Dienstag, 21.05.2013

20. Dezember 2012

Wirtschaftsjournalist

Deutschland ist unbarmherzig geworden

Deutschland ist unbarmherzig geworden
Der stellvertretende Chefredakteur des Handelsblattes, Michael Inacker, kritisiert den Umgang mit „gefallenen“ Politikern und Wirtschaftsführern. Foto: idea/kairospress

Berlin (idea) – Deutschland ist eine unbarmherzige Gesellschaft geworden. „Gefallene“ Politiker oder Wirtschaftsleute können in der Öffentlichkeit kaum auf Gnade hoffen. Wenn sie stürzen, dann sei dies in immer mehr Fällen endgültig, verbunden mit der Vernichtung von Ruf und beruflicher Existenz, schreibt der stellvertretende Chefredakteur des Handelsblattes, Michael Inacker (Berlin). Als Beispiele führt er unter anderen den früheren Bundespräsident Christian Wulff, den ehemaligen Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg sowie Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und den Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, an. Jenseits berechtigter Kritik an ihrem Fehlverhalten und der notwendigen juristischen Aufarbeitung werde die öffentliche Debatte „pharisäerhaft, manchmal bigott“ geführt. Inacker: „Wir legen an unser Spitzenpersonal Maßstäbe an, die wir selbst oftmals nicht erfüllen können oder wollen und die den Übermenschen fordern. Wir sind eine Gesellschaft ohne Fehlertoleranz und ohne Barmherzigkeit geworden.“

Ohne Gott fehlt Barmherzigkeit

Die Ursache sieht der Journalist in der zunehmenden Verweltlichung und einem Verlust traditioneller religiöser Werte: „Eine Gesellschaft ohne Gott ist eine Gesellschaft ohne Barmherzigkeit.“ Wer in Ungnade falle, habe kaum Chancen auf Rehabilitierung. Hingegen wisse eine christliche Gesellschaft um die Fehlbarkeit des Menschen: „Sie will nicht den Übermenschen, sondern setzt auf Reue und Vergebung.“ Wer bereue, könne im Christentum auf eine zweite Chance hoffen.

AEU: Zweite Chance setzt Reue voraus

Der Geschäftsführer des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Stephan Klinghardt (Karlsruhe), nahm auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea zu dem Handelsblatt-Artikel Stellung. Zwar benenne Inacker mit dem Hinweis auf die Erosion der christlichen Prägung eine wichtige Ursache für den gnadenlosen Umgang mit gescheiterten Funktionsträgern, doch müsse man fragen, „ob unsere Gesellschaft früher wirklich ‚fehlertoleranter und barmherziger’ war“. Die von Inacker geforderte „zweite Chance“ in der öffentlichen Meinung setze - wie auch im persönlichen Verhältnis zu Gott - Reue, Buße und Umkehr voraus. Anders als die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin Margot Käßmann nach ihrer Trunkenheitsfahrt im Februar 2010 hätten die „gefallenen Engel“ in Politik und Wirtschaft ihre Reue und Umkehr „nicht hinreichend wahrnehmbar und glaubwürdig zu erkennen gegeben“, so Klinghardt. Der AEU ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer, Manager und Führungskräfte. Er beteiligt sich unter anderem an der kirchlichen Meinungsbildung zu wirtschafts- und sozialethischen Fragen. Als Vorsitzender amtiert der Münchner Unternehmensberater Peter F. Barrenstein, der auch der EKD-Synode angehört.

9 Leserkommentare
StSDijle | 25.12.2012 um 18:02 Uhr

Was mich wundert: warum ist bei IDEA nichts über das Problem der MUT GmbH mit ihrem Berliner Obdachlosen-Zentrum zu hören. Ich würde erwarten, dass die Meisten mit der Entscheidung der Kirche nicht einverstanden sind. Warum bekommt das keine Sichtbarkeit?

milan | 22.12.2012 um 18:09 Uhr

Herr Dijle, bedauerlicherweise wird die Bibel, wenn überhaupt, dann nur sehr selten geöffnet, oder täglich ein Verslein gelesen und noch nie die ganze Bibel. Solche Menschen kennen das Wort besonders gut. Mich hat einmal ein Kanadischer Pastor beeindruckt mit der Aussage, dass er die Bibel 6 mal im Jahr vollständig lese. Das bedeutet 18 Kapitel pro Tag im Durchschnitt. Natürlich geht es nicht um die Menge. Sie können sich vorstellen, dass die Israeliten die Heiligen Schriften auswendig lernten, halt durch ständiges wiederholen. --- Beim Richten in der Bibel muss man zwischen zwei Weisen unterscheiden: - der persönlichen Anklage, wie sie gegen selbst oder gegen Menschen in seinem Beisein erhoben wurden, letzteres um seine Reaktion auszuschlachten. - jeder der sich als Christ bezeichnet, muss sich anhand der Schrift messen lassen, ob er im Wort oder außerhalb des Wortes ist. Das dient der Ermahnung zwecks Umkehr. Sie lesen von mir teils heftige Feststellungen, die auch schon mal als Richten bezeichnet wurden. Das interessiert mich herzlich wenig, denn die Bibel ist voll von solchen Beispielen. Wer nicht umkehrt, der hat sich bereits selbst gerichtet. --- Herr Dijle, ich bin hocherfreut über die Tatsache, dass es in diesem Portal einige Christen gibt, die ohne Blatt vor dem Mund die Wahrheit sagen. Da könnte sich so mancher Heuchler ein Beispiel nehmen, oder auch so mancher Bischof. Was mich so anwiedert ist das laue Scheinchristentum, das im Rampenlicht gelebt wird. Vom Geist Gottes ist da weit und breit keine Spur. Es handelt sich de facto nicht um Christen sondern um Scheinheilige. Solche Menschen hat Johannes der Täufer Otterngerücht gerufen. Jeshua wurde sogar handgreiflich. Er machte sich aus Seil eine Peitsche und trieb die Händler aus dem Tempel (Vorhof) heraus. --- Sollten Sie einmal die Bibel mit einem Offenen Herzen lesen, werden sie erstaunt, wie interessant sie stellenweise ist. Nachdem ich die Bibel zwölf mal gelesen hatte, habe ich aufgehört zu zählen. Doch kommt es immer wieder vor, dass ich meine diese oder jene Bibelstelle noch nie gelesen zu haben. Ich segne Sie im Namen Jeshua Adonai.

StSDijle | 22.12.2012 um 10:47 Uhr

Milan: Die Sache ist aber die: Ich verstehe schon, dass es leere Hülsen gibt, aber dürfen Sie darüber urteilen? Dürfen Sie sagen, wer Christ ist und wer nicht? Soweit ich die Bibel verstanden habe, nicht. Aber ich kann mich irren.

milan | 21.12.2012 um 11:29 Uhr

Herr Dijle, Sie können getrost zur Kenntnis nehmen: so wie es leere Streichholzschachteln, leere Pralinenpäckchen und leere Weinflaschen gibt, hat es auch leere christliche Organisationen, nämlich leer an Gottes Gegenwart, leer an Gottes Liebe, leer an Gottes Taten. An den Taten werdet ihr sie erkennen. Und diese Sprache versteht sowohl jeder Atheist, als auch jeder Andersgläubige.

StSDijle | 21.12.2012 um 09:51 Uhr

Lieber milan. Wie viele Christen gibt es Ihrer Meinung nach in Deutschland? Und auf der Welt? Sind Sie selbst einer? Wie können Sie das überprüfen? Wenn sie sagen, dass jemand, der sich Christ nennt, kein Christ ist, urteilen Sie dann? Hat Jesus nicht gesagt: "der, der ohne Schuld ist werfe den 1. Stein"? War das nicht der Aufruf nicht zu urteilen?

milan | 20.12.2012 um 23:24 Uhr

Herr Dijle, das haben Sie sehr treffend bemerkt. Zudem fehlt, wie schon ebenfalls bemerkt wurde, gänzlich die Reue ohne die es niemals Gottes Gnade geben wird. Das an die Bibel leicht angelehnte westliche Wertesystem wird meist nur einseitig angewandt, nämlich um Vorteile daraus zu schöpfen, Verpflichtungen werden geflissentlich übersehen. Was können wir doch für Heuchler sein! --- Von Heuchlern aber spricht die Bibel, dass sie Gottes Reich nicht erben werden. Sie werden nicht Söhne und Töchter des Allerhöchsten geheißen werden. --- Insbesondere den Damen und Herren Politiker darf man getrost sagen, wenn sie ihre Mitgliedschaft in einer Kirche zum Aushängeschild ihrer Glaubwürdigkeit machen: zeigt doch zuerst die Früchte eurer Bekehrung! Das Problem jedoch ist, dass die wenigsten christlichen Menschen überhaupt sich jemals bekehrt haben. Das bedeutet de facto, dass sie trotz Mitgliedschaft in einem Verein bzw. Körperschaft des öffentlichen Rechts keine Christen sind. --- Der Glaube kommt aus der Predigt; die Predigt aus dem Wort; das Wort aber von Gott. Wer tatsächlich glaubt, bekehrt sich. Folglich: wer sich nicht bekehrt, glaubt nicht. Wer aber glaubt, lässt sich taufen. Das schließt jedoch die Babytaufe aus. Apostel Paulus taufte die gläubigen Christen von Ephesus ein zweites Mal, weil die erste Taufe nicht richtig war (APG 19). Beurteilt man Taten und Worte, wird man erkennen, dass die wenigsten christlichen Politiker und selbst Kirchenfürsten, gar keine Christen sind; denn die Bibel sagt, an ihren Werken werdet ihr sie erkennen. Amen. --- Es geht dabei nicht darum, jemanden zu verurteilen. Jeder Christ muss sich an den Maßstäben des Wortes Gottes messen lassen. Wer umkehrt, bekommt Gnade. Wer nicht umkehrt, eben nicht. Wem das nicht passt, der sollte sich erst einmal bekehren; dann wird er verstehen, wie gerecht das Wort Gottes ist. Es forderte seit jeher Blutopfer zur Sühne. Und Jeshua wurde zum letzten Blutopfer, damit alle, die an Jeshua glaubten vom Blutopfer, der Verdammnis frei würden. Wer bekennt sich also gemäß Römerbrief an Jeshua? Ja, dann sprich es so aus und ich taufe dich im Namen Jeshua, wenn es nicht anders geht, per Videokonferenz, zuhause in der Badewanne und ich am Bildschirm. --- Den Aufschrei, den ich jetzt höre, gebe ich sofort an meinen Herrn und Erlöser weiter und ich segne jeden Leser im Namen Jeshua Adonai.

StSDijle | 20.12.2012 um 19:39 Uhr

Noch mehr christliche Barmherzigkeit: Kirchliches Verwaltungsamt kündigt nach geplantem Trägerwechsel überraschend langjähriges Mietverhältnis. (Berlin, 20.12.2012) Über elf Jahre lang diente die Arzt- und Zahnarztpraxis sowie Tagesstätte für Obdachlose und Bedürftige der MUT GmbH am Stralauer Platz 32 am Berliner Ostbahnhof als wichtige Anlaufstelle für Menschen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Nach diesem Winter droht diese Anlaufstelle wegzufallen, da das Kirchliche Verwaltungsamt Berlin Mitte-Nord uns als aktuellem Träger der Einrichtung nach der Ankündigung eines Trägerwechsels den Mietvertrag zum 31. Juli 2013 gekündigt hat.

Demokrit | 20.12.2012 um 18:07 Uhr

Und wieder glaubt ein einzelner Mensch alle Deutschen zu kennen, er spricht ohne Differnzierung von der dt. Gesellschaft. Der Fall Wulff liegt gerade mal ein Jahr zurück, woher weiß Herr Inacker, dass Wulff nie wieder eine öffentliche Position innehaben wird? Man kann darüber streiten, ob jemand 3, 5 oder 10 Jahre lang erstmal nur Positionen unter Aufsicht bekommen sollte, mit einem Rücktritt sollte aber auch immer eine Zeit ohne jegliche öffentliche Position verbunden sein. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Verfehlungen, muss sich Vertrauen erarbeiten und das geht nur, wenn er eine gewisse Zeit unter Beobachtung arbeitet. Jemand, der neu in eine Partei eingetreten ist, wird auch nicht gleich Generalsekretär - auch wenn er es bei einer anderen Partei schon war oder eine ähnliche Position innehatte, auch er muss sich Vertrauen erarbeiten. Eine Karenzzeit nach einer Verfehlung ist keine willkürliche Strafe. Inacker vergisst, dass die Parteien von Wulff und zu Guttenberg die Möglichkeit gehabt hätten, beide bei sich zu behalten, auf einem Beraterposten oder in der Verwaltung der Partei hätten sich beide ganz bequem Vertrauen erarbeiten können. Man kann nicht die gesamte dt. Gesellschaft für den Umgang der Parteien mit den beiden Personen verantwortlich machen. Auch eine säkulare Gesellschaft weiß um die Fehlbarkeit des Menschen, dazu muss man sich nur die Diskussion um Hartz IV-Sanktionen, Burnout und Armut ansehen. Ob Regeln nun von Gott gegeben sind oder vom Menschen erarbeitet wurden, ist oft nicht das Problem, sondern die Einhaltung der Regeln.

StSDijle | 20.12.2012 um 15:43 Uhr

Wer der Genannten wurde ans Existenzminimum getrieben? Wie viele Ex-Kirchenmitarbeiter wurden auf die Straße gesetzt, weil sie jmd anderes lieben als es in die kirchliche Wertvorstellung passt? Wer davon lebt nun wirklich in Armut?

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