Bernhard Limberg

Deutsche Panzer für Saudi-Arabiens Diktatur?

Bernhard Limberg

6. Juli 2011

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bezeichnet die geplante Lieferung der Bundesregierung von 200 Leopard-2-Panzern an das saudische Regime als „skandalös und gefährlich“. „Sollte der Deal durchgeführt werden, zeigt sich der Anspruch der Bundesregierung, Verteidiger der Menschenrechte zu sein, als Makulatur“, sagte IGFM-Sprecher Martin Lessenthin (Frankfurt am Main) am 5. Juli. Der geheim tagende Bundessicherheitsrat, der über die Panzer-Lieferung zu entscheiden hat, teilt diese Bedenken offensichtlich nicht. Günther Nonnenmacher kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 6. Juli: „In einer Region der Widersprüche gibt es keine moralisch eindeutige Lösung.“

Der Panzer Leopard 2. Foto: Wikipedia/Veppar

Der Panzer Leopard 2. Foto: Wikipedia/Veppar

Im März unterstützten die sunnitischen Saudis das ebenfalls sunnitische Herrscherhaus des benachbarten Bahrain: Damals schickte der Golf-Kooperationsrat mehr als tausend Soldaten in das Emirat, um den Aufstand der schiitischen Opposition zu brechen. Die neuen Panzer wären also gut dazu geeignet, Aufstände im eigenen Land oder anderswo zu bekämpfen. Saudi-Arabien befindet sich seit 1948 offiziell im Kriegszustand mit Israel, bildet aber auch das Gegengewicht zu den schiitischen Machthabern im Iran, die Israel und die Welt mit ihren Atomplänen beunruhigen.

Die IGFM befürchtet, dass auch das Waffenembargo der EU gegenüber China wegen wirtschaftlicher Interessen aufgehoben werden könnte, falls der Deal mit den Saudis zustande kommt. Bereits im Dezember 2004 hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Besuch in Peking ein Ende des Embargos vorgeschlagen. Damals erhob sich in Deutschland deutlicher Protest gegen dieses Vorhaben.

Bernhard Limberg

Versicherungsunternehmen Ergo entschuldigt sich für Verfehlungen

Bernhard Limberg

29. Juni 2011

Für die Sex-Party in Ungarn und andere Verfehlungen entschuldigt sich das Versicherungsunternehmen Ergo heute in ganzseitigen Zeitungsanzeigen. In den vergangenen Wochen war Ergo zunehmend in die Kritik geraten. Ein großes Echo in den Medien ausgelöst hatte die von Ergo als „Incentive-Reise“ betitelte Lustreise nach Ungarn, bei der mehrere hundert Mitarbeiter der Firma von Prostituierten bedient wurden. Bei der Behandlung der Liebesdienerinnen hatte es menschenunwürdige Vorfälle gegeben. So sollen besonders schöne Frauen mit einem Band gekennzeichnet und  für besonders verdienstvolle Versicherungsvertreter reserviert worden sein.

Moderate Entschuldigung: Ergo rudert nach Sex-Skandal zurück. Foto: PR

Moderate Entschuldigung: Ergo rudert nach Sex-Skandal zurück. Foto: PR

Entschuldigung und Aufklärung

Obwohl die Entscheidung zu einer solchen Anzeige für ein Unternehmen wie Ergo Mut beweist, formuliert das Versicherungsunternehmen seine Entschuldigung sehr moderat.  Man arbeite „intensiv an der Aufklärung dieser Vorwürfe“ und ergreife „weit reichende Maßnahmen, um solche Fehler in der Zukunft auszuschließen. Zu wichtigen Fragen gibt Ergo allerdings keinen Kommentar ab, beispielsweise, ob es ethisch verantwortlich ist, Versicherungsbeiträge der Kunden für Lustreisen auszugeben. Ergo schweigt auch zum Vorwurf, die Lustreise von der Steuer abgesetzt zu haben. Ob es das Versicherungsunternehmen für moralisch vertretbar hält, den deutschen Steuerzahler mit den Kosten einer solchen Reise zu belasten, bleibt erst einmal unbeantwortet.

Falsche Gebührenberechnung bei Riester-Verträgen

Kurz nach dem Sex-Skandal räumte Ergo ein, über mehrere Jahre bei Riester-Verträgen den Kunden höhere Gebühren abgerechnet zu haben als vertraglich vereinbart. In der Zeitungsanzeige heißt es dazu: „Wir werden Nachteile ausgleichen, die unseren Kunden möglicherweise entstanden sind.“ Die externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers werde die Sachverhalte „mit maximaler Neutralität und Objektivität“ prüfen. Abzuwarten bleibt, ob bei dieser Prüfung die Rechte und Bedürfnisse des Kunden im Vordergrund stehen oder eher die Ehrenrettung von Ergo durch einen prominenten Namen.

Borussia-Trainer beendet Werbung für Ergo

Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte Borussia-Trainer Jürgen Klopp verlauten lassen, dass er seinen Werbevertrag für das Versicherungsunternehmen Ergo ruhen lässt. Ergo selbst bleibt in der Zeitungsanzeige allerdings seinem bisherigen Werbeslogan treu und hofft, weiterhin kundenfreundliche und verständliche Produkte anzubieten. Ein Indikator, ob das gelungen ist, dürften dafür zukünftig die nackten Umsatzzahlen des Unternehmens sein.

Karsten Huhn

Presseschau zum Evangelischen Kirchentag „Der Kirchentag ist nah dran an den Menschen. Aber wo bleibt Gott?“

Karsten Huhn

6. Juni 2011

dekt_logo_frauenkirche_pr11_01

Eine beeindruckende Masse

„Die Kirche ist noch da – und mehr als das. Eine beeindruckende Masse von Christen hat auf dem Glaubensfest in Dresden Flagge gezeigt. Das lässt die Kirche hoffen, auch im Osten Deutschlands, wo sich nur noch eine Minderheit zum Glauben bekennt… Ein Kirchentag des Glaubens war es, aber noch viel mehr ein politischer Kirchentag. Schon früh hatten die Organisatoren um  Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt von den Grünen das Thema Atom auf die Agenda gesetzt, das nach Fukushima eine ganz neue Dynamik entfaltete. Etliche Veranstaltungen drehten sich um den Atomausstieg, der parallel zum Kirchentag in Berlin von Regierungskoalition und Ländern festgezurrt wurde.“ (Dresdner Neuesten Nachrichten)

Polit-Propaganda mit Gottes Segen

„Für manchen hat der Glaube vor allem mit politischen Bauchgefühlen zu tun. Wer so denkt, kommt bei Margot Käßmann auf seine Kosten. Die Ex-Bischöfin hielt auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden ‚das Beten mit Taliban’ gegen ‚das Bombardieren von Tanklastzügen’ hoch. Einiges zu bieten hatte auch der Theologe Friedrich Schorlemmer, der sich nicht scheute, die Atomenergie als ‚keine dem Menschen angemessene Energiegewinnungsform’ zu bezeichnen. Ebenfalls vorn mit dabei war Renate Künast. Die Grünen-Fraktionschefin predigte in einem Gottesdienst darüber, dass man den Stromanbieter wechseln solle, wenn der bisherige noch Atomstrom vertreibe. Das stellt sich Klein Fritzchen unter einem Kirchentag vor: Polit-Propaganda mit Gottes Segen. Wie gut es doch tut, wenn Vorurteile bestätigt werden.“ (Welt am Sonntag (Berlin))

Käßmanns fauler Frieden

„Käßmann also predigte wieder Politik… Nun sagt sie gestern, genau an diesem Tag, an dem ein weiterer Bundeswehrsoldat in einen Hinterhalt gelockt wurde: Man solle beten mit den Taliban, statt sie zu bombardieren. Gute Idee, sagt man sich da prompt, sofern es gelingt, sich mit ihnen um ein Kreuz zu gruppieren, ohne die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen, denn die Taliban diskutieren sowieso ungern über ‚Zeitströmungen’ und von Frauen, die beim Beten den Ton angeben, halten sie gar nichts. ‚Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur einen gerechten Frieden’, sagt sie weiter. Das ist so wohltönend wie falsch. Es gibt einen faulen Frieden, der puren Terror und Menschen- und vor allem Frauenvernichtung bedeutet wie im Iran. Und es gibt den gerechten Krieg wie den im Kosovo, der einen Genozid verhindern half.“ (Der Katholik Matthias Matussek auf „Spiegel“-Online)

Weltfremd-naive Friedenslyrik

„Darf man, soll man für kaltblütige und heimtückische Terroristen beten? Etwa genauso wie für die Herzoperation meiner Mutter oder die sichere Landung beim Flug in den Urlaub? Genauso wie für hungernde Kinder oder die Gefolterten auf dieser Welt? Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob man so etwas sagen darf, ob dieses Schlag-Wort nicht den getöteten Opfern und ihren trauernden Angehörigen weh tun muss. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verstehe ich, was der Minister, ein bekennender Christ, damit auf dem Dresdner Kirchentag sagen wollte. Thomas de Maizière hat nämlich noch einen entscheidenden Nachsatz gemacht: ‚Allerdings ersetzt das Gebet nicht die praktische Politik.’ Damit widerspricht er all jenen, die sich – wie Margot Käßmann – auf dem Kirchentag mit weltfremd-naiver Friedenslyrik anbiedern, als ob entschiedenes Beten und entschlossenes Handeln ein Gegensatz seien. Die frühere Ratsvorsitzende der EKD hatte unter Beifall erklärt, ein Gebet mit (!) den Taliban sei ‚eine wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von Tanklastwagen’. (Der Journalist und Theologe Peter Hahne in der „Bild am Sonntag“)

Groteske Aussagen

„Zweifelsohne hat der Kirchentag im Laufe der Jahrzehnte dazu beigetragen, Verkrustungen in der evangelischen Kirche aufzubrechen. Aber er hat eben auch geistige und geistliche Verheerungen befördert. Die Gottesrede hat an Prägnanz eingebüßt. Die Kraft des Evangeliums, das die Menschen in ihren Ängsten und in ihrer Schuld anspricht, mit der sie durchs Leben gehen und über die sie eben nicht offen sprechen wollen, wird in Predigten nur selten erfahrbar. An diese Stelle tritt eine appellative Trivialmoral sowie der Jargon menschlicher Nähe… In der Tendenz hat sich hier in der evangelischen Kirche, auch auf Kirchentagen, in den vergangenen Jahren bereits vieles verbessert. Manches, was über den Protestantismus verbreitet wird, ist mittlerweile Klischee. Was manche Theologen allerdings auf den Podien von Kirchentagen noch immer von sich geben, das ist – man kann es nicht anders sagen – grotesk. Und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind es häufig Pfarrer aus dem Milieu der Beauftragten für Umwelt, Frauen, Ökumene, Entwicklung. Diese führen zwar nicht selten einen Doktoren- oder Professorentitel, kennen aber Grundunterscheidungen reformatorischer Theologie entweder nicht oder erachten sie für belanglos.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Vermisst: Streit

„Wo sind all die Leute, die die Ruhe im christlichen Spektrum stören? Man beginnt, Akteure zu vermissen, die nicht zum Mainstream zählen. Solche, die Schwule grässlich finden; die AKWs für gefährlich, aber nicht für Sünde halten; die Einwanderung für problematisch halten und den Islam sowieso. Nicht, dass man mit denen irgendwie einer Meinung sein möchte – aber ohne sie fühlt sich alles an wie Wolle, die möglicher Kratzigkeit wegen noch in Watte eingesponnen wurde. Der Kirchentag übt Verzicht. Seine MacherInnen wollen offenbar Ruhe im eigenen Glaubenssprengel. Ihr Ton ist der von beruhigenden ModeratorInnen, es ist ein grüner Sound, der stets darauf setzt, Konflikte zu kastrieren. Schade um die gute Energie, die aus jedem Streit hervorgeht.“ (Die Berliner „tageszeitung“ („taz“))

Bunt und unverbindlich

„Mich haben sie auch dazu geladen; vielleicht dachte man sich, so ein Kulturjournalist, der über Theater und Kirche schreibt, sagt bestimmt, dass es wieder eine bildungsbürgerliche, wertorientierte Kulturprotestantenkirche brauche. Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nichts gegen Kulturprotestanten, Feministinnen oder Friedensengagierte, aber ich habe etwas gegen eine Kirche, die andauernd und überall glaubt, ihren gutmenschelnden Senf dazugeben zu müssen und sich damit zur supermoralischen Wertebewacherin aufpumpt. Aus zwei Gründen. Erstens gebietet es die Vernunft, für Frieden und Gerechtigkeit zu sein, nicht der Glaube. Zweitens braucht es keine Kirche, die aus Angst davor, in der Gesellschaft nicht mehr vorzukommen, zur ‚Bundeswerteagentur’ wird. Also habe ich gesagt, dass die Kirche bitte auf ihre christliche Botschaft vertrauen möge, die zwar viel mit Frieden und Gerechtigkeit zu tun hat, aber erst in zweiter Linie. In erster Linie handelt sie von Gottesgnade und Offenbarung, von einer Erlösungsbotschaft, die, genau genommen, eine Zumutung ist. Im übrigen sind Gottesdienst und Gebet das Zentrum der Kirche. Ohne Gott keine Kirche, und an Gott kann man glauben oder nicht glauben. Nach dem Podium kam ein Mann zu mir. Er hat gesagt: ‚Der Professor spinnt, der Bischof spinnt, und Sie spinnen auch. Gott ist ganz anders, Gott ist bunt.’ Wahrscheinlich hat der Mann recht, zumindest der Kirchentagsgott ist sehr bunt. Deshalb gehen so viele hin: Bunt ist beliebt, bunt ist unverbindlich.“ (Der Theaterkritiker Dirk Pilz in der „Berliner Zeitung“)

Eigentlich stört Jesus hier

„Der Kirchentag ist nah dran an den Menschen. Aber wo bleibt Gott? Auf der Dachterrasse des Dresdner Hilton hat er sich an diesem Freitagnachmittag zur ‚Energie’ verflüchtigt, der die Kirchentagsgäste bei Qigong und Yoga nachspüren. Sie treten sich dabei auf die Füße, so viele sind gekommen. In der Martin-Luther-Kirche geht es an diesem Nachmittag um ‚Lebenskunst unter Zeitdruck’. Die Kirchenbänke sind eng besetzt wie nie. Zunächst sollen sich alle ‚locker machen’. Eine Trainerin ruft: ‚Hey everybody-body, good to see you’. Die Angesprochenen sollen es nachsprechen – und tun es auch artig. Es tauschen sich dann Marlehn Thieme, Deutsche-Bank-Direktorin und Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, und zwei Mediziner über das ‚erschöpfte Ich’ aus. Marlehn Thieme empfiehlt joggen und Familien-Sonntage gegen den Stress. Die Mediziner raten zu Ritualen und Ruhe, man solle ‚den Atem beobachten’ und ‚auch mal was Zweckfreies tun’, Klavierspielen zum Beispiel. Auf dem Relief der Predigtkanzel neben dem Podium bricht Jesus auf dem Weg nach Golgatha unter der Last des Kreuzes zusammen. Eigentlich stört er hier.“ (Tagesspiegel (Berlin))

Wolfgang Polzer

Sexueller Missbrauch: Kirche räumt Versagen ein

Wolfgang Polzer

20. Mai 2011

(idea) – Versagen im Umgang mit dem schwersten Fall sexuellen Missbrauchs in der Nordelbischen Kirche hat der Vorsitzende der Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich (Schleswig), eingeräumt. Er unterrichtete am 18. Mai in Kiel die Öffentlichkeit über eine Untersuchung der Dienstaufsicht im Zusammenhang mit dem Fall des ehemaligen Pastors Gert-Dietrich Kohl. Der 73-Jährige hatte Ende 2010 eingestanden, sich in den siebziger und achtziger Jahren in Ahrensburg bei Hamburg des vielfachen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gemacht zu haben. Nach Angaben der Opfer soll er sich an 22 Kindern und Jugendlichen vergangen haben, darunter drei seiner fünf Stiefsöhne. Strafrechtlich sind die Vergehen verjährt. Es sei ein bleibender Schatten auf die Nordelbische Kirche gefallen, sagte Ulrich. Den Opfern sei schweres Unrecht geschehen, und die Kirche habe Schuld auf sich geladen.

Bischöfin Jepsen „voll rehabilitiert“

In der Stellungnahme der Kirchenleitung geht es um die Aufklärung der Missbrauchsfälle. Im Jahr 1999 hatte eine Frau, die als 16-Jährige von Kohl missbraucht worden war, die damalige Pröpstin Heide Emse über die Missstände unterrichtet. Diese sprach mit Kohl, der dann in die Gefängnisseelsorge versetzt wurde. Im März 2010 kamen die Vorgänge durch einen Brief ans Licht. Mitte Juli trat die Bischöfin des Sprengels Hamburg-Lübeck, Maria Jepsen, zurück, weil sie ihre Glaubwürdigkeit durch öffentliche Vorwürfe beschädigt sah, sie habe nicht frühzeitig genug eingegriffen. Jepsen sei inzwischen „voll rehabilitiert“, sagte Ulrich. Doch räumte er ein, dass die kirchliche Dienstaufsicht nicht so funktioniert habe, wie es hätte sein sollen. Der Kieler Rechtsanwalt Christian Becker bemängelt in seinem Gutachten unter anderem, dass keine Dokumentation vorliege, aus der man die Vorgänge rekonstruieren könne. Er spricht sich dafür aus, ein Disziplinarverfahren gegen Pröpstin Emse einzuleiten. Dieser Empfehlung schließt sich die Kirchenleitung nicht an.

Opferverein enttäuscht

Dem Disziplinarrecht zufolge dürfe ein Disziplinarverfahren wegen einer länger als vier Jahre zurückliegenden Amtspflichtverletzung gegenüber Personen im Ruhestand nur dann eingeleitet werden, wenn beim Erweis der Schuld eine Entfernung aus dem Dienst zu erwarten sei. Das sei jedoch nicht der Fall. Anhaltspunkte für eine Verschleierung lägen nicht vor. Ulrich zeigte sich fest überzeugt, dass die Kirchenleitung der Aufklärung der lange zurückliegenden Vorgänge gerecht geworden sei. Nach menschlichem Ermessen sei es ausgeschlossen, dass sich ein unkorrektes Handeln wiederholen könne. Der Opferverein „Missbrauch in Ahrensburg“ zeigte sich enttäuscht. Die Kirchenleitung „mauere“ weiter.

Dazu ein KOMMENTAR von Wolfgang Polzer, Redaktionsleiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea:

Die Bibel verschweigt und vertuscht nicht

Was sich in den siebziger und achtziger Jahren in der evangelischen Kirchengemeinde von Ahrensburg bei Hamburg zugetragen hat, ist der schwerste bekannt gewordene Missbrauchsskandal nicht nur in Nordelbien, sondern wahrscheinlich in der gesamten evangelischen Kirche. Der ehemalige Pastor Gert-Dietrich Kohl (heute 73) hatte zahlreiche Minderjährige missbraucht, darunter drei seiner eigenen Stiefsöhne. Strafrechtlich sind die Vergehen zwar verjährt, aber die Schäden in den Seelen der Opfer bleiben. Mit Sicherheit hat auch ihr Glaube gelitten. Jesus findet harte Worte für solche Verführer (Matthäus 18,6). Fast so schwer wie der Missbrauch selbst wiegt, dass dieses Treiben jahrzehntelang verschwiegen und damit gedeckt wurde. Erst Ende der neunziger Jahre konnte sich ein Opfer Kohls ein Herz fassen und sich an die damals zuständige Pröpstin Heide Emse wenden. Es muss daher verwundern, dass die Kirchenleitung der Empfehlung ihres Gutachters nicht folgt und keine disziplinarrechtliche Untersuchung gegen sie einleitet. Dass die Vorgänge nicht dokumentiert wurden, legt zumindest den Verdacht der Vertuschung nahe. Die Bibel ist da ganz anders: Sie spricht Verfehlungen, auch sexueller Natur, mit bestechender Offenheit an – ob das zum Beispiel König Davids Seitensprung mit Bathseba und die von ihm veranlasste Tötung ihre Mannes Uria (2. Samuel 11) betrifft oder die Missstände in der Christengemeinde von Korinth, wo ein Mann ein Verhältnis mit seiner Schwiegermutter hatte (1. Korinther 5,1). Natürlich kann Gott auch die schlimmsten Verbrechen vergeben. Dafür hat sich Jesus ans Kreuz nageln lassen; dafür ist sein Blut geflossen. Aber auch dies will man ja in Teilen der evangelischen Kirche nicht mehr hören, wie die frühere Bischöfin von Holstein-Lübeck – Bärbel Wartenberg-Potter – geschrieben hat.

Karsten Huhn

Presseschau: Wie Zeitungen den Sinn des christlichen Osterfestes deuten

Karsten Huhn

24. April 2011

„Der Spiegel“: Wenn man es so verdreht…

Oh Gott, der Spiegel! In Glaubensdingen ist das sonst so faktenreiche Nachrichtenmagazin aus Hamburg immer für ein paar steile Thesen gut. Diesmal geht es in seiner Oster-Titelgeschichte der überraschenden Frage nach: „War Jesus Christus gewaltbereit?“ Unter den Händen des „Spiegels“ gerät der Gottessohn zum „Rebell Gottes“. Dieser habe einen „Agitationsfeldzug“ geführt, seine Verkündigung wird zur „rohen Botschaft“. Der „Spiegel“ beruft sich dabei unter anderem auf den Neutestamentler Gerd Theißen, der die Jünger Jesu zu „Partisanen Gottes“ erklärt, die mit „deutlicher moralischer Aggression gegen die Mächtigen“ angetreten seien. Mit dem für den „Spiegel“ typischen Zitatkonfetti entsteht so das Leben Jesu neu: Dieser sei ein „Volksverhetzer“, „Rebell“ und „Steuerpirat“ gewesen, der keine Abgaben zahlen wollte. Sein Ziel? „Im Hier und Jetzt die geschundene Nation befreien“. Sein Vorbild? Der alttestamentliche Prophet Elija, „ein antiker Che Guevara und Urvater der Staatskritik“. Das Gerichtsverfahren, das zu Jesu Kreuzigung führte? Wird – dem „Spiegel“ – zufolge „in der Bibel allerdings verzerrt dargestellt“. Die Evangelisten hätten aus taktischen Motiven „Süßholzraspelei“ betrieben, der Kreuzestod sei von ihnen zum Triumph der Auferstehung umgedeutet worden: „Zu diesem Zweck zeichneten sie Jesus besonders sanftmütig und legten ihm gnadenreiche Worte in den Mund. Der wahre Kämpfer für ein besseres Diesseits wurde vertuscht und in den Hintergrund gedrängt.“ Fazit: Wenn man es so verdreht, hat der „Spiegel“ Recht.

„Die Zeit“: Wir haben die Sünde, aber keinen Gott mehr

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ beschäftigt sich unter der schönen Überschrift „Gott ist gnädiger als der Mensch“ mit der Sünde. Die moderne Gesellschaft hat Gott weitgehend verdrängt, geblieben sei jedoch das Sündenproblem: „Kein Wunder, dass das Bedürfnis entstand, dem ewigen Schuldzusammenhang zu entkommen und die Sünde pragmatisch zu entsorgen. Gelungen ist es nicht. Die wachsende Zahl der Verbote, Maßregelungen und repressiven Ratschläge, mit denen wir uns gegenseitig zu einer gesundheitsbewussten, sozial verantwortlichen und ökonomisch effektiven Lebensweise zwingen, ist Ausdruck der Tatsache, dass dem christlichen Abendland das Christentum abhanden gekommen ist, nicht aber die Sünde… Wir sündigen noch, können aber Verzeihung nur noch von uns selber erbitten. Wir haben die Sünde noch, aber keinen Gott mehr. Ob das ein Gewinn ist?“

„stern“: Wer war für Jesu Tod verantwortlich?

Die Wochenillustrierte „stern“ geht der Frage nach, wer für den Tod von Jesus verantwortlich war: „Wenn oft behauptet wird, die Juden allein hätten Jesus nicht zum Tode verurteilen können, ist das nicht ganz richtig. Denn hätte der Hohe Rat ihn für einen Gotteslästerer gehalten, wäre zum Beispiel die Steinigung oder auch Enthauptung durchaus im Rahmen der von den Römern eingeräumten Möglichkeiten gewesen. Dass dies offenbar nicht geschah, könnte einen einfachen Grund gehabt haben: Die Priester hatten kein Interesse daran, das Volk mehr als nötig gegen sich aufzubringen. Denn wie konnte es gotteslästerlich sein, die Reinheit des Tempels zu fordern? Der Ausweg aus diesem Dilemma war schnell gefunden: Jesus musste als Aufrührer von den Römern hingerichtet werden… Doch es ist ganz sicher Pilatus, der Jesus, beim oder im Prätorium, seinem Jerusalemer Amtssitz, den kurzen Prozess macht und das übliche formelle Urteil spricht: ‚Ibis in crucem!’ – ‚Du wirst zum Kreuz gehen.’ So jedenfalls vermuten Wissenschaftler heute. Warum denn auch hätte der Präfekt zögern sollen? Lieben musste ihn keiner. Es reichte, wenn sie ihn fürchteten.“

„Berliner Zeitung“: Deutliche Erlösungsbotschaft

„Die Kirchen sind theologisch verarmt, sie wissen immer weniger zu vermitteln, was christlicher Glaube, Gott, Gebet, Gemeinde im 21. Jahrhundert überhaupt bedeutet. Sucht man nach großen, systematischen Entwürfen in der Theologie, die sich diesen Fragen stellen – man findet nichts. Hört man sich an, was auf den Kanzeln gepredigt wird – man hört kaum etwas dazu. Dass christlicher Glaube kein Glaube an einen kuscheligen Wertekanon ist, sondern an eine deutliche Erlösungsbotschaft, dass er immer Wagnis und Offenbarung ist, sich weder berechnen noch vernutzen lässt, davon müsste die Rede sein. „Wir leben“, hat der Theologe Eberhard Jüngel vor über 30 Jahren geschrieben, „im Zeitalter der sprachlichen Ortlosigkeit und der Sprachlosigkeit der Theologie.“ Das gilt noch immer, man kann es, unter anderem, an den Austrittszahlen ablesen. Die Kirchen stehen also vor der theologischen Aufgabe einer geistlichen Reformation. Das ist nicht neu in der Kirchengeschichte, selten aber war sie so dringlich wie jetzt.“

„Tagesspiegel“: Glaube hat keinen Zweck

Im Berliner „Tagesspiegel“ meldet sich der Vizepräsident des EKD-Kirchenamts, Thies Gundlach (Hannover), zu Wort. Unter der überraschenden Überschrift „Der Glaube hat keinen Zweck“ schreibt er: „Im Glauben geht es erst einmal um Gott und um nichts anderes. Der Glaube hat keinen Zweck, er verfolgt kein Ziel, hat keine Absicht und übt keine Funktion aus außer der Verehrung Gottes. Der Glaube kümmert sich um Gott und um Gottes Wahrheit, er ist aber nicht berechnend, er schaut nicht auf nützliche Folgen und preist sich nicht an mit seiner Brauchbarkeit. Der Glaube verkündigt die Herrlichkeit Gottes, dass es ihn gibt und dass er für mich und dich da ist, auch heute, hier und jetzt. Und er vollzieht diesen Lobgesang Gottes, gleichgültig, ob das nützlich, brauchbar oder effektiv ist oder nicht… Der Glaube an Gott bringt nichts, obwohl ich etwas von ihm habe; er nützt nichts, obwohl er sinnvoll ist.“

„Süddeutsche“: Man tut sich schwer mit der Auferstehung

Die „Süddeutsche Zeitung“ vergleicht die Beliebtheit des Oster- und des Weihnachtsfestes: „Ostern ist das älteste Fest der christlichen Geschichte, und es ist das höchste in der liturgischen Rangordnung. Ostern ist aber bei weitem nicht so populär wie Weihnachten; das hat damit zu tun, dass zwar jeder weiß, was eine Geburt ist, dass sich aber kaum einer eine Auferstehung vorstellen kann. Das Neue Testament ist da keine Hilfe. Während dort die Geburt im Stall zu Bethlehem anschaulich und anrührend ausgemalt wird, schweigen sich alle Evangelisten über die Auferstehung des toten Gekreuzigten aus. Diese Auferstehung wird von ihnen nicht beschrieben, sondern nur angekündigt oder als vollzogen vermeldet; faktisch bleibt sie unsichtbar… Man tut sich schwer mit der Auferstehung. Und daher beherrschen die Lämmer, Hasen und gefärbten Eier die österliche Szenerie… Sind das die falschen Osterbilder? Zurück zur klassisch-biblischen Ostergeschichte: Da gesellt sich der auferstandene Jesus zu seinen Jüngern, die ihn nicht erkennen und sich mit ihm über seine Kreuzigung unterhalten. Erst beim gemeinsamen Abendessen im Ort Emmaus gehen ihnen, wie es im Evangelium heißt, „die Augen auf“. Auch das ist Ostern: Wenn einem die Augen aufgehen.

„Berliner Zeitung“: Braucht Deutschland einen muslimischen Feiertag?

Die „Berliner Zeitung“ geht der Frage nach, ob Deutschland einen muslimischen Feiertag einführen sollte: „Muslime gibt es derzeit 3,9 Prozent. Das sind – so viel nebenbei zum Thema islamische Gefahr – sehr wenige. In Wahrheit sind es freilich noch weniger. Die 3,9 Prozent sind nämlich nicht etwa Muslime, die werden nämlich standesamtlich gar nicht erfasst, es sind alle Menschen, die aus dem islamischen Kulturraum eingewandert sind. In dieser Statistik gilt noch cuius regio, eius religio – wessen das Land, dessen der Glaube – und nicht das persönliche Glaubensbekenntnis. Wie viel dieser 3,9 Prozent wirklich praktizierende Muslime sind, weiß niemand. Jede Religionsgemeinschaft hat ihre Feiertage. Der Staat hat kein Recht, sie ihnen zu nehmen. Aber es gibt auch kein Anrecht auf einen staatlichen Feiertag. Für vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung einen eigenen staatlichen Feiertag einzuführen, das scheint mir doch eine Übertreibung zu sein. Wenn ein gläubiger Moslem einen Feiertag begehen möchte, kann er das tun, wie jener Herr, der am 8. August immer seinen ersten Kuss feiert und einen Tag freinimmt.“

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Ist es spießig, am Karfreitag festzuhalten?

Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beschäftigt sich mit der Bedeutung von Feiertagen. Das hessische Feiertagsgesetz sieht für den Karfreitag ein Tanzverbot vor – doch ist dieses noch zeitgemäß? Dazu die „FAZ“: „Wozu sich länger christlichen Anschauungen beugen, die in einer Stadt wie Frankfurt eine Minderheitenmeinung sind? Wieso sichert ein säkularer Staat per Gesetz christliche Vorstellungen? „Säkularität heißt nicht, dass dem Staat Religionen und deren Einsichten einerlei sind. Deswegen ist etwa der Religionsunterricht grundgesetzlich gesichert. Deswegen schützt der Staat Feiertage, von denen die meisten nun einmal aus dem christlichen Festkalender stammen. Dass der Karfreitag – einschließlich von großen Teilen des Gründonnerstags und des ganzen Karsamstags – dabei einen besonderen Schutz genießt, ist richtig. Keine anderen Tage stehen für den radikalsten Einschnitt, den das Leben kennt: den Tod. Er fordert Menschen jedweder Weltanschauung heraus, sei es der eigene Tod, der von Verwandten oder Freunden… Ist es spießig, am Feiertagsgesetz festzuhalten? Nein. Kleingeistig wäre eher eine Liberalisierung des Gesetzes, die zu mehr Eintönigkeit im Jahresablauf beitrüge. Alles würde gleich gültig und am Ende gleichgültig.“

„Kronen-Zeitung“: Jesus reißt eine Bresche in die Todesmauer

In der in Wien erscheinenden „Kronen-Zeitung“ schreibt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn über die Bedeutung von Ostern verändert hat: „Der Tod ist wie eine Wand. Alle zerschellen wir daran. Keiner entkommt dem Tod. Doch seit Ostern hat die Mauer ein Loch, und niemand kann es wieder schließen: Der Tod ist nicht das endgültige ‚Aus’ und auch nicht der Anfang einer endlosen Kette von Wiedergeburten. Sterben heißt seit Ostern: ins Leben gehen, durch die Mauerbresche, die Jesus für immer geöffnet hat.“

„Weltwoche“: Ein Kuss, der die Welt veränderte

Die in Zürich erscheinende „Weltwoche“ mit dem „größten Verrat der Geschichte“: „Ein Kuss verändert die Weltgeschichte. Judas liefert Jesus an die Römer aus. Ein beispielloser Verrat – aber nötig. Nur so kann der Sohn Gottes seinen Opfertod sterben und das Christentum begründen… Ohne Judas kein Christus, keine Auferstehung, kein Christentum. An diese Gleichung haben sich seine Nachfolger nie wirklich gewöhnen wollen. Selbst die Evangelisten tun sich schwer damit. Außer einem: Johannes. Er hat die Ambivalenz erkannt. Dass dieser Verrat notwendig ist. Gleichwohl wird dem Verräter keine Sympathie entgegen gebracht. Der Satan habe von ihm Besitz ergriffen, heißt es, noch während des Abendmahls. Judas kaut am Brot, als ihn Jesus anschnauzt: „Beeile dich und tu, was du zu tun hast!“

„Die Welt“: Wir wissen, wer uns nach dem Tod erwartet

Die Tageszeitung „Die Welt“ versucht, sich eine Welt ohne Ostern vorzustellen: „Was wir ohne Ostern wären? Ach je. Arm dran. Dann gäbe es Venedig nicht. Es wäre grausam: eine Welt ohne Kathedralen, Kirchen und Klöster. Aber auch ohne unsere Sozialsysteme, das Hospitalwesen und unser Menschenbild. Ohne Ostern, also ohne die Auferstehung Jesu von den Toten, wäre alles ein Dreck, sagte schon Paulus. Dann könnten wir uns den ganzen anderen Glauben sparen und das Evangelium schenken, sogar den Kreuzestod Christi. Ostern ist das Alleinstellungsmerkmal unserer Welt, die wir uns auch wie eine russische Matroschka-Puppe vorstellen dürfen. Ganz innen drin steckt Ostern. Also die frühe Morgendämmerung, in der Petrus und Johannes zwei Tage nach der Kreuzigung Jesu quer durch Jerusalem zum Felsengrab Christi hasten und es leer vorfinden, leer bis auf die Tücher, in die der Ermordete gewickelt war, und ihn plötzlich als Lebendigen erfahren, der den ersten Namen Gottes hier noch einmal ganz neu ausspricht: ‚Ich bin, der ich bin.’ Das ist der Kern von Ostern. Seitdem wissen Christen zwar nicht, was sie nach dem Tod erwartet. Aber seitdem wissen sie jedenfalls, wer sie erwartet.“

„Focus“: Ostern verschweigen, weil es peinlich ist?

Im Nachrichtenmagazin „Focus“ (München) bekennt sich der Schriftsteller Arnold Stadler zum christlichen Glauben: „Gerade musste der angeblich für fünf Millionen Euro aus Steuermitteln finanzierte Kalender der EU zurückgezogen werden. Vom Zuckerfest bis zum höchsten hinduistischen Feiertag war alles vermerkt, warum nicht! Es imponierte mich immer schon, wie andere ihren Glauben lebten und ihren Gebetsteppich ausbreiteten. Muss ich nun Angst haben, als Verrückter zu gelten, wenn ich beim Kreuzzeichen erwischt werde? Auf dem EU-Kalender fehlten nämlich sämtliche christlichen Feiertage, angefangen mit Weihnachten. Auch Ostern, höchstes Fest der Christen.“ Soll man Ostern verschweigen, weil es peinlich ist? Nein, für Stadler ist Ostern „ein Ja zum Leben, eine Absage an den Tod, ja, in dem Bericht der Evangelien von der Auferstehung haben wir auch eine Partitur der Hoffnung des Menschen, dass es nicht aus ist mit ihm… Der Unglaube ist auch nur ein Glaube. Der Glaube an etwas ist jedoch viel schöner als der Glaube an nichts.“

„Stuttgarter Zeitung“: Die Energie des Osterglaubens

Auch die „Stuttgarter Zeitung“ wirbt für die Osterbotschaft: „Sie hat nach der Katastrophe von Golgatha die mutlosen Jünger aufgerichtet und von der Sendung ihres hingerichteten Lehrers überzeugt. Sie hat die ersten Christen getrieben, Widerstände zu überwinden und eine Alternative zu leben. In der Aussicht auf eine bessere Welt bildeten die Urgemeinden vielfach eine neue Gemeinschaft. Sie ebneten Unterschiede zwischen Klassen, Völkern und Kulturen ein. ‚Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau“, so beschreibt es Paulus und umreißt damit eine Utopie, die noch heute politische Brisanz hat. Die Anhänger dieser neuen Religion teilten, was sie hatten und halfen den Schwachen. Ihre Nachfolger setzen sich – allen kirchlichen Krisen und Verirrungen zum Trotz – weltweit für Frieden, Solidarität und den Mitmenschen ein. Die Energie des Osterglaubens reicht so schon für 2000 Jahre. Eine stärkere Hoffnung auf eine Wende zum Guten haben wir nicht.“

Karsten Huhn

“Das Ritual” – meiden Sie diesen Film!

Karsten Huhn

16. März 2011

Es gibt Filme, denen merkt man bereits in den ersten Szenen an, dass sie Murks sind. Dieser ist so einer. Erzählt wird eine wahre Begebenheit (sie ist nachzulesen im Reportagebuch „Die Schule der Exorzisten“ des US-Journalisten Matt Baglio, das im Herbst im Sankt Ulrich Verlag erschien). Nun wurde sie mit allerlei Grusel kinogemäß aufgemotzt und freigegeben ab 18 Jahren: Der junge Priesterkandidat Michael zieht nach Rom, um bei dem erfahrenen Pater Lucas das Fürchten zu lernen. Mit Befreiungsgebet und Handauflegung, Weihwasser und Kruzifix, Schreien und Drohen versuchen sie, Dämonen auszutreiben.

Das Ritual_Plakat

Die Teufelsaustreibungen finden auf dem Dachboden des Paters statt, einer düsteren Rumpelkammer, deren Anblick allein genügt, um einen in den Wahnsinn zu treiben. Patientin ist eine junge, schwangere Frau, die glaubt, besessen zu sein. Bei den Exorzismus-Exerzitien rollt sie mit den Augen, kratzt, schreit und gurgelt, bis Pater Lucas mit seinem Latein am Ende ist. „Spirituelle Befreiung kann Monate, ja sogar Jahre dauern“, sagt der Pater. Priesterkandidat Michael ist zunächst skeptisch, ob der Teufel existiert und solche Fälle nicht eher etwas für die Psychiatrie wären. Lange Zeit verdächtigt er seinen Lehrmeister, dass dieser nur Scharlatanerie betreibt, getarnt mit Psalmen und Vaterunser. Doch nach einem weiteren Versuch der Dämonenaustreibung kommt die schwangere Frau auf rätselhafte Weise ums Leben. „Du kannst dich entscheiden, nicht an den Teufel zu glauben“, sagt der Pater. „Aber das schützt dich nicht vor ihm.“ Es ist ein schwüler, beklemmender Glaube, der in diesem Film gezeigt wird. Der Teufel, obwohl nie sichtbar, scheint hier an jeder Ecke zu lauern. „Du bist nicht allein – er ist immer bei dir“, heißt es im Film. Gemeint ist aber nicht etwa Gott, sondern der Teufel. Er ist die eigentliche Hauptperson.

Ein Lehrfilm oder eine Persiflage?

Als evangelischer Zuschauer schwankt man: Ist das hier Gezeigte ein katholischer Lehrfilm für ordnungsgemäße Teufelsaustreibung? Oder doch eher eine Persiflage auf ultrafrommen Stuss? Im (evangelischen) Theologiestudium hatte ich über den Umgang mit dem Bösen jedenfalls ganz anderes gelernt. Zur Frage, ob es den Teufel gebe und wie sehr man sich mit ihm beschäftigen solle, hieß es: Ein kurzer Blick auf das Böse genügt. Wer seine Zeit ständig im Schattenboxen mit dem Teufel verbringt, gibt ihm zu viel der Ehre. Wer zu lange in den Abgrund schaut, riskiert, selbst verschlungen zu werden.

Ein Pater mit diabolischer Wucht

Einen gewissen Reiz bezieht „Das Ritual“ durch den unheimlichen Pater Lucas, mit diabolischer Wucht gespielt von Oscar-Preisträger Anthony Hopkins. Er erscheint hier wie ein Wiedergänger des Serienmörders „Hannibal, der Kannibale“, den er im Horrorfilm „Das Schweigen der Lämmer“ spielte. Und so rechnet man jeden Moment damit, dass sich das Böse nun auch im Pater Bahn bricht – was es dann tatsächlich tut: Barfuß und völlig entrückt läuft er durch die Heilige Stadt und schlägt unvermittelt ein kleines Mädchen ins Gesicht. Dem Wahnsinn nahe, bittet er seinen Exorzismus-Anwärter Michael, ihn zu fesseln. Doch die Fesseln hindern den Pater nicht daran, vollends durchzuknallen: „Die Hölle kennt kein Erbarmen“, grunzt er. „Es gibt keine Hoffnung. Gott ist tot.“ Dann sprengt er seine Fesseln, um Michael zu würgen. Wieder müssen Kruzifix und magische Beschwörungsformeln helfen, um die Macht des Bösen zu bannen.

Zu berichten ist noch der Versuch eines glücklichen Endes: Michael befreit den Pater von seinem Dämonen. „Ich finde, der Glaube steht Ihnen. Verlieren Sie ihn nicht“, rät der Pater zum Abschied. Doch das rettet „Das Ritual“ auch nicht mehr. Denn an diesem Film nervt einfach alles: Die Musik ist aufdringlich, die Dialoge sind platt, die Priester dämlich. Dazu kommt der nervige Starkregen, der im Film ständig prasselt – so viel wie in diesem Film regnet es in Rom im ganzen Jahr nicht. Vertraut daher dem Rezensenten: Meidet diesen Film!

The Rite – Das Ritual, Regie: Mikael Håfström. Mit Anthony Hopkins, Colin O’Donoghue, Alica Braga. 113 Minuten, freigegeben ab 18 Jahren. Start: 17. März

Bernhard Limberg

Fürbittengebet aus Tokio

Bernhard Limberg

14. März 2011

Das Fürbittengebet der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Tokio:


Gott, du hast die Welt geschaffen. Dafür waren wir immer dankbar. Darauf haben wir immer vertraut, dass wir ein Teil deiner Schöpfung sind, von dir gewollt und zu Gutem bestimmt.
Jetzt haben wir erlebt, dass deine Schöpfung auch ein anderes Gesicht hat. Wir haben erlebt, wie klein wir Menschen sind.
Manche von uns haben Stunden der Angst erlebt, Stunden der Unsicherheit und Sorge. Die Menschen in der Erdbebenregion haben ihr Leben verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz.
Und der Schrecken ist noch nicht vorbei. Das Kernkraftwerk in Fukushima ist noch nicht sicher.
Dennoch hoffen wir auf dich, Gott, halten an dir fest und bitten dich deine Gegenwart in all diesen schlimmen Erfahrungen.

Wir bitten für die Familien, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben.
Wir bitten für die Verstorbenen.
Wir bitten für die Menschen in den Notunterkünften.
Wir bitten für die Menschen, die vor dem Nichts stehen.
Wir bitten für die vielen Helfer, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.

An dir halten wir uns fest, Gott, gerade, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.
Auf dich hoffen wir, in allem, was wir erleben, ertragen, durchmachen müssen.
Begleite du uns, dass wir nicht verzweifeln.
Hilf uns, aufeinander zu achten, richtige Entscheidungen zu treffen und zu helfen, wo wir können. Amen.

Bernhard Limberg

NZ zu Guttenberg auf dem KcF

Bernhard Limberg

23. Februar 2011

Thema des Tages: Gestern hat idea die Frage aufgegriffen, ob zu Guttenberg auf einem christlichen Wertekongress sprechen dürfte. Die Reaktionen auf das Editorial von Horst Marquardt (ideaSpektrum Nr. 8 vom 23. Februar 2011) fallen sehr unterschiedlich aus (siehe Forum). Die Nürnberger Zeitung hat sich gestern auch mit dem Thema beschäftigt.

Karsten Huhn

Kampf gegen Blutrache

Karsten Huhn

22. Februar 2011

Der Dschungel ist ein gewalttätiges Paradies. Der Sprachforscher Klaus Kuegler zieht mit einer Frau, der Krankenschwester Doris, und drei Kindern nach West-Papua, um mit dem Stamm der Fayu zu leben. Die Fayu leben ohne Kontakt zur Außenwelt, jagen mit Pfeil und Bogen und vollziehen die Blutrache. Sabine, das Dschungelkind, freundet sich mit den einheimischen Kindern an, lernt deren Sprache und Bräuche. Doch immer wieder kommt es zwischen den Fayu zu Konflikten, die Häuptling Boko mit Gewalt löst.

Dschungelkind

Die deutsche Familie zieht sich dann in die Hütte zurück und wartet, bis die Kämpfe vorüber sind. „Wir können ihnen nicht von heute auf morgen Versöhnung beibringen“, sagt der Vater. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte, die Sabine Kuegler in ihrem mehr als 1,5 Millionen Mal verkauften Bestseller „Dschungelkind“ erzählt hat. Ihre Eltern waren ursprünglich Wycliff-Bibelübersetzer, später wurden sie von einer christlichen indonesischen Organisation unterstützt. Dass die Eltern Missionare sind, unterschlägt der Film. Statt einem Tischgebet gibt es vor dem Essen ein „Piep-piep-piep, wir haben uns alle lieb“. Das ist ärgerlich, aber verschmerzbar. Mit „Dschungelkind“ ist ein berührender Film gelungen, mit wunderbaren Bildern und angenehmem Humor. Im Zentrum steht der Kampf gegen die Blutrache und den Teufelskreislauf der Gewalt. Das Dschungelkind und seine Familie wirken als Friedensstifter, ihre Botschaft ist Vergebung.

Dschungelkind. Regie: Roland Suso Richter. Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Sina Tkotsch. 130 Minuten, FSK: ab 12 Jahre

Karsten Huhn

Was passiert, wenn du stirbst?

Karsten Huhn

1. Februar 2011

Dieser Menschheitsfrage stellt sich Kultregisseur Clint Eastwood. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen – diese Melodie ist der Grundton des Dramas „Hereafter – Das Leben danach“. Drei Geschichten erzählt der Film: Die französische Nachrichtensprecherin Marie wird während eines Thailandurlaubs von einem Seebeben weggerissen und ertrinkt. Sie macht eine Nahtoderfahrung, bis sie geborgen und wiederbelebt wird. Der zwölfjährige Marcus verliert in London seinen geliebten Zwillingsbruder Jason durch einen Verkehrsunfall.

George (Matt Damon) hat die Gabe, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. © 2010 Warner Bros. Ent.

George (Matt Damon) hat die Gabe, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. © 2010 Warner Bros. Ent.

Am interessantesten ist der Fabrikarbeiter George in San Francisco. Er hat früher sein Geld als Medium verdient: Er versuchte, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen und den Hinterbliebenen deren Botschaften zu übermitteln. Eigentlich hat George die Arbeit aufgegeben, weil das damit verbundene Wissen für ihn zu schmerzhaft ist. „Das ist keine Gabe, das ist ein Fluch“, sagt er über seine Fähigkeit, ins Jenseits zu schauen. „Es nimmt mir jede Chance auf ein normales Leben.“ Denn hinter jedem Tod steckt eine Tragödie, hinter jeder Familie ein schmerzhaftes Geheimnis. So viel wird klar: Glücklich macht der Kontakt zum Totenreich nicht. Es ist nicht gut, alles über andere Menschen zu wissen.

Aber wie sieht es nun wirklich aus, das Leben nach dem Tod? Der Film ist klug genug, das offenzulassen. Die Jenseitsvisionen sind sehr diskret, sie flackern als Sekundenbruchteile auf, verschwommen. Doch dass der Tod nicht das letzte Wort hat, wird in „Here­after“ deutlich. Und noch etwas: „Ein Leben, das sich nur um den Tod dreht, ist keins“, erkennt George, der auf den Kontakt mit dem Jenseits endgültig verzichtet.

Hereafter – Das Leben danach. Regie: Clint Eastwood. Mit Matt Damon, Cécile De France, Bryce Dallas Howard, Jay Mohr. Produzent: Steven Spielberg. 129 Minuten, FSK: ab 12 Jahren