Helmut Matthies

Rückblick auf eine ungewöhnliche Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende: „Wir sind doch evangelisch“

Helmut Matthies

26. Februar 2010

Kein höchster Repräsentant der evangelischen Volkskirche in Deutschland hat bislang so kurz amtiert und keiner wurde so kontrovers beurteilt wie Margot Käßmann, ganze 120 Tage im Amt. Während die grün-alternative „tageszeitung“ (taz,Berlin) schrieb: „Käßmann bewegte in ihrer Amtszeit mehr als ihr Vorgänger (Wolfgang Huber) in sechs Jahren“, meinte die „Rheinische Post“: Die Amtszeit der Ratsvorsitzenden der EKD sei „glücklos“ gewesen. Was Linke erfreute, empfand das bürgerliche Blatt aus Düsseldorf als kritikwürdig. So habe die russisch-orthodoxe Kirche nach ihrer Wahl die Gespräche mit der EKD abgebrochen, die Polemik Käßmanns gegen den Afghanistan-Einsatz habe provoziert und ihre Schelte für den Papst die Katholiken erzürnt. Ein Rückblick nicht nur auf die letzten Tage.

„Ich fahre NIE mit Alkohol, es war eine so unglückliche Verquickung von Umständen und so megapeinlich. Ich hätt’ gern ein Loch zum Versinken …“ Wer könnte nicht diese überaus verständliche Reaktion von Landesbischöfin Käßmann nachvollziehen, die sie per SMS engen Freunden Anfang der Woche zuschickte? Wer wünschte sich nicht, eine solche Situation – mit 1,54 Promille, also volltrunken, von der Polizei erwischt zu werden – ungeschehen machen zu können? Gnadenlos brachte Deutschlands Massenblatt „Bild“ am 23. Februar jedes Detail an die Öffentlichkeit. Doch auch der „schlimme Fehler“ – wie Frau Käßmann sofort zugab – hat zwei Seiten. Sie hätte beim Überfahren einer roten Ampel in Hannover auch mit einem anderen Pkw zusammenstoßen oder gar Fußgänger überfahren können. Der österreichische Politiker Jörg Haider hatte mit 1,8 Promille nicht wesentlich mehr Alkohol im Blut, als er 2008 mit seinem Auto tödlich verunglückte. Dass das bei ihr nicht eintraf, ist – bei allem Unglück – ein Grund, Gott zu danken.

War die Leitung der EKD nicht einig?

Gleich nach dem Vorfall war Margot Käßmann zum Rücktritt entschlossen, wurde dann aber im Kirchenamt der EKD in Hannover „bearbeitet“, es nicht zu tun. Die „Süddeutsche Zeitung“: „Am Dienstagabend stand ihr Entschluss fest: Sie tritt nicht zurück.“ Als das Blatt am Mittwoch zu kaufen war, sah es bald anders aus. Wie kam es nun doch zum Rücktritt? In einer Telefonkonferenz hatte sich die Leitung der EKD, der Rat, einschließlich Käßmanns, beraten, was zu tun sei. Laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hätten nur “ganz wenige” den Verbleib Käßmanns im Amt in Frage gestellt oder ihn nicht für möglich gehalten. Aber entscheidend ist: In der Pressemitteilung der EKD steht nicht, man habe sie ermutigt weiterzumachen. Stattdessen heißt es: „In ungeteiltem Vertrauen überlässt der Rat seiner Vorsitzenden die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll.“ Margot Käßmann sollte also allein entscheiden.

Stürzte “Bild” Käßmann?

Vermutlich aber dürfte für ihren Entschluss, zurückzutreten, gravierender gewesen sein, dass die „Bild“-Zeitung am Mittwochmorgen titelte „Sie war nicht allein im Auto“: „Auf dem Beifahrersitz ihres Dienstwagens saß ein unbekannter, männlicher Begleiter.“ Wer „Bild“ kennt, musste jetzt eine Schmutzkampagne erwarten. Das alles wollte sich Margot Käßmann vermutlich dann nicht auch noch antun. “die tageszeitung” schrieb dazu: “In Kirchenkreisen machen Gerüchte die Runde, die ‘Bild’-Zeitung habe die bisherige hannoversche Landesbischöfin mit bisher zurückgehaltenen Informationen unter Druck gesetzt.”

„Bild“ hat auf jeden Fall entscheidend zum Sturz der ersten Frau im Ratsvorsitz beigetragen – das Blatt, in dem sie ein Jahr lang Woche für Woche im Niedersachsenteil einen Kommentar schrieb und damit mithalf, Deutschlands Schmutzblatt einen Anstrich von Seriosität zu verleihen. Doch auch die seriöse FAZ kam am Mittwoch nicht ohne Häme aus: „War auch ein bisschen viel in letzter Zeit, erst seit Ende Oktober im Amt und gleich so viele Attacken, Ausfälle und Fettnäpfe, nichts ausgelassen, ständig in alle Mikros und Kameras mahnen, und dann die permanenten Korrekturen und War-nicht-so-gemeints – Frauenpriestertum ist alles andere als ein Spaziergang.“ Schaut man sich das Medienecho nach ihrer beeindruckenden Rücktrittserklärung (”Bild” plötzlich heuchlerisch: eine “tapfere Frau”) an, so sind sich so gut wie alle einig, dass es wohl keinen anderen Weg gab als den, den sie eingeschlagen hat, zumal auch zuvor kein bekannter Bischof sie öffentlich zum Bleiben aufgefordert hatte.

Keiner faszinierte wie sie

Mit Margot Käßmann „verliert die Kirche ihren faszinierendsten religiösen Akteur“ (so die FAZ am Donnerstag, die sie tags zuvor noch mit Häme überschüttet hatte). Tatsächlich konnte sie Fans wie Kritiker immer wieder überraschen. Wer bei ihrem Amtsantritt als hannoversche Landesbischöfin 1999 erwartete, dass künftig eine Feministin die Szene beherrscht, sah sich nicht selten getäuscht. Sie legte gegenüber idea stets Wert darauf, nicht mit ihrer feministischen Hamburger Bischofskollegin Maria Jepsen und ihrer einstigen Lübecker Kollegin, Bärbel Wartenberg-Potter, in eins gesetzt zu werden. Feministin wollte sie nicht sein, auch wenn sie manche Forderungen aus dieser Richtung übernahm – von der Ausweitung der Ganztagsbetreuung von Kleinkindern und der Berufstätigkeit der Mütter bis hin zur Leugnung der Jungfrauengeburt Jesu (eine Irrlehre, die sie erfreulicherweise in den letzten Jahren nicht mehr wiederholte). Dazu gehört leider auch ihre Förderung der “Bibel in gerechter Sprache”, die den Wortlaut der Bibel teilweise erheblich verfälscht.

Sie konnte vieles sein

Mehr als viele Kollegen im Leitungsamt stellte sie jedoch die Bedeutung Jesu Christi heraus. Welcher Bischof hat in den letzten Jahren in all dem „Wir glauben doch alle an einen Gott“-Geschwätz mal öffentlich in einem Interview bekannt: „Ich bin der Meinung, ein Mensch muss an Christus glauben, um in den Himmel zu kommen.“

Für sie war auch die leibliche Auferstehung Jesu nie ein Problem, sondern die Basis ihrer Theologie. Wie kaum eine andere Leitungsperson grenzte sie sich von daher vom Islam ab. Noch vor wenigen Wochen hat sie Liberale und Linke mit den Worten irritiert, man solle eine Kirche eher verfallen lassen, als sie Muslimen zum Umbau in eine Moschee zu übergeben. Was verblüffte, war ihre Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber Kritik, was ansonsten in der Kirche – und noch viel mehr im evangelikalen Lager – höchst ungewöhnlich ist. Als ein sehr enger Weggefährte sie wegen ihrer Afghanistanäußerung öffentlich kritisierte, antwortete sie ihm, das sei für sie überhaupt kein Problem. Jeder dürfe sie kritisieren: „Wir sind doch evangelisch.“ Die andere Seite ist ihre grenzwertige Eitelkeit und Ich-Bezogenheit. In den letzten Wochen fiel sie auch auf durch ein übersteigertes Selbstbewusstsein, was Medien nicht ganz zu Unrecht veranlasste, von Starallüren zu sprechen. Sie schien nicht mehr im Blick zu haben, dass sie allein nicht die EKD ausmacht. So hat ihre maßlose Papstkritik auch manche Protestanten peinlich berührt. Insgesamt wirkte sie in vielem überzeugender, als sie „nur“ hannoversche Landesbischöfin und nicht auch noch Ratsvorsitzende war. Obwohl sie auch in ihrer Landeskirche manchmal unnötig intolerant sein konnte. Wer beispielsweise gegen die Frauenordination war, durfte nicht Pfarrer werden (dabei ist sogar einer ihrer Vorgänger im Ratsvorsitz, der bayerische Landesbischof Hermann Dietzfelbinger (1967-1973), gegen Frauen im Pfarramt gewesen).

Theologie wichtiger als Ethik?

Es gab viel Kritik, als der Autor dieses Kommentars in einem Interview mit der Internetausgabe des „Spiegels“ sagte: „Wenn Frau Käßmann jetzt mit ihrem Fehler gut umgeht, könnte das ein besseres Vorbild sein als ein Rücktritt, der hilft niemandem.“ Dass ich als Evangelikaler nicht sofort ihren Abgang gefordert habe (während Käßmanns Kollegen öffentlich schwiegen), wurde nicht verstanden. Nach meinem Verständnis des Neuen Testamentes ist ethisches Versagen schlimm. Viel schlimmer aber erscheint mir, wenn die wichtigste Person für Kirche und Christen, nämlich Jesus Christus, kleingemacht oder gar verschwiegen wird. Da ist ein Bischof (der Name spielt hier keine Rolle), der die Elite seiner Stadt zu einem Essen zusammenruft und über das Gewissen redet. Auf die Frage eines Unternehmers – ob es reicht, ein gutes Gewissen zu haben, damit man in den Himmel kommt – antwortet der Bischof tatsächlich: „Wir brauchen gar nichts zu tun. Gott hat schon alles getan.“ Das könnten Heiden konsequenterweise auch so verstehen: „Wir brauchen also gar nicht Christen zu werden …“ Kein Wort des Bischofs von Jesus Christus. Obwohl sich an ihm tatsächlich entscheidet, wo man die Ewigkeit zubringt, hat er selbst doch gesagt (Matthäus 10,32-33): „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Hat ein solcher Bischof (und hier könnte auch Bischöfin oder Präses bzw. Kirchenpräsident stehen), der der Elite seiner Stadt damit die Möglichkeit verweigert hat, sich mit der entscheidenden Person der Weltgeschichte auseinanderzusetzen, nicht mehr versagt als jemand, der volltrunken bei Rot über eine Ampel fährt – obwohl dies natürlich ein schlimmes Vergehen ist?

Die geheimen Sünden

Und ein Weiteres: Es gibt Sünden, die werden öffentlich, und andere bleiben ungenannt. Frau Käßmanns Fehler wurde durch „Bild“ an den Pranger gestellt. Ich habe vor mir einen anderen Bischof, der öffentlich für den Mindestlohn eintritt, aber jahrelang seine Putzhilfe schwarz beschäftigte und sie dann entließ, statt sie anzumelden. Oder einen Kirchenleiter, der im Ruhestand zur Koordination von Vortragsanfragen eine Agentur eingeschaltet hat, bei der die zweite Frage nach der des Termins lautet: „Welches Honorar zahlen Sie denn?“ (Der gleiche Bischof (mit einer dicken Pension) lobte am Ende seiner Amtszeit die Ehrenamtlichen, weil sie unentgeltlich in Gemeinden und kirchlichen Werken ihren Dienst tun.) Oder da ist der Bischof, der einen idea-Redakteur telefonisch und schriftlich in einem hysterischen Anfall schwerst bedrohte wegen eines vermeintlichen Fehlers. Obwohl er nur wenige Tage später erfuhr, dass er sich total geirrt hat, schaffte er es bis heute – fast drei Jahre danach – nicht, sich zu entschuldigen, ruft aber in Ansprachen ständig andere zur Umkehr auf. Warum veröffentlicht idea so etwas nicht? Weil wir keine Skandalnachrichtenagentur sein wollen!

Das kirchliche Grundproblem

Am Fall Käßmann wird eine Grundproblematik des deutschen Protestantismus der letzten Jahre deutlich, die Landes- wie Freikirchen betrifft: Wir sind von einer Kirche, die in erster Linie die Frohe Botschaft zu verkünden hat, dass in Jesus Christus der wahre Sinn für das Leben eines jeden Menschen liegt, weithin zu einer Kirche verkommen, die öffentlich nur noch bekannt ist durch permanente Appelle und Forderungen (– allermeist politischer Art). Das Beispiel Käßmann zeigte es: So gut wie jede Zeitung brachte verständlicherweise alle ihre kritischen Aussagen zum Thema Alkohol im Straßenverkehr, die sie in den letzten Jahren gemacht hat. Und entsprechend wird jede Leitungsperson – ja letztlich jeder Christ – an den hohen Messlatten gemessen, die aufgestellt werden.

Sollte die Kirche also nun nicht mehr appellieren und fordern? Natürlich nicht! Auch Jesus Christus hat zur Buße gerufen. Aber das Entscheidende war: Er hat in erster Linie gerufen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium Gottes“ (Markus 1) – also in erster Linie ein Geschenk und kein abzuarbeitender Leistungskatalog. Und wenn die Kirche diesen Ruf zum Evangelium wieder mehr rausstellte und weniger die ständigen Forderungen an andere, würde sie glaub-würdiger. Denn vieles von dem, was sie verlangt, erfüllt sie selbst nicht, angefangen vom seit langem selbst gesteckten Ziel, 2 % ihrer Kirchensteuereinnahmen für die Entwicklungshilfe zu geben. So bleiben ihr eben Schlagzeilen nicht erspart wie jetzt: „Wer Wasser predigt …“ (aber heimlich Wein trinkt).

(Der Autor, Helmut Matthies (Wetzlar), ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, die das Wochenmagazin ideaSpektrum herausgibt.)

Wolfgang Polzer

Was Käßmanns Rücktritt bedeutet

Wolfgang Polzer

25. Februar 2010

Wer hätte das gedacht: Ende Oktober wurde Margot Käßmann noch als neue EKD-Ratsvorsitzende umjubelt und mit vielen Erwartungen überhäuft. Und nach nicht einmal vier Monaten ist schon alles aus. Rücktritt als Ratsvorsitzende und hannoversche Landesbischöfin wegen einer kapitalen Dummheit, die sie selbst am meisten bereut. Aber eine Alkoholfahrt mit 1,5 Promille ist eben kein Kavaliersdelikt. Sie selbst meint, dass dadurch ihre Autorität als „moralische Instanz“ beschädigt ist. Der Abgang der charismatischen Mahnerin ist ein herber Verlust nicht nur für die evangelische Kirche, sondern für ganz Deutschland.

Es gibt viel zu tun

Was nun? Auf der Reformbaustelle der EKD gibt es noch viel Arbeit. Der Arbeitersohn und rheinische Präses Nikolaus Schneider, der die Amtsgeschäfte als Käßmanns zumindest vorübergehend übernimmt, wird die Aufgaben beherzt anpacken. Inhaltlich unterscheidet ihn von Käßmann nicht allzu viel. Auch er ist fromm und sozialpolitisch engagiert. Vor allem gilt es, die Reform der Kirche voranzubringen. Die wichtigste Aufgabe bleibt: Das Evangelium muss unter die Leute.

Bernhard Limberg

Die menschliche Seite berücksichtigen

Bernhard Limberg

24. Februar 2010

Zur Alkoholfahrt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann wurde auch Helmut Matthies, Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, befragt. Der Spiegel schreibt:

spiegelonline_logo

“Die menschliche Seite berücksichtigen”

Die Reaktionen aus den eigenen Reihen fielen bislang überwiegend moderat aus. Sogar als Hardliner bekannte Vertreter der evangelischen Kirche zeigen Verständnis und stärken Käßmann den Rücken.

“Man muss die menschliche Seite sehr stark berücksichtigen”, sagte Helmut Matthies, Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur Idea. “Auf der Ratsvorsitzenden lastet unglaublich viel Verantwortung.” Gerade solchen Menschen gegenüber müsse man barmherzig sein, sagte Matthies SPIEGEL ONLINE. Er schätze Frau Käßmann und ahne, was ihr Amt mit sich bringe.

“Falls es kein prinzipielles Alkoholproblem sein sollte – und davon gehe ich aus – dann ist dies kein Grund für einen Rücktritt”, so der Idea-Chefredakteur weiter. Natürlich könne man sich fragen, wieso die Ratsvorsitzende kein Taxi genommen habe – aber sie habe sich entschuldigt und gezeigt, wie unangenehm ihr die ganze Sache sei. “Wenn wir erwarten, dass jeder wegen solcher Sachen zurückträte – wer wäre dann noch in Amt und Würden?”

Als Theologe sieht Matthies in dem Vorfall sogar eine Chance: “Wenn Frau Käßmann jetzt mit dem Fehler gut umgeht, könnte das ein besseres Vorbild sein, als ein Rücktritt – der hilft niemandem.” Die Ratsvorsitzende müsse jetzt ganz offen sein – sich also zu dem Fehler bekennen und ein Zeichen setzen, beispielsweise einer entsprechenden Organisation eine Spende zukommen lassen.

Margot Käßmann erklärt ihren Rücktritt. Screenshot: Tagesschau.de

Margot Käßmann erklärt ihren Rücktritt. Screenshot: Tagesschau.de

Um 16 Uhr gab Margot Käßmann ihren Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern bekannt. Sehen Sie hier Ihre Erklärung. Den Wortlaut können Sie hier nachlesen.

Tobias-Benjamin Ottmar

Lob für rheinisches Papier zum Kreuzestod

Tobias-Benjamin Ottmar

22. Februar 2010

Gut ein Jahr nach dem Streit um mehrere Morgenandachten im WDR hat die rheinische Kirche nun eine Orientierungshilfe verabschiedet. In dem Papier mit dem Titel “Aus Leidenschaft für uns” wird sich mit der Bedeutung von Jesu Tod am Kreuz auseinandergesetzt. Der frühere Bonner Superintendent Burkhard Müller hatte im vergangenen Jahr mehrfach die Vorstellung von Jesu Tod als notwendiges Ereignis zur Vergebung der Sünden abgelehnt. Er löste damit eine bundesweite Debatte aus. Zu den schärfsten Kritikern von Müller gehört der Bonner Theologieprofessor Ulrich Eibach. Lesen Sie hier die komplette Stellungnahme, in der er das nun veröffentlichte Papier lobt.

Bernhard Limberg

Toleranz bis zum Tode

Bernhard Limberg

20. Februar 2010

Heute erschien ein bemerkenswerter Kommentar von Sven Gösmann in der Rheinischen Post, der sich vor dem Hintergrund der Entfernung von Kreuzen aus Gerichtssälen mit einer falsch verstandenen Toleranz beschäftigt:

Wir tolerieren uns zu Tode
VON SVEN GöSMANN

Es sind nur Einzelfälle, könnte man sich trösten: der Kindergarten, der mit Rücksicht auf nichtreligiöse Eltern seinen Zöglingen die “Weihnachtsgeschichte ohne christlichen Hintergrund” nahebringen möchte – mit Coca-Cola-Weihnachtsmann statt Jesus Christus.

[...]

Oder die Düsseldorfer Richter, die nicht mehr länger unter Kreuzen urteilen möchten, da sich ein Prozessbeteiligter gegebenenfalls gestört fühlen könnte. [...]

In mittlerweile trauriger Häufigkeit beschäftigen Ereignisse wie die genannten die Öffentlichkeit. Der Eindruck drängt sich auf, dass aus der Ausnahme eine Regel geworden ist. Aus falsch verstandener Toleranz heraus verdrängen wir wichtige Symbole unserer Werte und damit auch die Werte selbst aus dem öffentlichen Raum.

Wer aber so argumentiert, verwechselt Standpunktlosigkeit mit Toleranz. Wenn die Mehrheitsgesellschaft in zentralen Fragen nicht mehr den aus dem Christentum abgeleiteten Wertekanon als Fundament des Zusammenlebens akzeptiert, gibt sie sich zugunsten der Beliebigkeit auf. [...]

Bernhard Limberg

Heirat 2.0

Bernhard Limberg

19. Februar 2010

Im New Yorker Apple Store auf der Fifth Avenue haben sich Josh und Ting Li das Ja-Wort gegeben. Auf die Idee kam die Braut, nachdem ihr Gatte, der sich als Atheist bezeichnet, gesagt hatte, dass Apple seine Kirche sei. Sie organisierte über soziale Netzwerke einen “Flashmob” (damit sind vereinbarte “spontane” Menschenversammlungen an meist öffentlichen Orten gemeint) für diese Hochzeit. Der Priester las, lässig mit Rollkragenpullover bekleidet (was wohl an Apple-Chef Steve Jobs erinnern sollte), das Eheversprechen von seinem iPhone ab. Die Ringe waren an einem iPod befestigt.

Tobias-Benjamin Ottmar

Der Streit ums Kreuz

Tobias-Benjamin Ottmar

18. Februar 2010

Seit dem Tod Jesu (und seine anschließende Auferstehung) gibt es immer wieder Debatten ums Kreuz. Neuster Fall: Die Diskussion um die Entscheidung des Düsseldorfer Amts- und Landgerichts, die Kreuze abzuhängen. Obwohl nur noch in einem Bruchteil der Gerichtssäle in NRW das christliche Symbol hängt, brach eine Welle des Protests los; vor allem die Kirchen und Politiker der CDU kritisierten die Entscheidung. Allerdings ist zu fragen: Was bringt uns ein christliches Symbol, wenn kaum einer noch um dessen Bedeutung weiß? Was bringt das Kreuz im Gerichtssaal, wenn die christlichen Wurzeln – von denen so oft die Rede ist – längst schon abgestorben sind? Das sind sicherlich provokante Fragen, die aber in dieser Debatte gestellt werden müssen. Das Festhalten an einem christlichen Symbol reicht alleine nicht aus. Viel wünschenswerter wäre, dass jeder Richter und jede Richterin im Land, aber auch jede/r Angeklagte weiß, dass er sich mit seinem Handeln nicht nur auf Erden, sondern vor Gott verantworten muss. Ein Kreuz mag daran erinnern; aber auch nur, wenn man weiß, dass Jesus an diesem Kreuz die Schuld der Welt auf sich genommen hat.

Tobias-Benjamin Ottmar

Drei mutige Pfarrer

Tobias-Benjamin Ottmar

14. Februar 2010

Den Protest der Kirche „gegen Rechts“ ist man gewöhnt. Dass nun drei Pfarrer den Mut zeigen, sich auch einmal kritisch mit der Partei „Die Linke“ auseinanderzusetzen, ist zu begrüßen. Was ist geschehen? Bei einer Holocaust-Gedenkfeier im Deutschen Bundestag war die Abgeordnete Sevim Dagdelen (Die Linke) nach der Rede von Friedensnobelpreisträger Schimon Peres nicht – wie die meisten anderen Parlamentarier – aufgestanden, um dem israelischen Staatspräsidenten für seine Rede Respekt zu zollen. Stattdessen blieben sie und zwei weitere linke Abgeordnete sitzen. Dafür zog Dagdelen – die den Wahlkreis Bochum vertritt – nun den Zorn von drei westfälischen Pfarrern auf sich. In einem Offenen Brief kritisierten sie das Verhalten von Dagdelen scharf und stellten klar, dass sie künftig in ihren Kirchen unerwünscht sei.

Solche kritischen Töne von Seiten der Kirche gegenüber Vertreter der Linkspartei sind neu. Viel zu oft vermieden in der Vergangenheit andere Kirchenvertreter die kritische Auseinandersetzung mit der SED-Nachfolgepartei. Während Veranstaltungen mit Rechtsextremen stets zu Recht tabu waren, wurden gleichzeitig Politiker der „Linken“ zu kirchlichen Diskussionen eingeladen. Dass die Kritik an Dağdelen nun von drei Pfarrern kommt, die eher als liberal gelten, überrascht. Es zeigt aber umso deutlicher, dass „Die Linke“ insbesondere in Nordrhein-Westfalen immer mehr ins Extreme abgleitet. Sicherlich kann man sich auch kritisch mit der Politik Israels auseinandersetzen. Dafür ist aber eine Gedenkstunde, die an die Millionen Opfer des Holocaust erinnert, der falsche Ort. Hier ist Solidarität mit den Trauernden gefragt! Dass Verhalten von Dağdelen und Co. war keine spontane Reaktion auf einzelne Teile der Rede, sondern ein gezielter Protest. Er ist ein Indiz dafür, welcher Geist wieder verstärkt in der SED-Nachfolgepartei weht. Bleibt zu hoffen, dass auch die Kirche insgesamt erkennt, auf welchem Weg sich „Die Linke“ begibt, und künftig so mit ihr umgeht, wie mit rechtsextremen Parteien.

Bernhard Limberg

Begründungspflicht

Bernhard Limberg

1. Februar 2010

In einem ausführlichen Interview in der “Welt am Sonntag” (31.1.2010) hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch zu der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann geäußert:

Zur Kritik der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Afghanistan-Einsatz sagte Merkel: “Die Position von Bischöfin Käßmann ist die eines Teils meiner Kirche. Der Rat der EKD hat im Oktober 2007 eine interessante Denkschrift zum Thema veröffentlicht, die militärische Gewalt zwar nicht ablehnt, sie aber an sehr hohe Hürden knüpft. Diese Position erlegt uns eine besondere Begründungspflicht auf.” Damit müsse die deutsche Demokratie leben können. Im Übrigen habe der CDU-Bundesvorstand unlängst “eine gute Diskussion mit Frau Käßmann geführt. Ich weiß, dass sie jenseits aller Meinungsunterschiede sich über jede Mädchenschule in Afghanistan freut. Wir sollten jeden respektieren, der diesen Einsatz ablehnt, wie auch die, die ihn für notwendig halten”, sagte die Bundeskanzlerin.

Tobias-Benjamin Ottmar

Fragwürdige Imagekampagne

Tobias-Benjamin Ottmar

27. Januar 2010

Der Bezug zu religiösen Inhalten ist in der Werbung schon lange ein beliebtes Stilmittel. Doch bei der neuen Imagekampagne des Deutschen Handwerks musste ich schon stutzen. In großen Lettern las ich auf einem Plakat: “Am Anfang waren Himmel und Erde – den ganzen Rest haben wir gemacht.” Was lustig klingen mag, ist aus meiner Sicht eine große Anmaßung. Als wenn “Das Handwerk” Mensch und Tier erschaffen hätte. Sicherlich – so ist das nicht gemeint. Aber man hätte sicherlich auch ohne den Versuch, sich mit Gott messen zu wollen, auf die eigenen Qualitäten aufmerksam machen können. 552x384_AZ_AmAnfang