sorgte, schrieb er zurück. „Ach Käthe, lass doch das Sorgen sein. Ich hab einen ganz anderen, der für mich sorgt.“ Im gleichen Brief – ganz typisch für Luther – berichtet er von einer Kloaken-Anekdote: Er habe auf dem stillen Örtchen gesessen und kaum dass er aufgestanden sei, habe sich ein riesiger Stein aus dem Gewölbe über ihm gelöst und sei niedergegangen. Hätte er noch gesessen, wäre er wohl tot gewesen. Für Luther war das ein Beweis, dass Gott für ihn sorgt. Allerdings: Milde wurde Luther durch seine Eheschließung nur nach innen, nach außen, im Kampf für seine Sache, blieb er so radikal wie zuvor.

Er hatte kein Fernsehen, damit wird viel Zeit verplempert. Aber im Ernst: Es gibt heute nur wenige Menschen, die so ein Pensum bewältigen würden. Am ehesten vielleicht unsere Kanzlerin, die man hier nur bewundern kann. Der große Unterschied: Angela Merkel wird im Bundeskanzleramt von mehr als 400 Mitarbeitern unterstützt. Luther hatte nur einen Famulus, der ihm beim Verfassen der Briefe half.

Wenn ihm zum Beispiel eine Gemeinde aus Danzig schrieb, hat Luther den Brief nicht an einen Sachbearbeiter übergeben, sondern das Schreiben selbst beantwortet. Luther kannte weder Freizeit noch Urlaub. Als ihn ein adliger Freund zur Jagd einlud, zog Luther sich lieber zurück und schrieb weiter an seiner Psalmenauslegung. Zudem hatte Luther die Fähigkeit, sich im abendlichen Gästekreis, beim Lautespielen oder auch beim Liederdichten zu entspannen.

Nein, nicht die Welt wollte er retten, sondern die Menschen, aber in einer ganz anderen Weise, als wir das heute verstehen. Von der Bundeskanzlerin erwarten wir, dass sie uns vor dem Schuldenberg, dem nächsten Börsenkrach oder der Klimakatastrophe rettet. Für Luther stand etwas anderes im Zentrum: Er wollte den einzelnen Menschen vor Gottes Verdammnis, dem ewigen Tod, retten. Luther interessierte sich weniger für die begrenzte Zeit auf dieser Erde und ob diese Welt zugrunde geht. Ihm ging es darum, ob der Mensch in der Ewigkeit entweder im Verderben oder in der Gottesnähe leben wird. Die Frage nach dem ewigen Seelenheil – sie hat Luther angetrieben. Auch dies ist für die meisten heute eine Botschaft aus einer fremden Welt.

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